AfD be­stimmt, bis der Arzt kommt

In Le­bus soll es den vier­ten An­lauf zur Wahl ei­nes Stadt­ober­haupts ge­ben

Neues Deutschland - - Brandenburg - Von Andre­as Frit­sche

Die Wahl von Det­lev Frye (AfD) zum Vi­ze­bür­ger­meis­ter von Le­bus wur­de als un­gül­tig ein­ge­stuft. Jetzt be­wer­ben sich zwei Par­tei­lo­se um den va­kan­ten Bür­ger­meis­ter­pos­ten: ein Arzt und ein Ret­tungs­as­sis­tent. Die Stadt­ver­ord­ne­ten von Le­bus (Mär­kisch-Oder­land) sol­len vor­aus­sicht­lich im März über ei­nen neu­en eh­ren­amt­li­chen Bür­ger­meis­ter ab­stim­men. Das ge­naue Da­tum ha­ben sie noch nicht. Zwar steht im Sit­zungs­ka­len­der der 6. März, 18.30 Uhr, ver­merkt. Doch die Sit­zungs­ter­mi­ne im Kul­tur­haus an der Kiet­zer Chaus­see wer­den für ein hal­bes Jahr im vor­aus ver­merkt. Dar­auf ver­las­sen sich die Stadt­ver­ord­ne­ten nicht. Sie war­ten auf die förm­li­che Ein­la­dung mit dem kor­rek­ten Da­tum, und die ist noch nicht ein­ge­trof­fen.

Wie Wahl­lei­te­rin Iris Fracko­wi­ak dem »nd« am Mitt­woch be­stä­tig­te, ha­ben sich in­zwi­schen zwei par­tei­lo­se Kan­di­da­ten ge­mel­det: schon En­de Ja­nu­ar der 32-jäh­ri­ge Ret­tungs­as­sis­tent Mar­tin Thiel und vor ei­ni­gen Ta­gen dann auch noch der 49jäh­ri­ge Arzt Rei­ko Mor­tag. Je­der­zeit mög­lich, auch noch wäh­rend der Sit­zung, ist ei­ne Be­wer­bung des Stadt­ver­ord­ne­ten Det­lev Frye (AfD). Frye hat sich die­se Va­ri­an­te bis­lang of­fen ge­hal­ten. Er hat zwi­schen­zeit­lich auch de­men­tiert, dass er ei­nen Rück­zie­her ge­macht ha­be. Va­kant ist der Pos­ten, seit im Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res die Bür­ger­meis­te­rin und ih­rer Stell­ver­tre­te­rin zu­rück­ge­tre­ten sind. Es gab fast per­ma­nent Zoff.

Der Ret­tungs­as­sis­tent Thiel ist in Le­bus ein un­be­schrie­be­nes Blatt. Den Or­tho­pä­den Mor­tag, der in Frank­furt (Oder) prak­ti­ziert und der sich in Le­bus ein Häu­schen bau­te, den kennt man hier – al­ler­dings nicht als kom­mu­nal­po­li­tisch be­schla­ge­nen Mann. Bei­de müss­ten sich min­des­tens ein hal­bes Jahr lang ein­ar­bei­ten, so heißt es. Des­halb wer­den sie für un­ge­eig­net ge­hal­ten.

Mor­tag ver­riet: »Kom­mu­nal­po­li­ti­sche Er­fah­run­gen über das nor­ma­le Maß ei­nes Bür­gers mei­ner Stadt hin­aus ha­be ich nicht, aber da­mit auch nicht ein Ein­bahn­stra­ßen­den­ken.« Als Bür­ger­meis­ter möch­te er den Ein­woh­nern das Ge­fühl ge­ben, Teil der Stadt zu sein. »Es ent­stand in den letz­ten Jah­ren im­mer mehr der Ein­druck, dass sich die Ver­wal­tung ste­tig wei­ter von den Bür­gern ent­fern­te«, be­klag­te er. Es gel­te, den Men­schen zu zei­gen, »dass sich die Ver­wal­tung für ih­re In­ter­es­sen ein­setzt und nicht nur in in­ne­ren Kon­flik­ten und Ri­va­li­tä­ten sich mit sich selbst be­schäf­tigt.« Im Früh­jahr 2019 gibt es im Land Bran­den­burg Kom­mu­nal­wah­len. Dann wer­den al­le eh­ren­amt­li­chen Bür­ger­meis­ter durch die wahl­be­rech­tig­ten Ein­woh­ner der Städ­te und Ge­mein­den be­stimmt. Thiel, Mor­tag oder wer auch im­mer müss­ten sich die­ser Wahl stel­len.

Es könn­te sein, es ist so­gar wahr­schein­lich, dass die Stadt­ver­ord­ne­ten Thiel und Mor­tag durch­fal­len las­sen, um die Ent­schei­dung den Bür­gern zu über­las­sen. Einst­wei­len wür­de der Par­la­ment­s­äl­tes­te Joa­chim Nau­mann (CDU) die Ge­schi­cke der rund 3000 Ein­woh­ner zäh­len­den Kle­in­stadt len­ken. Soll­te Ne­u­mann sich an­ders ent­schei­den, könn­te es aber auch da­zu kom­men, dass Frye so­fort ge­gen Thiel und Mor­tag an­tritt.

Am 9. No­vem­ber hat­te das Stadt­par­la­ment Frye be­reits in ge­hei­mer Wahl mit zehn zu drei Stim­men zum Vi­ze­bür­ger­meis­ter ge­kürt. Er wä­re da­mit au­to­ma­tisch am­tie­ren­der Bür­ger­meis­ter ge­we­sen – der ers­te AfDBür­ger­meis­ter im Land Bran­den­burg. Für Frye vo­tiert hat­ten of­fen­bar auch Nau­mann von der CDU so­wie die bei­den par­tei­lo­sen Stadt­ver­ord­ne­ten Micha­el Kar­cher und Micha­el Buch- heim, die bei der Kom­mu­nal­wahl 2014 für die LIN­KE an­ge­tre­ten wa­ren. Auf­grund ei­nes Ver­fah­rens­feh­lers war Frye al­ler­dings le­dig­lich we­ni­ge Tage im Amt. Ein zwei­ter An­lauf am 23. Ja­nu­ar schei­ter­te, weil nur vier Stadt­ver­ord­ne­te er­schie­nen und das Par­la­ment des­halb nicht be­schluss­fä­hig war. Auch der drit­te Ver­such am 25. Ja­nu­ar ging da­ne­ben. An die­sem Tag soll­te nicht wie­der der neue Vi­ze­bür­ger­meis­ter, son­dern dies­mal der neue Bür­ger­meis­ter ge­wählt wer­den. Doch die Sit­zung muss­te auf­grund ei­nes dra­ma­ti­schen Schwä­che­an­falls des 72-jäh­ri­gen Par­la­ment­s­äl­tes­ten Nau­mann ab­ge­bro­chen wer­den. Er wur­de mit Blau­licht und Mar­tins­horn ins Kran­ken­haus ge­bracht, hat sich aber, wie zu hö­ren ist, mitt­ler­wei­le er­holt. Ret­tungs­as­sis­tent Thiel, der sich über­ra­schend und kurz­fris­tig als Bür­ger­meis­ter­kan­di­dat ge­mel­det hat­te, kam an dem Abend nicht mehr da­zu, sich vor­zu­stel­len.

Wäh­rend des Vor­falls ge­wan­nen Be­ob­ach­ter den Ein­druck, dass Det­lev Frye, der frü­her als Pres­se­spre­cher der AfD-Land­tags­frak­ti­on tä­tig war, der ton­an­ge­ben­de Mann in der Le­bu­ser Kom­mu­nal­po­li­tik sei, der sich in Sze­ne zu set­zen wis­se und be­stim­me, was ge­macht wer­de. Er sprang bei Nau­manns Schwä­che­an­fall auf und ver­kün­de­te, dass die Sit­zung un­ter­bro­chen wer­den müs­se, was frei­lich ei­ne nö­ti­ge und rich­ti­ge Ent­schei­dung war. Rund­funk­mo­de­ra­tor beim rbb ist Frye auch mal ge­we­sen, und am 25. Ja­nu­ar be­schul­dig­te er ei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen des Sen­ders, die­ser ha­be mit sei­ner Vor­be­richt­er­stat­tung der­ar­tig Druck er­zeugt, dass Nau­mann zu­sam­men­ge­bro­chen sei. Die Me­dien­schel­te klang sehr AfD-ty­pisch. Ein Zu­schau­er mach­te her­nach lei­se aus­län­der­feind­li­che Be­mer­kun­gen.

Al­ler­dings wird in Le­bus be­teu­ert, Frye selbst sei hier nie mit frem­den­feind­li­chen oder an­de­ren von der AfD ge­wohn­ten Äu­ße­run­gen auf­ge­fal­len. Ge­ne­rell ma­che man in Le­bus kei­ne Politik nach Par­tei­buch. An­de­re Sor­gen pla­gen. Be­son­ders die Schul­den­last drückt, ob­wohl be­reits die Aus­ga­ben ge­kürzt wor­den sind. So sind drei bis da­hin re­gel­mä­ßi­ge Volks­fes­te ab­ge­sagt wor­den.

Fo­to: dpa/Patrick Pleul

Am Abend des 25. Ja­nu­ar ging es un­ver­rich­te­ter Din­ge nach Hau­se.

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