Vi­deo­über­wa­chung hat we­nig ge­bracht

In Pots­dam, Frank­furt (Oder) und Gu­ben hat­te die Po­li­zei im Jahr 2016 öf­fent­li­che Plät­ze mit Ka­me­ras im Blick

Neues Deutschland - - Brandenburg - Von Wil­fried Nei­ße

279 Aus­kunfts­er­su­chen der Po­li­zei, um Stand­or­te von Mo­bil­te­le­fo­nen zu er­mit­teln, 73 au­to­ma­ti­sche Er­fas­sun­gen von Au­to­kenn­zei­chen – ei­ne Bi­lanz. Zu den Re­ak­tio­nen der Po­li­zei auf ge­walt­tä­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Flücht­lin­gen und Ein­hei­mi­schen in Cott­bus ge­hört die per­ma­nen­te Vi­deo­über­wa­chung. Über die Kon­trol­le des Vor­plat­zes der Stadt­hal­le sag­te In­nen­mi­nis­ter Karl-Heinz Schrö­ter (SPD): »Es ist al­ler­dings ge­plant, die Vi­deo­über­wa­chung in Cott­bus län­ger­fris­tig bei­zu­be­hal­ten. Das ist ein Teil des Si­cher­heits­kon­zep­tes für die Stadt we­gen der jüngs­ten Vor­fäl­le in Cott­bus an die­ser zen­tra­len Stel­le.«

Die­se Äu­ße­rung mach­te Schrö­ter kürz­lich, als er im Land­tag über die Da­ten­er­he­bung im Rah­men des Po­li­zei­ge­set­zes sprach. Die­ses Ge­setz er­laubt der Po­li­zei un­ter be­stimm­ten Um­stän­den, Da­ten zu er­he­ben, die ei­gent­lich dem Da­ten­schutz un­ter­lie­gen. Da­zu zäh­len die Vi­deo­über­wa­chung, die Be­ob­ach­tung von Woh­nun­gen, das Ab­hö­ren von Te­le­fon­an­ru­fen und die Ab­fra­ge von Te­le- fon­ver­bin­dun­gen, au­ßer­dem die au­to­ma­ti­sche Er­fas­sung von Au­to­kenn­zei­chen. Dem In­nen­mi­nis­ter zu­fol­ge wur­de im Jahr 2016 in Pots­dam, Frank­furt (Oder) und Gu­ben von der Mög­lich­keit der Vi­deo­über­wa­chung Ge­brauch ge­macht. Im­mer­hin 279 Mal wur­de in die­ser Zeit über das Aus­kunfts­er­su­chen bei Mo­bil­funk­be­trei­bern der Stand­ort ei­nes Mo­bil­te­le­fons er­mit­telt. »Zur Ge­fah­ren­ab­wehr«, wie Schrö­ter ver­si­cher­te. »Haupt­säch­lich ging es um schnel­le Hil­fe bei ei­ner Selbst­mord­ge­fahr oder um die Su­che nach Ver­miss­ten.«

Das um­strit­te­ne Mit­tel der au­to­ma­ti­schen Kenn­zei­chen­er­fas­sung kam 73 Mal zum Ein­satz. Ein Er­folg war nicht zu ver­mel­den. »Von den ge­such­ten Fahr­zeu­gen konn­te je­doch in die­sem Jahr kei­nes fest­ge­stellt wer­den, weil in den meis­ten Fäl­len nach ver­miss­ten oder sui­zid­ge­fähr­de­ten Per­so­nen ge­sucht wur­de, die häu­fig be­reits vor­her an­der­wei­tig ge­fun­den wer­den konn­ten.«

Schrö­ter un­ter­strich, die Vi­deo­über­wa­chung ha­be in den meis­ten Fäl­len zu ei­nem Rück­gang der Straf­ta­ten ge­führt – »zum Teil so­gar ent­ge­gen dem Ent­wick­lungs­trend der nä­he­ren und wei­te­ren Um­ge­bung.« Der Mi­nis­ter be­rief sich auf Fach­leu- te, wo­nach die Vi­deo­über­wa­chung durch­aus ef­fek­tiv sei »und ein wich­ti­ges, zum Teil so­gar un­ver­zicht­ba­res Mit­tel der zeit­ge­mä­ßen Po­li­zei­ar­beit«.

Da­mit wi­der­sprach er aus­drück­lich der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ur­su­la Non­ne­ma­cher (Grü­ne). Die sag­te, es sei zu Ge­nü­ge be­kannt, »dass ei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung durch Vi­deo­ka­me­ras nicht nach­weis­bar ist.« Gegner die­ser Maß­nah­me füh­ren ins Feld, dass auf ei­ne sol­che Über­wa­chung kon­kre­ter Plät­ze meist ei­ne Ver­drän­gung von Kri­mi­na­li­tät fol­ge, dies heißt, Straf­ta­ten kom­men dann an an­de­ren Or­ten in der Nä­he, die nicht vi­deo­über­wacht wer­den, um­so ge­häuf­ter vor. Non­ne­ma­cher er­klär­te, die Da­ten­er­he­bung durch die Po­li­zei dür­fe in ih­rem Nut­zen nicht über­schätzt wer­den. In kei­nem Fall wür­de sie die klas­si­sche Po­li­zei­ar­beit er­set­zen.

Der Ab­ge­ord­ne­te Hans-Jür­gen Schar­fen­berg (LIN­KE) lehn­te die Vi­deo­über­wa­chung zwar nicht rund­weg ab. Er ver­spricht sich aber nicht all­zu viel da­von. Man müs­se sehr dar­auf ach­ten, »dass Vi­deo­über­wa­chung nicht zu ei­ner deut­li­chen Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten im Land Bran­den­burg führt«. Zur Vi­deo- über­wa­chung am Vor­platz des Pots­da­mer Haupt­bahn­hofs er­klär­te Schar­fen­berg: »Ich glau­be, dass die ab­schre­cken­de Wir­kung nicht be­son­ders hoch ist.« 2016 sei die Zahl der Straf­ta­ten dort ähn­lich hoch wie 2001 ge­we­sen, als die Vi­deo­über­wa­chung be­gann. Der Po­li­ti­ker er­in­ner­te dar­an, dass es an­ge­sichts der sei­ner­zeit ge­schaf­fe­nen viel­fäl­ti­gen Ein­griffs­und Aus­späh­mög­lich­kei­ten »die Sor­ge der ex­zes­si­ven An­wen­dung« ge­ge­ben ha­be. Das ha­be sich im­mer­hin nicht be­wahr­hei­tet. Der »gro­ße Lausch­an­griff«, wie er in den 1990er Jah­ren als Mit­tel ge­gen or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät er­mög­licht wur­de, sei in Bran­den­burg seit­her nicht ein ein­zi­ges Mal un­ter­nom­men wor­den.

Der Ab­ge­ord­ne­te Björn La­ken­ma­cher (CDU) sprach sich da­für aus, die Vi­deo­über­wa­chung an Kri­mi­na­li­täts­schwer­punk­ten durch au­to­ma­ti­sier­te Ver­fah­ren wei­ter zu ent­wi­ckeln. »Ich weiß, dass der Mi­nis­ter die­sen Weg ger­ne ge­hen wür­de. Aber der klei­ne Ko­ali­ti­ons­part­ner, die LIN­KE, wirft ihm im­mer wie­der Knüp­pel zwi­schen die Bei­ne«, be­schwer­te sich La­ken­ma­cher. Sei­nem Par­la­ments­kol­le­gen Hans-Jür­gen Schar­fen­berg warf er vor: »Sie sind der per­so­ni­fi­zier­te Ver­hin­de­rer.«

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