Reich wer­den, reich sein, reich blei­ben

Rid­ley Scotts »Al­les Geld der Welt« er­zählt, wie weit man un­term Schirm ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se Mensch sein kann

Neues Deutschland - - Feuilleton - Von Fe­lix Bar­tels

Wohl seit Be­ginn der 90er Jah­re lei­det Rid­ley Scott am Ruf, nie wie­der auf das Ni­veau sei­ner frü­hen Strei­che »Ali­en« (1979) und »Bla­de Run­ner« (1982) ge­langt zu sein. Die­ser Ruf ist eben­so un­ge­recht wie be­rech­tigt. Un­ge­recht, weil seit­her ein hal­bes Dut­zend wei­te­rer Scott-Fil­me durch­aus gu­tes Ki­no wa­ren und mit dem »Mar­sia­ner« (2015), wie ich glau­be, ein Werk ge­lun­gen ist, das je­dem Ver­gleich stand­hiel­te. Be­rech­tigt je­doch, weil der frü­he Scott ei­ne äs­t­he­ti­sche Li­nie mar­kiert hat­te, die er seit lan­gem ver­las­sen hat. Scott ist heu­te mehr Kön­ner als Künst­ler. Was er an­packt, wird was, und selbst, wenn er Mist baut, bleibt er noch ge­nieß­bar. Aber es fehlt zu oft die be­son­de­re Idee der Gestal­tung, die die Bil­der nicht bloß schön macht, son­dern selbst zur Mit­tei­lung wer­den lässt. Es fehlt der Stil.

Der Film »Al­les Geld der Welt«, der den his­to­ri­schen Fall der Get­ty-Ent­füh­rung zum Stoff nimmt, scheint in man­cher Hin­sicht ei­ne Rück­kehr vom blo­ßen Kön­nen zur Kunst an­zu­deu­ten. Die blank ge­putz­ten Bil­der, die aal­glat­te Schön­heit fin­den wir in die­sem Film eben­so, aber nur fall­wei­se ein­ge­setzt. Be­son­ders in den Sze­nen, die den kunst­be­wuss­ten Mil­li­ar­där Je­an Paul Get­ty (Chris­to­pher Plum­mer) zei­gen. Dort ge­hört sie hin, und wenn der Al­te sei­nem En­kel Paul (Char­lie Plum­mer) un­ter sanft fal­len­dem Schnee die Welt er­klärt, weiß man wie­der, war­um es sich lohnt, viel Geld in die Her­stel­lung von Fil­men zu ste­cken. In an­de­ren Sze­nen, wo der Hoch­glanz fehl am Platz wä­re, fehlt er fol­ge­rich­tig. Das be­trifft be­son­ders die Pas­sa­gen, die Pauls Ent­füh­rung zei­gen. Sie sind schmut­zi­ger ge­zeich­net, die Ka­me­ra ist we­ni­ger ru­hig, so­dass vi­su­ell der Ein- druck ent­steht, man schaue zwei Fil­me im Wech­sel.

Die­se bild­li­che Tei­lung ist kein Zu­fall. Denn ei­gent­lich ist »Al­les Geld der Welt« tat­säch­lich zwei Fil­me: ei­ne Ent­füh­rungs­ge­schich­te und ei­ne Lö­se­geld­ge­schich­te. Bei­de könn­ten se­pa­rat wohl bes­ser er­zählt wer­den. Sie grei­fen kaum in­ein­an­der; In­ter­ak­tio­nen zwi­schen den Ent­füh­rern und der Get­ty-Fa­mi­lie sind sel­ten, was auch da­mit zu­sam­men­hängt, dass der dra­ma­tisch trag­fä­higs­te Kon­flikt der Hand­lung nicht zwi­schen die­sen bei­den Par­tei­en, son­dern in­ner­halb der Get­ty-Fa­mi­lie liegt. Die Ent­füh­rungs­ge­schich­te kann, so psy­cho­lo­gisch fein die Be­zie­hung zwi­schen Paul und sei­nem Kid­nap­per Cin­quan­ta (Ro­main Du­ris) auch ent­wi­ckelt wird, mit dem Kon­flikt zwi­schen dem al­ten Get­ty und sei­ner Schwie­ger­toch­ter Gail (Mi­chel­le Williams) nicht mit­hal­ten. Nimmt man es ganz ge­nau, se­hen wir ei­ne zur His­to­rie auf­ge­pump­te Cha­rak­ter­stu­die.

Denn der Film hat ge­nau ei­ne Haupt­fi­gur. Es ist nicht der Ent­führ­te. Es ist nicht die Mut­ter des Ent­führ­ten. Und es ist nicht der Un­ter­händ­ler Flet­cher Cha­se (Mark Wahl­berg). Ob­wohl der sich an­bö­te, denn man kennt das Mus­ter aus schlech­ten Fil­men wie »Proof of Li­fe« (2000), wor­in (na­tür­lich) der Mann smart als Ret­ter ein­rei­tet, um (na­tür­lich) der Frau bei­zu­ste­hen, die will, aber nicht weiß, wie. In die­se Fal­le tappt »Al­les Geld der Welt« nur da­durch nicht, dass die­se Be­zie­hung, wie auch al­le an­de­ren des Films, ge­gen­über der Haupt­fi­gur in den Hintergrund tre­ten. Es ist der Mil­li­ar­där Je­an Paul Get­ty, um des­sen Den­ken und schwer nach­voll­zieh­ba­res Ver­hal­ten sich al­les dreht. Tat­säch­lich hat­te sich der ech­te Get­ty 1973 ge­wei­gert, die ge­for­der­te Sum­me zu zah­len. Der Film wid­met sich haupt­säch­lich der Fra­ge, war­um. Mit mäch­ti­gen Wor­ten brei­tet der Mil­li- ar­där ei­ne durch­ge­knall­te Lo­gik aus, die jeg­li­che Be­reit­schaft zu Mit­ge­fühl er­stickt, gleich­wohl je­doch kon­sis­tent ist.

Als, in ei­ner Rück­blen­de, sei­ne Schwie­ger­toch­ter Gail auf Un­ter­halt und sämt­li­che Ab­fin­dun­gen ver­zich­tet, um da­für das al­lei­ni­ge Sor­ge­recht ih­res Soh­nes Paul zu er­hal­ten, ver­steht der al­te Get­ty die­ses Ma­nö­ver nicht. Er fragt sie, was der Trick sei, denn je­der wol­le doch sein Geld. Der­art wirft die Sze­ne ei­nen Schat­ten auf Get­tys spä­te­re Hal­tung wäh­rend der Ent­füh­rung vor­aus. Hier wie dort hält er Geld für wich­ti­ger als den ge­lieb­ten En­kel. Er ist nicht ein­fach un­mensch­lich, nur kon­se­quen­ter mit sich selbst, in­dem er sich oh­ne Sen­ti­men­ta­li­tät so ver­hält, wie es sei­ner so­zia­len Po­si­ti­on ent­spricht. Er ist der Chef ei­nes lau­fen­den Kon­zerns, der Ver­mö­gen nicht bloß hat, son­dern stän­dig neu ge­ne­rie­ren muss. Reich wer­den, sagt er, sei ganz ein­fach; reich sein (und blei­ben) sei die ei­gent­li­che Kunst. Wie viel Geld er denn brau­che, um sich end­lich si­cher füh­len zu kön­nen, wird er ge­fragt. »Mehr«, lau­tet sei­ne Ant­wort. Wie in Mar­xens Ar­beits­wert­theo­rie ist Geld vom Ver­mitt­ler zum Zweck ge­wor­den. Das ver­an­schau­licht der Film in vie­len Mo­men­ten. Get­ty könn­te es sich leis­ten, sei­ne Wä­sche wa­schen zu las­sen, und wäscht sie den­noch lie- ber selbst. Er könn­te sich leis­ten, sei­nen En­kel aus­zu­lö­sen, und wei­gert sich. Der Ka­te­go­ri­sche Im­pe­ra­tiv wird ihm da­bei zum Schutz­schild: »Ich ha­be 14 En­kel. Wenn ich für ei­nen Lö­se­geld zah­le, ha­be ich bald 14 ge­kid­napp­te En­kel.« Wenn er ein­mal mensch­lich ist, müss­te er im­mer mensch­lich sein, und wenn er im­mer mensch­lich wä­re, könn­te er nicht reich blei­ben.

Die Ein­sam­keit die­ser Po­si­ti­on, die auch dra­ma­tur­gisch da­rin gespiegelt wird, dass die­se Haupt­fi­gur kei­nen eben­bür­ti­gen Ge­gen­spie­ler hat, ver­an­schau­licht Scott in ei­ner schön ar­ran­gier­ten Sze­ne, wor­in Get­ty ge­gen sich selbst Schach spielt. »Man lernt ei­nen Men­schen«, sagt er an an­de­rer Stel­le, »erst wäh­rend ei­ner Schei­dung rich­tig ken­nen.« Ent­zwei­ung ist für ihn das Wah­re, Ver­bun­den­heit bloß Schein. Es gibt kein Wir, nur das Ich. Wenn Ka­pi­tal re­den könn­te, re­de­te es so.

Die­se ge­dank­li­che Fracht des Films, die sei­ne Stär­ke aus­macht, über­schrei­tet bei­na­he die vom Gen­re ge­zo­ge­nen Gren­zen. So gut die Sa­che in­sze­niert und ge­spielt ist, was sich blei­bend im Be­trach­ter fest­setzt, kommt fast aus­schließ­lich aus der Re­de, nicht aus der Hand­lung. Wenn da nicht doch die an­de­re Ge­schich­te wä­re, die auf hin­ter­sin­ni­ge Wei­se zum Ge­gen­ent­wurf taugt. Der Ent­füh­rer Cin­quan­ta of­fen­bart Paul sein Ge­sicht und stellt so ei­ne Art Patt der ge­gen­sei­ti­gen Gna­de her, dem­nach er die heik­le In­for­ma­ti­on, dass Paul ihn nun iden­ti­fi­zie­ren kön­ne, sei­nen Mi­tent­füh­rern ver­schweigt und da­für Paul bit­tet, sei­ner­seits nach der Ent­füh­rung zu schwei­gen. »Ich ver­ra­te dich nicht, du ver­rätst mich nicht.« Cin­quan­ta muss­te die Mas­ke nicht fal­len las­sen. Er will nicht, dass Paul ihn bloß ein­fach nicht ver­rät, er will, dass er es frei­wil­lig tut. So wird aus der asym­me­tri­schen Be­zie­hung von Tä­ter und Op­fer ei­ne der Gleich­heit ge­gen den Rest der Welt (Mi­tent­füh­rer, Ma­fia, Po­li­zei, Fa­mi­lie), und in­dem Paul und Cin­quan­ta als Ver­bün­de­te zu­sam­men­fin­den, ent­steht auf der an­de­ren Sei­te, wo man es am we­nigs­ten er­war­ten soll­te, tat­säch­lich je­nes Wir, dem sich der Groß­va­ter, von dem es er­war­tet wird, wi­der­setzt.

So er­zählt »Al­les Geld der Welt« recht ei­gent­lich, wie weit man un­term Schirm ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se Mensch sein kann und dass es dort­hin kaum je ei­nen ge­ra­den und un­zwei­deu­ti­gen Weg gibt.

»Al­les Geld der Welt«, USA 2017. Re­gie: Rid­ley Scott, Darstel­ler: Mark Wahl­berg, Mi­chel­le Williams, Chris­to­pher Plum­mer, 132 Min.

»Man lernt ei­nen Men­schen«, sagt Get­ty, »erst wäh­rend ei­ner Schei­dung rich­tig ken­nen.« Es gibt kein Wir, nur das Ich. Wenn Ka­pi­tal re­den könn­te, re­de­te es so.

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