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Stuhl­kreis, Kü­chen­tisch und Bür­ger­brief: Sach­sens Po­li­tik ver­sucht, mit den Bür­gern ins Ge­spräch zu kom­men

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Hen­drik Lasch, Frei­berg

Spit­zen­po­li­ti­ker in Sach­sen su­chen das Ge­spräch mit den Bür­gern.

Ei­ne wach­sen­de Ent­frem­dung zwi­schen Be­völ­ke­rung und Po­li­tik ließ Pe­gi­da und die AfD in Sach­sen groß wer­den. Jetzt su­chen Po­li­ti­ker das Ge­spräch mit Bür­gern – und ha­ben die Land­tags­wahl 2019 im Blick.

Im Foy­er hän­gen Pla­ka­te: Olaf Schu­bert und Wolf­gang Lip­pert kom­men; auch ei­ne Ü-30-Par­ty wird an­ge­kün­digt. Ein bun­tes Pla­kat, das viel­leicht »Micha­el Kret­sch­mer & Fri­ends« avi­sie­ren wür­de, sucht man im »Ti­vo­li« ver­ge­bens. Und doch ist der Mann, dem an die­sem Abend die Büh­ne des Frei­ber­ger Kul­tur­hau­ses ge­hört, kein Ko­mi­ker oder En­ter­tai­ner, son­dern der ers­te Po­li­ti­ker im Frei­staat. Un­ter ei­nem Kron­leuch­ter und hin­ter halb ge­öff­ne­tem ro­tem Samt­vor­hang sitzt: der säch­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent.

Al­ler­dings ge­hört Kret­sch­mer die Büh­ne nicht al­lein. Er sitzt – für ei­nen kon­ser­va­ti­ven Po­li­ti­ker ein ku­rio­ses For­mat – in ei­nem Stuhl­kreis. Um ihn her­um: Frei­ber­ger Bür­ger, die der Ein­la­dung der Re­gie­rung zum »Sach­sen-Ge­spräch« ge­folgt sind. In »un­ge­zwun­ge­ner At­mo­sphä­re«, so hat­te es ein­gangs der Land­rat be­tont, wol­le man ins Ge­spräch kom­men. Es ge­he dar­um, »was uns be­wegt und was wir be­we­gen wol­len«. Nicht nur der Re­gie­rungs­chef stellt sich den Fra­gen und Mei­nun­gen von im­mer­hin 400 An­we­sen­den. Im gro­ßen Saal mit den glit­zern­den Dis­ko­ku­geln an der De­cke so­wie auf der Em­po­re und in ei­ner an­gren­zen­den Gast­stät­te ste­hen wei­te­re Ti­sche, an de­nen sich sechs Mi­nis­ter und zwei Staats­se­kre­tä­re aus na­he­zu al­len Res­sorts ver­teilt ha­ben. Kaum ist nach kur­zer Vor­stel­lung die Gesprächsrunde frei­ge­ge­ben, bil­den sich vor al­lem um die Mi­nis­ter für Kul­tus und In­ne­res dich­te Trau­ben. Nur ein Ab­tei­lungs­lei­ter aus dem Res­sort für In­te­gra­ti­on hat viel Zeit, an sei­nem Was­ser zu nip­pen.

Wer den Abend im »Ti­vo­li« be­ob­ach­tet, ge­winnt den Ein­druck, dass in Sach­sens Re­gie­rungs­zen­tra­le ein Lied von Gerhard Schö­ne als In­spi­ra­ti­on ge­dient hat. Dar­in be­sang der Lie­der­ma­cher ei­ne Sze­ne, die der im Frei­ber­ger Ball­haus ver­blüf­fend äh­nelt: ei­nen Re­gie­rungs­stab, der »oh­ne Ze­re­mo­ni­en­kram« die Büh­ne be­trat; ei­nen »ers­ten Mann im Staa­te«, der kund­tut, er sei »auf al­le Fra­gen nun ge­spannt«. Das fin­de »im­mer wie­der statt, und je­der darf da rein«, sang Schö­ne – »und kei­ne Fra­ge ist zu heiß, und kein Pro­blem zu klein«. Der Ti­tel des Lie­des: »Mit dem Ge­sicht zum Vol­ke«.

Schö­ne schrieb das Lied im Jahr 1988, als in sei­nem Hei­mat­land DDR die Kluft zwi­schen Po­li­tik und Bür­gern un­über­brück­bar tief ge­wor­den war und vie­le nicht den Ein­druck hat­ten, un­ver­blüm­te Fra­gen sei­en er­wünscht; wer sie doch stell­te, wur­de ge­maß­re­gelt. Dass es auch an­ders ge­hen kann, hat­te der Lie­der­ma­cher im la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Ni­ca­ra­gua er­lebt, wo ei­ne so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung zu Ver­samm­lun­gen lud, die »Mit dem Ge­sicht zum Vol­ke« hie­ßen.

Seit­her sind 30 Jah­re ver­gan­gen. In Ni­ca­ra­gua ha­ben sich Träu­me von einst zer­schla­gen. Im heu­ti­gen Hei­mat­land des Lie­der­ma­chers hat sich in­des eben­falls er­neut die An­sicht breit­ge­macht, dass Po­li­tik und Bür­ger in un­ter­schied­li­chen Sphä­ren le­ben und un­ver­blüm­te Fra­gen nicht er­wünscht sei­en. Zwar wird, wer sie den­noch stellt, nicht ge­schu­ri­gelt. Die Dis­tanz zu Po­li­ti­kern und zur von die­sen re­prä­sen­tier­ten De­mo­kra­tie aber ist enorm. 68 Pro­zent der Sach­sen, so zeig­te der »Sach­sen-Mo­ni­tor 2017«, sind über­zeugt, dass »Leu­te wie ich so oder so kei­nen Ein­fluss« auf das Han­deln der Re­gie­rung ha­ben; fast drei Vier­tel der Be­frag­ten ge­ben an, Po­li­ti­ker sei­en an Stim­men der Wäh­ler, nicht aber an de­ren An­sich­ten in­ter­es­siert. Der Be­fund sei »ein­deu­tig«, so die Stu­die: Das »Ver­trau­en in Red­lich­keit, Volks­zu­ge­wandt­heit und Ge­mein­wohlori­en­tie­rung der po­li­ti­schen Ak­teu­re« sei »sehr ge­ring«.

Die Fol­gen für das po­li­ti­sche Ge­mein­we­sen sind ver­hee­rend. Wah­len wie die des Land­tags 2014 ani­mie­ren we­ni­ger als die Hälf­te der Bür­ger zur Teil­nah­me. Vie­le de­rer, die ih­re Stim­me doch ab­ge­ben, be­trau­en da­mit ei­ne Par­tei wie die AfD, die ex­pli­zit er­klärt, es »de­nen da oben« zei­gen und die »Alt­par­tei­en« auf Tr­ab brin­gen zu wol­len. Bei der Bun­des­tags­wahl 2017 wur­den die Rechts­po­pu­lis­ten im Frei­staat stärks­te Par­tei und über­hol­ten die seit 27 Jah­ren re­gie­ren­de CDU. Es war der zwei­te Schock nach dem von 2015, als in Dres­den ur­plötz­lich Zig­tau­sen­de an den »Spa­zier­gän­gen« von Pe­gi­da teil­nah­men und der Po­li­tik im Wort­sinn die kal­te Schul­ter zeig­ten.

Da­mals gab es ers­te An­läu­fe, zum Dia­log ein­zu­la­den: Fo­ren, die frei­lich eher ver­krampft wirk­ten; mit ei­nem Re­gie­rungs­chef, der noch Sta­nislaw Til­lich hieß und di­rek­ten Bür­ger­kon- takt als eher schwie­ri­ge Übung zu emp­fin­den schien. Kret­sch­mer da­ge­gen, der Til­lich 2017 nach der Plei­te für Sach­sens CDU ab­ge­löst hat und ei­ne Wie­der­ho­lung bei der Land­tags­wahl 2019 ver­hin­dern soll, ist bei Ver­an­stal­tun­gen wie im »Ti­vo­li« in sei­nem Ele­ment. »Na, wo klemmt die Sä­ge?«, fragt er forsch – und fügt ein Be­kennt­nis an: In den Hoch­zei­ten von Pe­gi­da ha­be man er­bos­ten Bür­gern zu oft »un­lau­te­re Din­ge« un­ter­stellt, was Dia­log un­mög­lich ge­macht ha­be. Das sei »ein Feh­ler« ge­we­sen, sagt er und be­tont, zu ihm kön­ne »je­der« kom­men: »Ich will das an­ders ma­chen.«

Kret­sch­mer ist längst nicht der ein­zi­ge säch­si­sche Po­li­ti­ker, der das »Ge­sicht zum Vol­ke« ge­wen­det hat. An­de­rer Ort, ähn­li­che Sze­ne: der »Gro­ße Lin­den­saal« im Rat­haus von Mar­klee­berg. An der De­cke ed­le Ju­gend­stil-Leuch­ter, um die Büh­ne röt­li­ches Licht, im Par­kett knapp 150 Men­schen an Ta­feln. Sie ste­hen rund um ein Mö­bel, das in Sach­sen mitt­ler­wei­le so be­kannt sein dürf­te wie sein Be­sit­zer: der Kü­chen­tisch von SPDLan­des­chef Mar­tin Du­lig. An Kü­chen­ti­schen ge­be es die bes­ten Un­ter­hal­tun­gen, sag­te der Va­ter von sechs Kin­dern im Wahl­kampf 2014 und lud be­reits da­mals Bür­ger zum Dia­log an das wuch­ti­ge Mö­bel­stück ein. Nach der Wahl ging die SPD in ei­ne Ko­ali­ti­on mit der CDU – und Du­lig als Vi­zeRe­gie­rungs­chef wei­ter auf Tour mit dem Tisch. In Mar­klee­berg macht er be­reits zum 41. Mal Sta­ti­on. Je­der, der et­was sa­gen will, kann sich zu ihm an den Tisch set­zen und Fra­gen oder Mei­nun­gen äu­ßern.

An­de­re kom­men an den Kü­chenoder Stu­ben­tisch der Bür­ger – wenn die­se das wün­schen. Ri­co Geb­hardt, Chef der Links­frak­ti­on im Land­tag, bot das an: in ei­nem Brief, der im Früh­jahr an 1,9 Mil­lio­nen Haus­hal­te ver­schickt wur­de. »Las­sen Sie uns ins Ge­spräch kom­men«, hieß es in dem Schrei­ben, gern »auch mal bei Ih­nen vor Ort«. Vie­le Bür­ger, sagt Geb­hardt auf Nach­fra­ge, gin­gen »nicht gern zu po­li­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen«. Zu­dem er­rei­che ein Brief auch die Bür­ger in klei­nen Dör­fern, wäh­rend die Run­den der Re­gie­rung oder der SPD al­len­falls in Klein­städ­ten statt­fän­den. »Die Hür­den, dort hin­zu­fah­ren, sind für vie­le recht hoch.«

Al­ler­dings: Die Lust, auf den Brief ei­nes Po­li­ti­kers zu ant­wor­ten, scheint eben­falls über­schau­bar. Nur 282 Bür­ger ant­wor­te­ten – 0,015 Pro­zent der An­ge­schrie­be­nen. Im­mer­hin über­wo­gen die po­si­ti­ven Re­ak­tio­nen, sagt Geb­hardt, auch wenn Asyl das do­mi­nie­ren­de The­ma war und die LINKE für ih­re Hal­tung oft an­ge­fein­det wird. In ei­nem Fall wur­de Geb­hardt frei­lich auch ein 60 Sei­ten lan­ger Ent­wurf für ein Wahl­pro­gramm ge­schickt. Oft ha­be es zu­dem ge­hei­ßen: Es sei das ers­te Mal, dass uns je­mand an­hört. In 30 Fäl­len wur­de er zu ei­nem, wie er es nennt, »Wohn­zim­mer­ge­spräch« ein­ge­la­den, zum Bei­spiel zu Ga­b­rie­le Loßnit­zer und Gun­ther Bar­tel, ei­nem Künst­ler­paar, das in dem win­zi­gen Dorf Schön­feld im Os­terz­ge­bir­ge ei­ne Ga­le­rie be­treibt.

Viel Wer­bung muss­te der Po­li­ti­ker dort frei­lich nicht be­trei­ben – we­der für sei­ne Par­tei noch für die Po­li­tik als sol­che. Bei­de be­zeich­nen sich als links; auf ei­nen Brief von der FDP hät­te er »ganz be­stimmt nicht« ge­ant­wor­tet, sagt Bar­tel. Bei­de sind po­li­tisch sehr in­ter­es­siert, egal ob es um Lan­d­raub in Ent­wick­lungs­län­dern geht oder den ver­nach­läs­sig­ten länd­li­chen Raum in Sach­sen, den sie aus ers­ter Hand er­le­ben: kein La­den, kei­ne Tank­stel­le, kein In­ter­es­se für Kul­tur und Kunst. Bar­tel, der mit sei­nem wal­len­den Bart wie ein Ver­schnitt aus Har­ry Ro­wohlt und Karl Marx wirkt, sagt, es sei ihm ein Rät­sel, war­um an­ge­sichts von so­zia­ler Spal­tung und Rechts­ruck die LINKE »nicht mehr Stim­men holt«. Er räumt auch ein, er ha­be Po­li­ti­ker bis­lang vor­wie­gend als »gel­tungs­be­dürf­ti­ge Psy­cho­pa­then« an­ge­se­hen. Geb­hardts Be­such ha­be ihm ge­zeigt, dass es auch an­de­re gibt.

Die Bür­ger er­le­ben zu las­sen, dass auch Po­li­ti­ker Men­schen sind – das ist ein Ef­fekt des Dia­logs zwi­schen bei­den, der in Sach­sen in Gang kommt. Zu mer­ken, dass kri­ti­sche Fra­gen und Mei­nun­gen ei­ner­seits er­wünscht sind, an­de­rer­seits aber nicht un­wi­der­spro­chen blei­ben müs­sen, ist ein wei­te­rer. Es ist ein Pro­zess po­li­ti­scher Bil­dung für bei­de Sei­ten. Die Run­de am Kü­chen­tisch sei »ein ehr­li­ches For­mat«, sagt die Mo­de­ra­to­rin. »Hier«, sagt Du­lig, »pas­siert es un­ge­fil­tert.«

Was das be­deu­ten kann, er­leb­ten er und an­de­re Re­gie­rungs­mit­glie­der vor al­lem beim ers­ten »Sach­sen-Ge­spräch«, das im März im erz­ge­bir­gi­schen Aue statt­fand. Da­mals gab es hit­zi­ge De­bat­ten um die Asyl­po­li­tik. Kret­sch­mer und sei­ne Mi­nis­ter wur­den hart an­ge­gan­gen; Be­ob­ach­ter hat­ten den Ein­druck, die AfD ha­be ge­zielt mo­bi­li­siert. Drei Mo­na­te spä­ter ist die Stim­mung we­ni­ger hit­zig, nicht nur an Du­ligs Kü­chen­tisch, wo per Hand­zet­tel auf Grund­re­geln hin­ge­wie­sen wird. »Es re­det im­mer nur ei­ner«, steht da et­wa; Be­lei­di­gun­gen hät­ten zu un­ter­blei­ben. Auch im »Ti­vo­li« in Frei­berg wer­den die An­sich­ten zwar frei­mü­tig ge­äu­ßert, in Ra­ge aber re­det sich nie­mand mehr.

Es ist, sagt Du­lig, ein wohl­tu­en­der Un­ter­schied zum Ton, der in so­zia­len Netz­wer­ken im In­ter­net herr­sche, wo »Hem­mun­gen weg­fal­len, weil man ja sein Ge­gen­über nicht sieht«. Der SPDMann hofft, dass es ge­lin­gen kann, die »Sprach­lo­sig­keit« zwi­schen Bür­gern und Po­li­tik zu »über­win­den«. Auch Kret­sch­mer gibt sich über­zeugt, dass der un­ge­schmink­te Dia­log da­zu bei­tra­gen kann, »ei­ne an­de­re Stim­mung im Land zu er­zeu­gen«. Die Mehr­zahl der Sach­sen, glaubt er, »steht fest für un­se­re Wer­te«. Geb­hardt wie­der­um hofft, dass Bür­ger­ge­sprä­che das Ver­ständ­nis da­für be­för­dern, dass Po­li­tik stets Kom­pro­miss be­deu­tet. In der von Kret­sch­mer aus­ge­sand­ten Bot­schaft, dass die Re­gie­rung und ihr Chef per­sön­lich sich schon küm­mern wer­den, sieht er frei­lich auch ei­ne »ge­wis­se Ge­fahr«, fügt der LINKE an: »Was ist, wenn er bis zur Wahl 2019 nicht lie­fern kann? Dann wird es schei­tern.«

Du­lig tritt des­halb vor­sich­tig auf die Brem­se. Bür­ger dürf­ten »nicht al­les nur von Staat und Po­li­tik er­war­ten«, sagt der SPD-Mann. Das gel­te im Üb­ri­gen auch für die Ein­la­dung zu Ge­sprä­chen über Po­li­tik. »En­ga­giert euch!«, sagt er zum Ab­schluss der Mar­klee­ber­ger Run­de – und gibt den Gäs­ten mit auf den Weg: »Nicht nur ich ha­be ei­nen Kü­chen­tisch!«

Die Bür­ger er­le­ben zu las­sen, dass auch Po­li­ti­ker Men­schen sind – das ist ein Ef­fekt des Dia­logs zwi­schen bei­den, der in Sach­sen in Gang kommt. Zu mer­ken, dass kri­ti­sche Fra­gen und Mei­nun­gen ei­ner­seits er­wünscht sind, an­de­rer­seits aber nicht un­wi­der­spro­chen blei­ben müs­sen, ist ein wei­te­rer.

Fo­to: Säch­si­sche Staats­kanz­lei/Pa­wel Sos­now­ski

Sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer beim »Sach­sen-Ge­spräch« im Kul­tur­haus Aue

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