Kor­rup­ti­on oh­ne Gren­zen

Der Ode­brecht-Skan­dal zieht in Pe­ru wei­ter Krei­se

Neues Deutschland - - Politik - Von Andre­as Kno­bloch, Ha­van­na

Am Mitt­woch wur­de die pe­rua­ni­sche Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin Kei­ko Fu­ji­mo­ri fest­ge­nom­men. Sie ist nicht die ein­zi­ge, der Kor­rup­ti­on zur Last ge­legt wird. Die Nach­richt wühl­te den po­li­ti­schen Be­trieb in Pe­ru auf: Kei­ko Fu­ji­mo­ri, Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin und Toch­ter des frü­he­ren Prä­si­den­ten Al­ber­to Fu­ji­mo­ri, wur­de am Mitt­woch we­gen Geld­wä­sche­vor­wür­fen fest­ge­nom­men. Da­mit reiht ihr Fall sich ein in ei­ne Fol­ge kürz­lich auf­ge­deck­ter Kor­rup­ti­ons­vor­fäl­le in Pe­ru: Die letz­ten vier Prä­si­den­ten wur­den al­le we­gen Kor­rup­ti­on ver­ur­teilt oder muss­ten ih­re Pos­ten räu­men.

Fu­ji­mo­ri soll wäh­rend der Prä­si­dent­schafts­wahl­kam­pa­gne 2011 un­er­laubt Gel­der des bra­si­lia­ni­schen Bau­kon­zerns Ode­brecht kas­siert ha­ben. Fu­ji­mo­ri wird zu­nächst zehn Ta­ge in Prä­ven­tiv­haft blei­ben, wäh­rend die Er­mitt­ler ent­schei­den, ob sie An­kla­ge er­he­ben. Zu­dem wur­de Haft­be­fehl ge­gen wei­te­re 19 Per­so­nen er­las­sen, dar­un­ter zwei frü­he­re Mi­nis­ter. Kei­ko Fu­ji­mo­ri wies die Vor­wür­fe zu­rück.

So­wohl der frü­he­re Kon­zern­chef Mar­ce­lo Ode­brecht, der be­reits we­gen Kor­rup­ti­on ver­ur­teilt wur­de und nach sei­ner Haft­stra­fe nun un­ter Haus­ar­rest steht, als auch der Re­prä­sen­tant des bra­si­lia­ni­schen Bau­rie­sen in Pe­ru hat­ten ge­gen­über der Jus­tiz aus­ge­sagt, Geld für die Wahl­kam­pa­gnen von Kei­ko Fu­ji­mo­ris Par- tei, die rechts­po­pu­lis­ti­sche Op­po­si­ti­ons­par­tei Fu­er­za Po­pu­lar, ge­zahlt zu ha­ben. Ode­brecht zahl­te fast 800 Mil­lio­nen US-Dol­lar Be­ste­chungs­gel­der in zwölf Län­dern – oft an wahl­kämp­fen­de Po­li­ti­ker, um so spä­ter an öf­fent­li­che Auf­trä­ge zu ge­lan­gen.

Die Er­mitt­ler wer­fen den 20 Ver­haf­te­ten die Bil­dung ei­ner »kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­ti­on« in­ner­halb der Fu­er­za Po­pu­lar vor. Dem­nach hat­te Kei­ko Fu­ji­mo­ri »Füh­rung und Chef­rol­le« in­ne. Die 43-Jäh­ri­ge, ei­ne der mäch­tigs­ten und ein­fluss­reichs­ten Po­li­ti­ke­rin­nen des Lan­des, wur­de ver­haf­tet, wäh­rend sie im so­ge­nann­ten Cock­tail-Fall vor der Staats­an­walt­schaft aus­sag­te. Da­bei geht es um die Ver­schleie­rung il­le­ga­ler Par­tei­fi­nan­zie­rung als Par­tei­spen­den wäh­rend der Wahl­kam­pa­gnen 2011 und 2016.

Die Fest­nah­me »wur­de an­ge­wie­sen we­gen der be­grün­de­ten An­nah­me, dass die Ver­haf­te­ten mit dem De­likt der Geld­wä­sche, Flucht­ge­fahr und Be­hin­de­rung der Er­mitt­lun­gen in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den kön­nen«, be­grün­de­te die pe­rua­ni­sche Jus­tiz die Maß­nah­me. Fu­ji­mo­ri selbst ver­brei­te­te auf Twit­ter ei­ne hand­ge­schrie­be­ne No­tiz an ih­re An­hän­ger, in der es un­ter an­de­rem heißt: »Die Ver­fol­gung hat sich in un­se­rem Land als Jus­tiz ver­klei­det.«

Erst in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te das Obers­te Ge­richt Pe­rus die Frei­las­sung ih­res Va­ters Al­ber­to Fu­ji­mo­ri, der das Land von 1990 bis 2000 re­giert hat­te, als ver­fas­sungs­wid­rig er­klärt und wie­der rück­gän­gig ge­macht. Der 80-jäh­ri­ge frü­he­re Prä­si­dent war im Rah­men ei­nes po­li­ti­schen Deals des da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Pe­dro Pa­blo Kuc­zyn­ski kurz vor Weih­nach­ten 2017 »aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den« be­gna­digt wor­den.

Al­ber­to Fu­ji­mo­ri, der 2009 als Ver­ant­wort­li­cher für meh­re­re Mas­sa­ker wäh­rend sei­ner Amts­zeit zu ei­ner Haft­stra­fe von 25 Jah­ren ver­ur­teilt wor­den war, hät­te die­se noch bis 2032 ab­sit­zen müs­sen. Kuc­zyn­ski

»Die Ver­fol­gung hat sich in un­se­rem Land als Jus­tiz ver­klei­det.«

Kei­ko Fu­ji­mo­ri, pe­rua­ni­sche Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin ver­wies auf die Ver­fas­sung, die ihm als Prä­si­den­ten das Recht auf Begna­di­gun­gen ge­be. Ju­ris­ten aber wie­sen die­se Darstel­lung zu­rück: Schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen sei­en nicht be­gna­di­gungs­fä­hig. Am Don­ners­tag be­schloss nun der Kon­gress ein um­strit­te­nes Ge­setz, das die er­neu­te In­haf­tie­rung Al­ber­to Fu­ji­mo­ris ver­hin­dern könn­te: Es sieht vor, dass ver­ur­teil­te Ge­fan­ge­ne, die äl­ter als 65 Jah­re sind, un­ter ei­ner chro­ni­schen Krank­heit lei­den und min­des­tens ein Drit­tel ih­rer Haft­stra­fe ver­büßt ha­ben, aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen und un­ter Haus­ar­rest ge­stellt wer­den kön­nen.

Schon im März hat­te Kuc­zyn­ski we­gen Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen zu­rück­tre­ten müs­sen. Sein Nach­fol­ger im Prä­si­den­ten­amt, Mar­tin Viz­car­ra, hat der­weil für den 9. De­zem­ber ein Re­fe­ren­dum an­be­raumt, in dem die Be­völ­ke­rung über ei­ne ge­plan­te Po­li­tikund Jus­tiz­re­form ab­stim­men soll. Da­bei sol­len die Bür­ger un­ter an­de­rem über die Nicht-Wie­der­wahl von Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten, das Ver­bot pri­va­ter Wahl­kampf­fi­nan­zie­rung und ei­ne Rück­kehr zum Zwei-Kam­mer-Sys­tem ab­stim­men. Pe­ru hat­te 1992 den Se­nat ab­ge­schafft.

Im Ju­li war ein ge­wal­ti­ger Jus­tiz­skan­dal ans Licht ge­kom­men. Ton­auf­nah­men der Po­li­zei hat­ten bei Er­mitt­lun­gen ge­gen ei­nen Dro­gen­händ­ler­ring Ge­fäl­lig­kei­ten und ge­gen­sei­ti­ge Ein­fluss­nah­me zwi­schen Rich­tern, Staats­an­wäl­ten, Un­ter­neh­mern und Kon­gress­mit­glie­dern auf­ge­deckt. Der Skan­dal hat­te zum Rück­tritt des Jus­tiz­mi­nis­ters so­wie des Prä­si­den­ten des Ge­richts­we­sens ge­führt; meh­re­re hoch­ran­gi­ge Rich­ter wur­den sus­pen­diert. In­dem er das Volk ab­stim­men lässt, um­geht Prä­si­dent Viz­car­ra die Blo­cka­de durch die von Kei­ko Fu­ji­mo­ri an­ge­führ­te Fu­er­za Po­pu­lar. Die ver­hin­dert seit 2016 im Kon­gress ei­ne Re­form des po­li­ti­schen Sys­tems. Der Fu­ji­mo­ri-Par­tei wird un­ter­stellt, kein In­ter­es­se an der Au­f­ar­bei­tung des Jus­tiz­skan­dals zu ha­ben. Meh­re­re Po­li­ti­ker der Par­tei und ihr na­he­ste­hen­de Un­ter­neh­mer tau­chen in den Ton­auf­nah­men auf. Und nun steckt auch die Par­tei­che­fin selbst in ernst­haf­ten Schwie­rig­kei­ten.

Fo­to: AFP/Lu­ka Gon­za­les

Un­ter­stüt­zer der Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin hal­ten in Li­ma Pla­ka­te mit der Auf­schrift »Kei­ko ist nicht al­lein« hoch.

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