Mit Or­báns Se­gen

Man­fred We­ber von der CSU führt die Kon­ser­va­ti­ven in die EU-Wah­len.

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Aert van Riel

Die gro­ßen Par­tei­en ha­ben ih­re Spit­zen­kan­di­da­ten für die Eu­ro­pa­wahl ge­kürt. Man­fred We­ber setzt für die kon­ser­va­ti­ve EVP vor al­lem auf ei­nen mi­gra­ti­ons- und is­lam­feind­li­chen Ton. An­sons­ten sind die Un­ter­schie­de zum so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Be­wer­ber Frans Tim­mer­m­ans aus den Nie­der­lan­den ge­ring.

Fi­desz bleibt auf EU-Ebe­ne vor­erst Mit­glied der EVP. Ein Haupt­kri­ti­ker der un­ga­ri­schen Par­tei, Alex­an­der Stubb, war bei der Wahl zum Spit­zen­kan­di­da­ten der Kon­ser­va­ti­ven in Hel­sin­ki chan­cen­los.

Der Fa­vo­rit hat ge­won­nen. Bei der Wahl zum Spit­zen­kan­di­da­ten der Eu­ro­päi­schen Volks­par­tei (EVP) für die Eu­ro­pa­wahl im Mai er­hielt der CSUPo­li­ti­ker Man­fred We­ber am Don­ners­tag rund 79 Pro­zent der Stim­men. Da­mit setz­te er sich in Hel­sin­ki ge­gen den frü­he­ren fin­ni­schen Re­gie­rungs­chef Alex­an­der Stubb durch. Für ihn vo­tier­ten et­wa 20 Pro­zent der De­le­gier­ten. We­ber, der seit 2014 die EVP-Frak­ti­on im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment an­führt, ist so­mit ein aus­sichts­rei­cher Kan­di­dat für die Nach­fol­ge von Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker.

Nach der Wahl um­arm­ten sich die bei­den Kon­tra­hen­ten de­mons­tra­tiv. In­halt­lich lie­gen sie nicht weit von­ein­an­der ent­fernt. Was We­ber und Stubb al­ler­dings trennt, ist die Hal­tung zur un­ga­ri­schen Re­gie­rungs­par­tei Fi­desz von Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­bán. Der Fin­ne woll­te ein mehr­stu­fi­ges Ver­fah­ren ein­lei­ten, an des­sen En­de Fi­desz aus der EVP hät­te aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Kürz­lich hat­te Stubb in ei­nem Ge­spräch mit dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land Or­bán und sei­ner Par­tei deut­lich ge­droht. Die­se soll­ten sich »zu den Wer­ten der Par­tei­en­fa­mi­lie be­ken­nen«, an­sons­ten müss­ten sie die EVP ver­las­sen.

Im Sep­tem­ber hat­te das Eu­ro­pa­par­la­ment ein Straf­ver­fah­ren ge­gen die Re­gie­rung in Bu­da­pest auf den Weg ge­bracht. Ihr wer­den Ver­stö­ße ge­gen de­mo­kra­ti­sche und rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en vor­ge­wor­fen. Denn Or­bán und sei­ne Hel­fers­hel­fer schrän­ken die Mei­nungs-, For­schungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit ein und schwä­chen das Ver­fas­sungs­und Jus­tiz­sys­tem. Der­zeit plant die un­ga­ri­sche Re­gie­rung die Ein­rich­tung neu­er Kam­mern, um die un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz des Lan­des aus­zu­he­beln.

Die CSU pflegt en­ge Be­zie­hun­gen zu Fi­desz. Die Par­tei­vor­sit­zen­den Horst See­ho­fer und Vik­tor Or­bán tref­fen sich re­gel­mä­ßig. Folg­lich lehn­ten die baye­ri­schen Kon­ser­va­ti­ven das Ver­fah­ren ge­gen die Un­garn im Eu­ro­pa­par­la­ment auch mehr­heit­lich ab. In ih­ren Rei­hen stimm­te al- lein We­ber da­für. An­sons­ten schont er al­ler­dings die un­ga­ri­sche Part­ner­par­tei. Or­bán un­ter­stütz­te die Wahl des CSU-Po­li­ti­kers zum Spit­zen­kan­di­da­ten.

We­ber ist den Un­garn vor al­lem we­gen der Flücht­lings­ab­wehr in Ost­eu­ro­pa dank­bar. »Der Zaun­bau zu Ser­bi­en, um ei­ne Kon­trol­le über die Mi­gra­ti­ons­strö­me zu ha­ben, ver­dient nicht Kri­tik, son­dern un­se­re Un­ter­stüt­zung«, hat­te er im Früh­jahr ge­gen­über der »Welt« ge­sagt. Or­bán ver­tre­te »sehr poin­tiert Po­si­tio­nen, für die er bis heu­te das Ver­trau­en der Un­garn hat«. Des­we­gen müs­se man ihn re­spek­tie­ren und mit ihm re­den, for- der­te We­ber. Auf ih­rem Kon­gress ver­ab­schie­de­ten die EVP-Par­tei­en ei­ne Re­so­lu­ti­on ge­gen Po­pu­lis­mus, Na­tio­na­lis­mus und EU-Kri­tik. Of­fen­bar hat­te die­se nur den Zweck, bür­ger­li­che Wäh­ler zu be­ru­hi­gen. Un­garn wur­de in dem Pa­pier nicht ein­mal er­wähnt. Die Re­so­lu­ti­on wird vor­aus­sicht­lich wir­kungs­los blei­ben.

Ne­ben Fi­desz sieht We­ber ei­ni­ge wei­te­re EVP-Par­tei­en, die of­fen für neo­fa­schis­ti­sche Po­si­tio­nen sind, als en­ge Part­ner. So hat­te er den EU-Par­la­ments­prä­si­den­ten An­to­nio Ta­ja­ni, der Mit­glied von Sil­vio Ber­lus­co­nis For­za Ita­lia ist und kürz­lich die Schlie­ßung der Mit­tel­meer­rou­te ge­for­dert hat­te, stets in Schutz ge­nom­men. »Ich fin­de manch­mal die Vor­ein­ge­nom­men­heit man­cher Me­di­en ge­gen­über An­to­nio Ta­ja­ni nicht in Ord­nung«, hat­te We­ber vor der Wahl des Ita­lie­ners im De­zem­ber 2016 ge­sagt.

Nach Ein­schät­zung des Grü­nen­Eu­ro­pa­po­li­ti­kers Sven Gie­gold hat We­ber auch die Un­ter­stüt­zung der rech­ten Re­gie­rung in Ös­ter­reich aus ÖVP und FPÖ. Auf die Gro­ße Ko­ali­ti­on in Ber­lin kann er eben­falls zäh­len. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) sprach sich kurz vor dem En­de der Wahl noch­mals klar für den Mann aus Bay­ern aus. »Lie­ber Alex, dan­ke für dei­nen Wahl­kampf«, sag­te sie an Stubb ge­wandt, »aber mein Herz schlägt für Man­fred We­ber.«

Ei­nes sei­ner Haupt­the­men im Wahl­kampf wird die Mi­gra­ti­ons­fra­ge sein. We­ber ver­langt »strik­te Grenz­kon­trol­len«. Au­ßer­dem soll­ten nach sei­ner Mei­nung die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei ab­ge­bro­chen wer­den. Das hat aber we­ni­ger mit der au­to­kra­ti­schen Po­li­tik von Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­doğan zu tun. Viel­mehr macht We­ber schon seit Mo­na­ten grund­sätz­lich Stim­mung ge­gen Mus­li­me und ge­gen »den Is­lam«. »Als ei­ne Re­li­gi­on, die his­to­risch-kul­tu­rell Iden­ti­tät stif­tet, ge­hört der Is­lam eben­so we­nig zu Eu­ro­pa, wie er zu Deutsch­land ge­hört«, sag­te We­ber vor we­ni­gen Mo­na­ten. Wei­ter be­haup­te­te er: »Für die Grund­la­gen und die Iden­ti­tät die­ses Kon­ti­nents leis­tet der Is­lam kaum ei­nen Bei­trag.« Po­si­tiv sei, dass in Deutsch­land ei­ne De­bat­te über Ori­en­tie­rung und Leit­kul­tur ge­führt wer­de. Die­se De­bat­te brau­che Eu­ro­pa auch. In Hel­sin­ki leg­te We­ber nun nach und be­ton­te das »christ­li­che Er­be« Eu­ro­pas.

Sein Ge­gen­kan­di­dat Stubb wur­de in Me­dien­be­rich­ten der ver­gan­ge­nen Wo­chen zu­meist als »Li­be­ra­ler« be­zeich­net. Da­bei fiel un­ter den Tisch, dass sei­ne Par­tei ei­ni­ge Zeit mit weit rechts ste­hen­den Po­li­ti­kern pak­tiert hat. Stubb war bis Ju­ni 2016 als Fi­nanz­mi­nis­ter Mit­glied ei­nes Ka­bi­netts, an dem auch »Die Fin­nen« be­tei­ligt wa­ren. Die Mi­nis­ter die­ser Par­tei muss­ten erst das Ka­bi­nett ver­las­sen, als der nach is­lam­feind­li­chen Aus­sa­gen we­gen Volks­ver­het­zung vor­be­straf­te Jus­si Hal­la-aho im ver­gan­ge­nen Jahr zum neu­en Vor­sit­zen­den der Fin­nen-Par­tei ge­wählt wur­de.

Auch auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne wer­den die Kon­ser­va­ti­ven wei­ter­hin mit rech­ten Kräf­ten ei­ne Par­tei­en­fa­mi­lie bil­den. So steht et­wa die Mit­glied­schaft der kroa­ti­schen Re­gie­rungs­par­tei HDZ nicht zur De­bat­te, ob­wohl in Kroa­ti­en kri­ti­schen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, ähn­lich wie in Un­garn, die Mit­tel ge­kürzt oder ge­stri­chen wur­den. Oh­ne Fi­desz, HDZ oder For­za Ita­lia hät­te die EVP ei­ne klei­ne­re Frak­ti­on. Nach der Eu­ro­pa­wahl wird sie Bünd­nis­se mit an­de­ren Par­tei­en bil­den müs­sen. Dann wird sich auch ent­schei­den, ob Man­fred We­ber wirk­lich der nächs­te Kom­mis­si­ons­prä­si­dent wer­den kann. Da­zu braucht er auch die ein­hel­li­ge Un­ter­stüt­zung al­ler EU-Staats- und Re­gie­rungs­chefs.

Auf ih­rem Kon­gress ver­ab­schie­de­ten die EVPPar­tei­en ei­ne Re­so­lu­ti­on ge­gen Po­pu­lis­mus, Na­tio­na­lis­mus und EU-Kri­tik. Un­garns Re­gie­rung wur­de in dem Pa­pier al­ler­dings nicht ein­mal er­wähnt.

Fo­to: dpa/Sven Hop­pe

Fo­to: AFP/Mark­ku Ulan­der

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel be­glück­wünscht den CSU-Po­li­ti­ker Man­fred We­ber.

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