Lied der Lein­wand

Film­kom­po­nist En­nio Mor­ri­co­ne wird 90.

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Ste­fan Am­zoll

Ton­trä­ger mit Film­sound­tracks gibt es im Über­fluss. Zum 90. Ge­burts­tag des Film­mu­sik­kom­po­nis­ten En­nio Mor­ri­co­ne sind gleich meh­re­re Plat­ten auf dem Markt ge­kom­men. Die ku­rio­ses­ten Auf­nah­men kom­men da ans Licht oder er­schei­nen in Neu­auf­la­ge: Ei­ne Plat­te bie­tet Sound­tracks gleich meh­re­rer, wie es heißt, »Kom­po­nis­ten­le­gen­den«. En­nio Mor­ri­co­ne, Ni­no Ro­ta, Son­ny Bo­no und Ber­nard Herr­mann hei­ßen sie und ge­nie­ßen »Kult­sta­tus«. Was da an­zu­hö­ren ist, ist zum Weg­ren­nen – ei­ne Trau­er­ro­man­ze kann im Film­zu­sam­men­hang durch­aus Sinn er­ge­ben. Iso­liert ge­spielt stif­tet sie aber Ver­wir­rung und Ab­wehr; Ab­spren­gun­gen aus Zir­kus, Hor­ror und Cri­me klin­gen in ei­ni­gen Num­mern wie das Ge­kreisch von Rat­ten. Trotz­dem, selbst in Mor­ri­co­ne-Sound­tracks, blei­ben Un­ter­schich­ten er­hal­ten. Sie ma­chen hell­hö­rig und sa­gen, der Mann ist al­le­mal mehr als ein Lie­fe­rant von ge­wünsch­ter Mu­sik. In bes­se­ren Num­mern dre­hen sich die Klän­ge wie das Ka­rus­sell auf den Jahr­märk­ten. Aus Ge­räu­schen ge­zau­ber­ter Gru­sel á la Hitch­cock (»Die Vö­gel«) er­scheint in raf­fi­nier­ter Kom­bi­na­to­rik; auch Ab­spren­gun­gen von Volks­mu­sik der Hö­fe, der Gär­ten, der Ber­ge tre­ten her­vor.

Das Film­ge­schäft wä­re kei­nes, flös­se nicht Geld im Über­maß und gä­be es kei­ne Kon­junk­tu­ren und Kri­sen der Pro­duk­ti­on, wür­den die Ci­ne­as­ten nicht grau vor lau­ter Auf­zeh­rung und der angst­vol­len Er­war­tung, ihr eben fer­ti­ger Film mö­ge die Kas­sen fül­len. Ein­ge­schnürt in die­sem Kor­sett wa­ren auch die Film­kom­po­nis­ten und sind es heu­te noch. Un­ter ih­nen En­nio Mor­ri­co­ne, die wohl größ­te le­ben­de Be­rühmt­heit der Film­mu­sik. Auf ei­nem Fo­to blickt er skep­tisch wie ein Kar­di­nal in Zi­vil, der dar­auf war­tet, von Gott zum Papst be­stimmt zu wer­den. Sei­ne Au­gen spre­chen: Wo bin ich? Was geht vor in der Welt? Taugt mei­ne Mu­sik noch? Ist sie ver­ges­sen? Vi­el­leicht stimmt es so­gar mit dem »Papst der Film­mu­sik«, ein Ti­tel, den ihm En­thu­si­as­ten der Film­bran­che all­zu ger­ne an­hef­ten. Denn mit po­pu­lä­ren Fil­men wur­de auch Mor­ri­co­nes Film­mu­sik po­pu­lär, ob­wohl die meis­ten der Mil­lio­nen Zu­schau­er kaum sei­nen Na­men kann­ten. Und da sich Mor­ri­co­ne aus­ge­zeich­net dar­auf ver­stand, den Bil­dern Klang zu ge­ben und zu­gleich aus den Bil­dern Klang zu schöp­fen, ris­sen sich die Re­gis­seu­re nach ihm – dar­un­ter die nam­haf­ten Ita­lie­ner Pa­so­li­ni, Ber­to­luc­ci, Leo­ne und in­ter­na­tio­na­le Re­gie­stars wie Fran­cis Ford Cop­po­la und Qu­en­tin Ta­ran­ti­no.

Ser­gio Leo­ne ver­half ihm mit pu­bli­kums­wirk­sa­men Ita­lo-Wes­tern, 30 an der Zahl, zu au­ßer­or­dent­li­chen Eh­ren. Die Fil­me sind an sich un­ge­nieß­bar. Sie zei­gen auf ita­lie­nisch, was der Hol­ly­wood-Strei­fen »12 Uhr mit­tags« mit Ga­ry Co­oper un­gleich bes­ser konn­te. Mit ei­ner Aus­nah­me: »Spiel mir das Lied vom Tod« (1968), ein Ren­ner, ty­pi­scher­wei­se viel er­folg­rei­cher in Eu­ro­pa als in den USA. Be­rühmt ge­wor­den ist das Mor­ri­co­ne-Du­ell, Zieh­har­mo­ni­ka ge­gen Frank. Der Bahn­hof ist Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt. Ein Mes­ti­ze mit Hut und Zieh­har­mo­ni­ka, auf Ra­che­feld­zug, steigt aus und schießt die auf ihn war­ten­den drei Gangs­ter in ei­nem Zu­ge nie­der. Wer die ge­streck­te, hal­li­ge, leit­mo­ti­visch wie­der­keh­ren­de Zieh­har­mo­ni­ka-Me­lo­die ein­mal auf­ge­schlos­sen hat, dem dürf­te sie nicht mehr aus dem Ge­dächt­nis ge­hen. Das ist ein Si­re­nen­klang, der al­les an­de­re will, als den Oh­ren zu schmei­cheln; der Span­nung an­schwel­len lässt, Er­war­tung und Angst in sich trägt, un­nach­ahm­lich, un­wie­der­hol­bar das Mo­tiv, ein­fach ge­ni­al. Kein an­de­rer Film­kom­po­nist dürf­te je sol­che Wir­kung er­zielt ha­ben.

En­nio Mor­ri­co­ne ist wasch­ech­ter Rö­mer, dort ge­bo­ren am 10. No­vem- ber 1928. Mus­so­li­ni war an der Macht, und nach dem die wi­der­stän­di­gen Ita­lie­ner den Fa­schis­ten au­ßer Lan­des ge­jagt hat­ten, hob Mor­ri­co­ne an, sein Schick­sal wi­der al­les Päpst­li­che sel­ber in die Hand zu neh­men. Er stu­diert Kom­po­si­ti­on am Kon­ser­va­to­ri­um von San­ta Ce­ci­lia bei Goff­re­do Pe­tras­si, ei- nem Neu­tö­ner. Über­dies be­legt er die Fä­cher Trom­pe­te und Di­ri­gie­ren. Früh ge­stal­tet er Ra­dio­pro­gram­me und be­schäf­tigt sich in­ten­siv mit dem In­stru­men­ta­ri­um jen­seits des Sin­fo­nie­or­ches­ters und mit ton­tech­ni­schen Er- fin­dun­gen. Fol­ge­rich­tig kom­po­nier­te er zu­nächst Kam­mer- und Orches­ter­mu­sik, dar­un­ter avan­cier­te En­sem­ble­stü­cke, von de­nen ei­ni­ge auf den neue­ren Plat­te fest­ge­hal­ten sind. Gleich­zei­tig ar­ran­giert er für Rund­funk und Plat­te Pop­mu­sik. Al­les scheint für ihn mög­lich, was ihn not­wen­di­ger­wei­se zum Film führt.

En­nio Mor­ri­co­ne pro­du­zier­te für et­wa 500 Fil­me die Mu­sik. Ver­traut mit jeg­li­chen Tech­ni­ken von Kom­po­si­ti­on und Auf­nah­me, auch den Ma­keln und Un­ar­ten der Bran­che, ent­wi­ckel­te er die un­ter­schied­lichs­ten Mo­del­le, Bild­se­quen­zen at­mo­sphä­risch-klang­lich aus­zu­ge­stal­ten. Bei ihm sin­gen ent­lang der ei­ge­nen Ide­en Ab­fäl­le al­ler Gen­res und Spiel­ar­ten. Oh­ne viel Schmin­ke lau­fen Klang­seg­men­te ver­schie­dens­ter Epo­chen mit. Leich­na­me der Mu­sik, to­te wie le­ben­de, lan­ciert er ge­schickt in die Ton­spur. Als Flick­schus­te­rei galt das de­nen, die Film­mu­sik schon im­mer in die po­pu­lis­ti­sche Ecke stell­ten. Den an­de­ren als raf­fi­niert ge­bau­te Bild-Ton-Be­zie­hun­gen.

Für Mor­ri­co­ne gab es kei­ne Schran­ken. Tren­nun­gen zwi­schen Eund U-Mu­sik er­schie­nen ihm lä­cher­lich. Mit ita­lie­ni­schen Avant­gar­dis­ten stand der jun­ge Kom­po­nist auf Du und Du. Dass er sich Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken der Ma­li­pie­ro, Pe­tras­si, Ma­der­na be­dien­te, spricht für sei­nen Ehr­geiz, die ei­ge­ne Film­mu­sik von dem gan­zen Wust ro­man­ti­scher Kli­schees mög­lichst fern­zu­hal­ten, was nicht im­mer ge­lang. Zu sei­nen schöns­ten Ar­bei­ten zählt die Mu­sik zu Pa­so­li­nis Film »Gro­ße Vö­gel, klei­ne Vö­gel« (1965). To­to (Va­ter) und Ni­no (Sohn) spie­len dar­in die so lus­ti­gen wie neu­gie­ri­gen Ko­mö­di­an­ten. Sie ma­chen sich an der Sei­te des in­tel­li­gen­ten Ra­ben aus dem Lan­de »Ideo­lo­gie« auf den Weg, mit den Fal­ken und Spat­zen zu re­den und ih­nen im Auf­trag des Hei­li­gen Fran­zis­kus zu pre­di­gen. Das miss­lingt gründ­lich. Der Fal­ke frisst zu ih­rem Leid­we­sen den Spatz und am En­de tö­ten sie die »Ideo­lo­gie«. So hin­ter­sin­nig der Strei­fen, so far­big die Kom­po­si­ti­on. Der Vor­spann, da­mals ei­ne Neu­heit, wird fröh­lich ge­sun­gen. Ver­schie­dens­te Stil­mit­tel schmie­gen sich den Wan­de­run­gen von Va­ter und Sohn an: Ein Gei­gen­so­lo, Lärm ei­ner Glo­cke, Se­quen­zen ei­ner To­ten­mes­se, Chö­re sin­gen dun­kel, Spat­zen­lärm nährt sich von Win­den und fer­nem Trom­mel­wir­bel. Ei­ne nach­denk­li­che, wun­der­schö­ne Ar­beit.

En­nio Mor­ri­co­ne fei­ert am mor­gi­gen Sams­tag sei­nen 90. Ge­burts­tag.

Wer die ge­streck­te, hal­li­ge, leit­mo­ti­visch wie­der­keh­ren­de Zieh­har­mo­ni­kaMe­lo­die ein­mal auf­ge­schlos­sen hat, dem dürf­te sie nicht mehr aus dem Ge­dächt­nis ge­hen.

Fo­to: dpa/Jörg Cars­ten­sen

Fo­to: Pa­ra­mount

Im Mo­ment sei­nes To­des haucht der Bö­se­wicht Frank (Hen­ry Fon­da) in Ser­gio Leo­nes fil­mi­schem Meis­ter­werk »On­ce Upon a Time in the West« (Deutsch: »Spiel mir das Lied vom Tod«), zu dem En­nio Mor­ri­co­ne die meis­ter­li­che Mu­sik schrieb, sei­nen letz­ten Atem durch die Mund­har­mo­ni­ka aus.

Fo­to: dpa/Jörg Cars­ten­sen

En­nio Mor­ri­co­ne

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