Als der Mas­sen­mord be­gann

Zum 80. Jah­res­tag der No­vem­ber­po­gro­me ge­gen Ju­den: Mah­nung aus Ka­na­da

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Ber­lin. Vor 80 Jah­ren, am 9. No­vem­ber 1938, be­gan­nen die von den Na­zis or­ga­ni­sier­ten Po­gro­me ge­gen Ju­den. Nach heu­ti­gen Schät­zun­gen star­ben da­mals in­fol­ge der Ge­walt­ta­ten 400 Men­schen, 30 000 wur­den ver­haf­tet, vie­le von ih­nen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt. Es war der Auf­takt zum mil­lio­nen­fa­chen Mord an den eu­ro­päi­schen Ju­den.

Aus An­lass des Ge­denk­ta­ges bat Ka­na­das Pre­mier­mi­nis­ter Jus­tin Tru­deau im Na­men sei­nes Lan­des um Ent­schul­di­gung für die Ab­wei­sung jü­di­scher Flücht­lin­ge 1939. Ka­na­da ha­be sich ge­wei­gert zu hel­fen, sag­te er am Mitt­woch im Par­la­ment in Ot­ta­wa. Da­mit ha- be man zum »grau­sa­men Schick­sal« vie­ler Men­schen bei­ge­tra­gen. Tru­deau be­zog sich auf das Flücht­lings­schiff »St. Lou­is«, das im Mai 1939 mit mehr als 900 Ju­den an Bord in Ham­burg in See ge­sto­chen war. Die Pas­sa­gie­re wur­den aber we­der in Ku­ba noch in den USA oder in Ka­na­da an Land ge­las­sen, wes­halb es nach Eu­ro­pa zu­rück­keh­ren muss­te. 254 der Ab­ge­wie­se­nen star­ben in Au­schwitz, Treb­lin­ka oder Bel­zec. Tru­deau rief sei­ne Lands­leu­te auf, sich Aus­län­der­hass und An­ti­se­mi­tis­mus ent­ge­gen­zu­stel­len.

Un­ter­des­sen hat Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mit ei­ner Wür­di­gung des 1945 als Na­zi­kol­la­bo­ra­teur zum To­de ver­ur­teil­ten Staats­chefs Mar­schall Phil­ip­pe Pé­tain Em­pö­rung aus­ge­löst. Wäh­rend ei­ner Rei­se zu Or­ten des Ers­ten Welt­kriegs hat­te Ma­cron ge­sagt, Pé­tain sei in den da­ma­li­gen Ge­fech­ten »ein gro­ßer Sol­dat« ge­we­sen. Mit die­sen Wor­ten ver­tei­dig­te er ei­ne für Sams­tag ge­plan­te Eh­rung des Mar­schalls und sie­ben wei­te­rer ho­her Mi­li­tärs im Pa­ri­ser In­va­li­den­dom an­läss­lich des Kriegs­en­des vor 100 Jah­ren. Von 1940 bis 1944 war Pé­tain als Chef des Vi­chy-Re­gimes für die De­por­ta­ti­on nach Frank­reich ge­flo­he­ner Ju­den und An­ti­fa­schis­ten ver­ant­wort­lich.

Um der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu ge­den­ken, ha­ben Sie be­reits 70 000 Stol­per­stei­ne ver­legt. Wann wird Ih­re Ar­beit ab­ge­schlos­sen sein?

Da­mit das un­be­grenzt wei­ter­ge­hen kann, ha­be ich ei­ne Stif­tung ins Le­ben ge­ru­fen. An­ge­hö­ri­ge bis zur vier­ten Ge­ne­ra­ti­on wol­len et­was über das Schick­sal ih­rer Fa­mi­lie in der NS-Zeit wis­sen. Das In­ter­es­se wächst und bei jun­gen Men­schen fin­de ich das be­son­ders er­freu­lich. Erst bin ich von Leh­rern ge­warnt wor­den: Die mein­ten, das The­ma Na­tio­nal­so­zia­lis­mus kä­me Schü­lern schon zu den Oh­ren raus. Da ha­be ich ei­ne ganz an­de­re, tol­le Er­fah­rung ge­macht. In Ge­schichts­bü­chern ste­hen Zah­len, wie sechs Mil­lio­nen To­te. Das sind sehr abs­trak­te Grö­ßen. Wenn Schü­ler sich mit ei­nem Schick­sal in ih­rem ei­ge­nen Ort oder so­gar im ei­ge­nen Haus be­fas­sen, dann wird das hand­fest. Das ist ganz an­de­rer Ge­schichts­un­ter­richt.

Vor 80 Jah­ren or­ga­ni­sier­te der NS-Staat Po­gro­me ge­gen Ju­den. Der Nach­fol­ge­staat ist in ei­ne rech­te Mord­se­rie ver­strickt und Ghet­toÜber­le­ben­den wer­den bis heu­te oft Ren­ten ver­wei­gert.

Ei­ne Stu­die be­män­gelt, Grund­schü­ler wüss­ten zu we­nig über die Ver­fol­gung von Ju­den in der NS-Zeit. Mei­ne Frau, die Leh­re­rin war, sagt, un­ter acht, neun Jah­ren, sei­en der Ho­lo­caust und die Er­mor­dung von Mil­lio­nen Men­schen schwer zu ver­mit­teln. Aber ich muss auch sa­gen, ich ha­be tol­le Er­fah­run­gen ge­macht, wenn Leh­rer da be­hut­sam ran­ge­hen.

Die 14-jäh­ri­ge Toch­ter mei­ner Kol­le­gin meint, auf den St­ei­nen stün­den nicht ge­nug In­for­ma­tio­nen. Ge­ra­de die 14-Jäh­ri­gen sind heu­te im In­ter­net so be­wan­dert, die kön­nen die Na­men so­fort ein­ge­ben und wis­sen mehr. Die Stei­ne sol­len nur sym­bo­lisch wir­ken – mit ma­xi­mal zehn Zei­len. Die sol­len stut­zig ma­chen.

Ei­ni­ge An­ge­hö­ri­ge weh­ren sich ge­gen Na­zi-Be­grif­fe auf den St­ei­nen. De­nen sa­ge ich: Bit­te lasst uns das drauf schrei­ben, sonst wird nicht klar, war­um die Men­schen er­mor­det wor­den sind. Das wa­ren ja zum Teil ein­fach Tip­pel­brü­der, die drei­mal La­den­dieb­stahl be­gan­gen ha­ben, weil sie Hun­ger hat­ten, die wa­ren plötz­lich »Ge­wohn­heits­ver­bre­cher« und des­halb im KZ. Die hat­ten ei­nen Ver­merk, ein Kreuz­chen, wo­durch die Ka­pos wuss­ten: Der soll nicht le­ben­dig wie­der raus­kom­men. Das sind Klei­nig­kei­ten, die man wis­sen muss. Aber das wird manch­mal et­was hoch­ge­schraubt, bis­her kam es höchs­tens bei zehn oder 20 St­ei­nen zur Dis­kus­si­on. Zur Not sa­ge ich: Bit­te wäh­len sie ei­ne an­de­re Form des Ge­den­kens.

Wie wird ei­gent­lich über die Be­schrif­tung ent­schie­den?

Es gibt kein Ent­schei­dungs­ver­fah­ren in dem Sin­ne. Ich ha­be da­für nie Wer­bung ge­macht. Es muss aus den Or­ten kom­men, al­so von Ge­schichts­ver­ei­nen oder An­ge­hö­ri­gen. Die müs­sen al­les mit den Kom­mu­nen klä­ren, da­mit die zu­stim­men. Erst dann kann ich tä­tig wer­den. Ha­ben Sie Angst, dass sich so et­was wie die No­vem­ber­po­gro­me ei­nes Ta­ges wie­der­ho­len könn­ten? Ei­gent­lich sehr we­nig, weil ich den­ke, dass sich die Leu­te dank der Me­di­en in­zwi­schen doch bes­ser in­for­mie­ren kön­nen. Da­mals gab es den »Völ­ki­schen Be­ob­ach­ter« und den »Volks­emp­fän­ger«. Wer sich ge­traut hat, BBC zu hö­ren, war mit ei­nem Bein im KZ. Und Aus­wüch­se wie die AfD heu­te ... Erst mal se­hen, was das noch wird.

Auch heu­te for­dert rech­te Ge­walt Op­fer – na­tür­lich nicht so wie vor 80 Jah­ren. Soll­te man auch für sie Stei­ne ver­le­gen?

Ein Bei­spiel wä­ren Stol­per­stei­ne für die Op­fer des »Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds« (NSU). Aber mein Pro­jekt ha­be ich »1933–1945« ge­nannt. Für die NSU-Op­fer, da ist wirk­lich die Bun­des­re­gie­rung in der Pflicht, gro­ße Ge­denk­ta­feln auf­zu­hän­gen. Da wä­ren mei­ne Stei­ne viel zu klein. Wie­so soll­ten die Ge­denk­ta­feln für die ei­nen grö­ßer sein als für die an­de­ren?

Weil beim NSU ganz schön was schief­ge­lau­fen ist. Da wird im­mer noch vie­les un­ter dem Deck­man­tel ge­hal­ten und ver­heim­licht, weil der Staats­schutz und V-Män­ner be­tei­ligt wa­ren und Be­scheid wuss­ten. Das fin­de ich ei­ne Saue­rei. Für mich ist die Jus­tiz auf dem rech­ten Au­ge im­mer noch ein biss­chen blin­der als auf dem lin­ken.

Da­zu passt die Nach­richt von An­fang der Wo­che: Der Staats­schutz se­he kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Dieb­stahl der 16 Stol­per­stei­ne in Ber­lin-Neu­kölln vor ei­nem Jahr und der rech­ten An­schlags­se­rie in die­sem Stadt­teil. Von die­sen Ber­li­ner St­ei­nen wa­ren die meis­ten für po­li­tisch Ver­folg­te, statt wie sonst für jü­di­sche Men­schen. Ob es für das Raus­rei­ßen ei­ne rech­te Mo­ti­va­ti­on gab oder was da los war, kann ich nicht sa­gen. Da müss­ten die Neu­köll­ner sel­ber for­schen. Es gibt im­mer wie­der auch aus an­de­ren Grün­den An­grif­fe, et­wa weil ich als Künst­ler Geld mit den St­ei­nen ver­die­ne. Na­tür­lich, muss ich auch. Ein St­ein kos­tet seit 18 Jah­ren 120 Eu­ro, ich ar­bei­te viel da­für und mit mir zu­sam­men acht wei­te­re Per­so­nen. Die Ge­win­ne flie­ßen in die Stif­tung. Aber ja, es gibt auch An­grif­fe von rechts.

Wolf­gang Ge­de­on (AfD) hat An­fang des Jah­res ge­for­dert, die Stol­per­stein­ak­tio­nen ein­zu­stel­len. Wie kann man die­sen er­in­ne­rungs­feind­li­chen Ten­den­zen bei­kom­men? Wei­ter­ma­chen. Auch in Greif­wald wur­den in der Nacht zum 9. No­vem­ber 2012 al­le elf Stei­ne her­aus­ge­ris­sen. Das ist um die­se Zeit im Jahr ganz ty­pisch. Da gab es ei­ne an­ony­me In­ter­net­sei­te »Greifs­wald, stol­per­stein­freie Zo­ne«. Die An­grif­fe wa­ren aber für das Pro­jekt eher för­der­lich. Da­durch ka­men vie­le Spen­den zu­sam­men, so dass wir 36 Stei­ne neu ver­le­gen konn­ten, und dann war Ru­he.

Das Stol­per­stein­pro­jekt mag pro­fi­tie­ren. Aber ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen dar­über, dass un­se­re ge­sam­te Ge­sell­schaft nach rechts rückt? Ich ma­che mir durch­aus Sor­gen. Nur, so wie ich das ein­schät­ze, hat die AfD nicht ein­mal ein rich­ti­ges Pro­gramm. Die kön­nen nur rum­mot­zen und me­ckern und sonst nichts. Und ich mei­ne, jetzt, wo sie in den Par­la­men­ten sit­zen, müs­sen sie ja ir­gend­wann mal Flag­ge zei­gen und mal et­was Pro­duk­ti­ves brin­gen. Wenn das nicht klappt, wer­den auf Dau­er selbst die dümms­ten Wäh­ler mer­ken, dass das nicht funk­tio­niert.

An­ti­se­mi­ti­sche und an­ti­mi­gran­ti­sche Über­grif­fe ha­ben be­reits zu­ge­nom­men.

Ja, aber ob man das al­les der AfD an­las­ten kann, weiß ich nicht.

»Je­de Äu­ße­rung hät­te be­straft wer­den kön­nen. Je­des Ha­ken­kreuz, das ge­schmiert wur­de, hät­te be­straft wer­den kön­nen.« Gun­ter Dem­nig, Künst­ler

Ist die AfD nicht nur ein Teil des Pro­blems, ne­ben Pe­gi­da, Iden­ti­tä­ren, Hoo­li­gans, Ka­me­rad­schaf­ten und an­de­ren rech­ten Struk­tu­ren? Schon da­mals bei der NPD war es doch ähn­lich. Wie oft hat da die Jus­tiz die Au­gen zu­ge­macht und die Par­tei wur­de nur als gro­ber Un­fug be­zeich­net statt als das, was sie ge­we­sen ist. Die hät­ten die NPD doch auch schon viel frü­her klein­krie­gen kön­nen. Je­de Äu­ße­rung hät­te be­straft wer­den kön­nen. Je­des Ha­ken­kreuz, das ge­schmiert wur­de, hät­te be­straft wer­den kön­nen. Und da muss der Staat jetzt ein­fach auf­pas­sen, wann die­se AfD sich vi­el­leicht mal ein biss­chen zu weit vor traut.

Was for­dern Sie vom Staat im Kampf ge­gen die AfD und an­de­re Rech­te? Die­se Par­tei soll­te un­be­dingt be­ob­ach­tet wer­den.

Sie mei­nen vom Ver­fas­sungs­schutz, der, wie Sie selbst sa­gen, beim NSU ei­ne so un­rühm­li­che Rol­le spiel­te? Ja, vi­el­leicht ler­nen die ja mal was.

Fo­to: dpa/Lu­kas Schul­ze

Seit über 25 Jah­ren er­in­nern Stol­per­stei­ne an jü­di­sche Op­fer der Na­zi­dik­ta­tur.

Fo­to: Bernd Wüst­neck/dpa

Wie hier in Greifs­wald schän­den Rech­te re­gel­mä­ßig Or­te, die an NS-Ver­bre­chen und de­ren Oper er­in­nern.

Fo­to: C. Hardt/Fu­ture Image

Der Künst­ler Gun­ter Dem­nig ver­legt seit 1992 Stol­per­stei­ne. Das sind Mes­sing­ta­feln im Trot­toir vor dem letz­ten selbst­ge­wähl­ten Wohn­ort der Men­schen. Ne­ben Na­men und Da­ten ste­hen dar­auf Grün­de der Na­zis für die Ver­fol­gung, De­por­ta­ti­on oder Er­mor­dung. Über die­ses Ge­den­ken und die Kri­tik dar­an sprach mit ihm Lot­te La­loire.

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