Mit Chuz­pe und dem Herz ei­nes Bo­xers

Wie Horst Sel­bi­ger die Po­grom­nacht 1938 in Ber­lin er­leb­te und be­schloss, Hit­ler ein Schnipp­chen zu schla­gen

Neues Deutschland - - 80 Jahre Pogromnacht Tagesthema - Von Kar­len Ve­sper

»Nichts war, wie es vor­dem ge­we­sen ist«, sagt Horst Sel­bi­ger, der als Jun­ge in Ber­lin die bar­ba­ri­sche »Reichs­kris­tall­nacht« er­leb­te. In der Shoah ver­lor er über 60 Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge.

Es knirscht, knackt und kracht un­ter ih­ren Schuh­soh­len. Was zehn­jäh­ri­gen Bu­ben nor­ma­ler­wei­se ein Gau­di ist – nicht so für Horst Sel­bi­ger und sei­ne Freun­de. Ge­senk­ten Kop­fes, be­drückt, schwei­gend set­zen sie an je­nem 10. No­vem­ber 1938 tap­fer ih­ren Weg fort, zur Jü­di­schen Schu­le in der Gro­ßen Ham­bur­ger Stra­ße in Ber­lin. »Wir lie­fen über Glas­scher­ben. Je wei­ter wir gin­gen, des­to schlim­mer wur­de es«, be­rich­tet der heu­te 90-Jäh­ri­ge. »In der Ro­sentha­ler, Ecke So­phi­en­stra­ße war ein jü­di­sches Kauf­haus. Wir sa­hen ran­da­lie­ren­de Plün­de­rer.« In der Ora­ni­en­bur­ger das glei­che Bild, al­les zer­split­tert, zer­trüm­mert, zer­schla­gen. »SA-An­ge­hö­ri­ge stan­den vor den Lä­den, und ganz nor­ma­le Bür­ger be­dien­ten sich dreist aus den Re­ga­len.« Die Er­in­ne­rung wühlt Horst Sel­bi­ger noch heu­te auf.

1934 ist er ein­ge­schult wor­den. In die Volks­schu­le in der Son­nen­al­lee un­weit vom Her­mann­platz. Dort ist er der ein­zi­ge Ju­de in der Klas­se, »ein Graus war das«. Er hat­te kei­ne Freun­de, er­zählt der Ve­te­ran in sei­ner klei­nen be­schei­de­nen Woh­nung in Ber­lin-Kreuz­berg. Die an­de­ren Kin­der wand­ten sich ab, woll­ten mit dem »It­zig«, der »Ju­den­sau«, nichts zu tun ha­ben. Wie bru­tal kön­nen Kin­der sein, de­ren jun­ge Hir­ne vom Gift er­wach­se­nen Un­geis­tes ver­ne­belt sind. »Sie be­spuck­ten und schlu­gen mich. Das hat mich irr­sin­nig ver­letzt, mach­te mich hilf­los. Noch heu­te kann ich nicht leicht auf Men­schen zu­ge­hen, un­be­fan­gen Freund­schaf­ten schlie­ßen.«

Durch ei­nen glück­li­chen Um­stand wird Horst, ob­wohl zwei Jah­re un­ter dem ge­setz­ten Ein­tritts­al­ter von zehn Jah­ren, in den Sport­ver­ein Mak­ka­bi auf­ge­nom­men, lernt Bo­xen und Selbst­ver­trau­en. »Die Mak­ka­bi-Leu­te ha­ben mei­ne Si­tua­ti­on of­fen­bar bes­ser als mei­ne El­tern ein­ge­schätzt.« 1938 muss der jü­di­sche Jun­ge die »deut­sche« Schu­le ver­las­sen. Er ist froh dar­über, fühlt sich wohl in der Jü­di­schen Schu­le, wo kei­ner ihn an­pö­belt, Mäd­chen und Jun­gen ge­mein­sam un­ter­rich­tet wer­den. »Und wir hat­ten fan­tas­ti­sche Leh­rer, die bes­ten der Bes­ten.« Jü­di­sche Leh­rer dür­fen an an­de­ren Schu­len nicht mehr leh­ren. Horsts Lieb­lings­fä­cher sind Ge­schich­te und Deutsch. »Wir hat­ten ei­ne tol­le Deutsch­leh­re­rin. Sie hat mir die Lie­be zur deut­schen Spra­che und deut­schen Li­te­ra­tur bei­ge­bracht.«

Deutsch­land ist da schon lan­ge kein lie­bens­wer­tes Land mehr. Feind­se­lig nicht nur, aber vor al­lem Ju­den ge­gen­über. Wes­halb die jü­di­schen Kin­der den Schul­weg zu­meist nur ge­mein­sam be­schrei­ten. So auch am 10. No­vem­ber 1938. »In der Gro­ßen Ham­bur­ger wur­den wir Zeu­ge, wie Bet­ten aus den Fens­tern des jü­di­schen Al­ters­heims flo­gen«, er­zählt Horst Sel­bi­ger. »Und auf dem al­ten jü­di­schen Fried­hof wa­ren Gr­ab­stei­ne um­ge­stürzt.« Noch nicht ein­mal Re­spekt vor den To­ten kann­ten die Na­zi­hor­den. Be­schä­digt wur­de auch die letz­te Ru­he­stät­te des gro­ßen jü­di­schen Phi­lo­so­phen und Auf­klä­rers Mo­ses Men­dels­sohn.

»Vor un­se­rer Schu­le stan­den ei­ni­ge Leh­rer, die uns so­fort nach Hau­se schick­ten.« Schlim­mes ist in der Nacht ge­sche­hen, und Schlim­me­res soll­te ge­sche­hen. Deutsch­land­weit sind Sy­nago­gen in Brand ge­setzt und ver­wüs­tet wor­den, jü­di­sche Ge­schäf­te und Wa­ren­häu­ser, Arzt­pra­xen und Kanz­lei­en, die nur noch mit »Son­der­ge­neh­mi­gung« ge­öff­net wa­ren, über­fal­len wor­den. »Als ich zu Hau­se an­kam, wa­ren die Schil­der der Pra­xis mei­nes Va­ters und un­se­re Woh­nungs­tür am Kott­bus­ser Damm mit ro­ter Far­be be­schmiert: ›Vor­sicht, Ju­den!‹« Teu­to­ni­scher Fu­ror, der sich nachts noch nicht ge­nug aus­ge­tobt hat­te, scheut das Ta­ges­licht nicht.

Die Groß­fa­mi­lie der Sel­bi­gers, aus West­preu­ßen stam­mend, be­stand zu­meist aus Hand­wer­kern, vor al­lem Gla­ser­meis­tern. Horsts Va­ter Erich Sel­bi­ger durch­bricht die Tra­di­ti­on, ist Zahn­arzt. Wa­ren un­ter je­nen, die am 10. No­vem­ber Pra­xis und Woh­nung be­schmier­ten, ehe­ma­li­ge Pa­ti­en­ten? Ha­ben an die­sem Tag vi­el­leicht auch den Lan­den und die Werk­statt des Gla­ser­meis­ters Se­lig Sel­bi­ger in der Wol­lank­stra­ße eins­ti­ge Kun­den ver­wüs­tet, die zwölf Jah­re zu­vor, 1926 zum 50. Fir­men­ju­bi­lä­um, Blu­men und Gra­tu­la­tio­nen ge­schickt hat­ten? »Uns pas­siert nichts«, trös­tet an die­sem No­vem­ber­schre­ckens­tag Ernst Sel­bi­ger die Sei­nen. In Flan­dern ver­wun­det und ver­schüt­tet, hat­te er das Ei­ser­ne Kreuz er­hal­ten und ge­hör­te dem Reichs­ver­band Jü­di­scher Front­sol­da­ten an. Ju­den, die 1914/18 ihr Blut »für Kai­ser, Volk und Va­ter­land« ver­gos­sen, ge­nie­ßen im an­ti­se­mi­ti­schen Pa­ra­gra­fend­schun­gel, der sich seit 1933 über ganz Deutsch­land aus­brei­te­te, noch ge­wis­se Pri­vi­le­gi­en.

»Va­ter war kein from­mer, aber ein stol­zer, be­ken­nen­der Ju­de«, er­in­nert sich Horst Sel­bi­ger und er­gänzt: »Er war ein so­ge­nann­ter Drei-Ta­ge-Ju­de, such­te mit uns die Sy­nago­ge nur an den Ho­hen Fei­er­ta­gen, zu Jom Kip­pur, Rosch ha-Scha­na und Pes­sach auf.« Der Va­ter sei deutsch­na­tio­nal ge­sinnt ge­we­sen, »mit ei­nem Hang zur So­zi­al­de­mo­kra­tie«. Über die Nai­vi­tät des Va­ters kann Horst Sel­bi­ger heu­te nur schmun­zeln. »Ge­schützt hat uns nicht sein Front­kämp­fer­sta­tus, son­dern Mut­terns Mut«. Er­na Sel­bi­ger ist Chris­tin und gilt als »Arie­rin«.

»Vie­le Ju­den glaub­ten, die Bru­ta­li­tät des Po­groms sei nicht zu über­bie­ten. Sie irr­ten.« Auch Va­ter Sel­bi­ger wird sei­ner Pra­xis be­raubt und zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet, eben­so sei­ne bei­den Söh­ne Ger­hard und Horst. Die Jü­di­sche Schu­le in der Gro­ßen Ham­bur­ger wird nach der »Reichs­kris­tall­nacht« ge­schlos­sen. Horst ar­bei­tet zu­nächst in ei­ner Müt­zen­fa­brik in der Prin­zen­al­lee, muss Ko­lo­ni­al­hel­me nie­ten, »für Rom­mels Ar­mee«. Der Ve­te­ran lacht. »Ich war 14 und ha­be das nicht rich­tig hin­ge­kriegt. Ich drück­te die Nie­ten nicht rich­tig durch oder zu fest, so dass der Helm ka­putt war. Da ha­ben sie mich raus­ge­schmis­sen. Ich muss­te mich wie­der im Ar­beits­amt für Ju­den in der Fon­ta­ne­pro­me­na­de mel­den.« Die nächs­te Sta­ti­on ist ein Rüs­tungs­be­trieb in der Holl­mann­stra­ße. Horst muss Flug­zeug­tei­le in ei­ner übel­rie­chen­den, ät­zen­den Lau­ge ein­fet­ten.

Am 27. Fe­bru­ar 1943 wird er ver­haf­tet. In ganz Deutsch­land wer­den Ju­den aus »Misch­ehen« aus Be­trie­ben oder Woh­nun­gen ge­zerrt und zu Sam­mel­stel­len trans­por­tiert. Jetzt sol­len auch sie gen Os­ten de­por­tiert wer­den. Den Mör­dern schlägt in­des dies­mal ge­ball­ter Wi­der­stand ent­ge­gen. Zu­nächst sind es ein­zel­ne Frau­en, die sich vor den Sam­mel­la­gern pos­tie­ren und die Frei­las­sung ih­rer jü­di­schen Män­ner und Söh­ne for­dern. Es wer­den ih­rer im­mer mehr. »Mei­ne Mut­ter und mei­ne Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits wa­ren da­bei«, er­zählt Horst Sel­bi­ger stolz. Er ist ih­nen da­für auf ewig dank­bar.

Man hat ihn in das ehe­ma­li­ge Ge­mein­de­haus in der Le­vet­zow­stra­ße ver­frach­tet. Die dor­ti­ge Sy­nago­ge ist eben­falls in der Po­grom­nacht be­schä­digt wor­den; 1955 ab­ge­ris­sen, ge­mahnt an de­ren Stel­le heu­te ein Ei­sen­bahn­wag­gon an die De­por­ta­tio­nen in die Ver­nich­tungs­la­ger. Horst ist mit wei­te­ren 50 un­glück­se­li­gen Men­schen in ei­nen Raum von 25 Qua­drat­me­tern ein­ge­sperrt. »Für die ins­ge­samt 2200 Men­schen im ehe­ma­li­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Jü­di­schen Ge­mein­de gab es nur sechs Toi­let­ten und kei­ne Wasch­ge­le­gen­hei­ten«, er­in­nert sich Horst Sel­bi­ger. »Am Mon­tag­mor­gen, 60 St­un­den nach un­se­rer Ver­haf­tung, be­ka­men wir das ers­te Es­sen: Sau­er­krau­t­ein­topf und ei­ne Schei­be Brot.«

Drei Ta­ge quält Horst blei­er­ne Un­ge­wiss­heit. Die Na­zis fei­ern am 30. Ja­nu­ar pom­pös den zehn­ten Jah­res­tag der »Macht­er­grei­fung«, so die pro­pa­gan­dis­ti­sche Flos­kel, wäh­rend ih­re 6. Ar­mee in Sta­lin­grad dem Un­ter­gang ent­ge­gen­siecht. Die vor dem Ge­mein­de­haus in der Le­vet­zow­stra­ße pro­tes­tie­ren­den »ari­schen« Frau­en und Män­ner ha­ben sich trotz mar­tia­li­schen Auf­mar­sches der SS nicht ver­ja­gen las­sen. Es ver­geht den­noch ei­ne Wo­che, ehe Horst aus der Vor­höl­le von Au­schwitz ent­las­sen wird. Die Na­zis beug­ten sich dem zi­vi­len Wi­der­stand. Für vie­le Ju­den zu spät. »Nur zwei aus mei­ner Klas­se ha­ben das Grau­en über­lebt«, weiß Horst Sel­bi­ger. Und schluckt. Er muss an Es­t­her den­ken, sei­ne ers­te gro­ße Lie­be, de­ren Spur sich in je­nen Ta­gen im Nichts ver­lor. Horst ist ent­schlos­sen zu über­le­ben. Er wird Hit­ler ein Schnipp­chen schla­gen. Mit un­glaub­li­cher Chuz­pe stol­ziert er als­bald oh­ne Ju­den­stern durch »sei­ne« Stadt, klaut sich ein HJ-Ab­zei­chen und geht ins Ki­no, für Ju­den strikt ver­bo­ten. Er schaut sich schmal­zi­ge Durch­hal­te­fil­me an und feixt in sich hin­ein.

Nach dem Krieg will er in die USA aus­wan­dern, dort als Schrift­stel­ler sei­ne Bröt­chen ver­die­nen. »Mit tau­send Wor­ten Eng­lisch kommst du durchs Land, machst aber aber kei­ne Kar­rie­re als Jour­na­list oder Schrift­stel­ler«, war­nen ihn Re­mi­gran­ten. »Au­ßer­dem: Hit­ler woll­te Deutsch­land ju­den­frei ma­chen. Und da ha­be ich mir ge­sagt: Die­sen Ge­fal­len tue ich die­sem Ver­bre­cher nicht noch im Nach­hin­ein.«

Horst ver­steht den Va­ter nicht, der am Ho­hen­zol­lern­damm wie­der ei­ne Pra­xis er­öff­net, als wä­re nichts ge­sche­hen. Ju­ni­or Sel­bi­ger hin­ge­gen wech­selt 1949 in die DDR. Er be­sucht die Ar­bei­ter- und Bau­ern-Fa­kul­tät, stu­diert Jour­na­lis­tik, wird Pres­se­re­fe­rent beim Na­tio­nal­rat der Na­tio­na­len Front, ist in der FDJ und in der SED und jüngs­ter Ab­ge­ord­ne­ter in Ber­lin. Fast weh­mü­tig re­sü­miert der Zeit­zeu­ge: »Al­les in al­lem war das ei­ne tol­le Zeit, ei­ne be­glü­cken­de Auf­bruchs­stim­mung.« Trotz her­ber Ent­täu­schun­gen? Ge­treu der Er­mun­te­rung sei­nes jour­na­lis­ti­schen Men­tors Heinz Brandt, »Lass dich nicht mit Phra­sen ab­spei­sen, gib dich nicht mit ober­fläch­li­chen Ant­wor­ten zu­frie­den«, fragt er stets nach. Und eckt an. Im Jahr des Ar­bei­ter­auf­stan­des ge­gen Wal­ter Ul­bricht, 1953, wird er dar­ob un­ver­se­hens der »Frak­ti­on Herrn­stadt/Zais­ser« zu­ge­rech­net, muss ein Par­tei­ver­fah­ren über sich er­ge­hen las­sen und er­hält Be­rufs­ver­bot. »Als Hilfs­ar­bei­ter durf­te ich an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät La­borglä­ser aus­spü­len.«

Nach dem XX. Par­tei­tag der KPdSU 1956 kämpft Horst Sel­bi­ger um sei­ne Re­ha­bi­li­tie­rung, wird Lei­ter der Kul­tur­ab­tei­lung der Ost­ber­li­ner Al­ma ma­ter, Mit­glied des Schrift­stel­ler­ver­ban­des – »wo ich »wun­der­ba­re, ein­zig­ar­ti­ge Per­sön­lich­kei­ten ken­nen­lern­te« – und schreibt Ar­ti­kel, un­ter an­de­rem für das »Neue Deutsch­land«. Sein ers­tes Buch er­scheint, über ei­nen jun­gen 1848er Bar­ri­ka­den­kämp­fer. Nein, An­ti­se­mi­tis­mus ha­be er in der DDR nicht er­lebt, be­teu­ert er. Den­noch wen­det er sich von die­ser schließ­lich ab. Vom »ND« 1964 als Be­richt­er­stat­ter zum Au­schwit­zPro­zess in Frank­furt am Main ge­schickt, kehrt er nicht zu­rück. Nicht we­gen der Mau­er, die ihn seit 1961 von den El­tern in West­ber­lin trennt. Er ist ent­täuscht vom schä­bi­gen Um­gang der Ge­nos­sen mit sei­nem vä­ter­li­chen Freund Heinz Brandt, dem jü­di­schen Alt­kom­mu­nis­ten und ehe­ma­li­gen Bu­chen­wald-Häft­ling, der 1961 von ei­nem Ge­werk­schafts­kon­gress in West­ber­lin in die DDR ent­führt, zu 13 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de und nur dank in­ter­na­tio­na­ler Pro­tes­te nach drei Jah­ren frei kam.

Ist Horst Sel­bi­ger vom Re­gen in die Trau­fe ge­ra­ten? Es ge­lingt ihm nicht, in der Bun­des­re­pu­blik jour­na­lis­tisch Fuß zu fas­sen. Man miss­traut dem Ju­den, der aus dem Os­ten kam. Das Rei­se­bü­ro er­nährt die Fa­mi­lie kaum. Horst Sel­bi­ger muss um sei­ne An­er­ken­nung als po­li­tisch und ras­sisch Ver­folg­ter kämp­fen. Sei­ne Ar­ti­kel im »ND«, et­wa über die Stu­den­tin und Kom­mu­nis­tin Li­se­lott­te Herr­man, die als jun­ge Mut­ter in Plöt­zen­see un­term Fall­beil starb, oder die jü­disch­kom­mu­nis­ti­sche Wi­der­stands­grup­pe um Her­bert und Ma­ri­an­ne Baum, die Go­eb­bels’ Hetz­aus­stel­lung »Das So­wjet­pa­ra­dies« im Ber­li­ner Lust­gar­ten 1942 in Brand ge­setzt hat­te, wer­den ihm im Wes­ten, »wo noch vie­le al­te und bald auch neue Na­zis das Sa­gen hat­ten«, zum Ver­häng­nis. Heu­te ist Horst Sel­bi­ger froh über die Ab­wie­ge­lungs­akri­bie west­deut­scher Be­am­ter, hat die­se ihm doch ei­ne Ak­ten­map­pe sei­ner jour­na­lis­ti­schen Ar­bei­ten in der DDR be­schert. Nach fast sie­ben Pro­zess­jah­ren er­hält er 1970 sei­ne An­er­ken­nung. Sein 15-jäh­ri­ger Kampf um Ent­schä­di­gung we­gen ge­sund­heit­li­cher Schä­den aus der NSZeit bleibt hin­ge­gen er­folg­los. Der ab­schlä­gi­ge Be­scheid zi­tiert das »Gut­ach­ten« ei­nes NS-Arz­tes: »Die jü­di­sche Ras­se scheint zu Gicht, Dia­be­tis­me­li­tus und fa­mi­liä­rer Hy­po­cole­ste­rin­ämie zu nei­gen.« Eben je­ner Gott­hard Schett­ler, NSDAP-Mit­glied und in Nach­kriegs­west­deutsch­land hoch­de­ko­rier­ter Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, Prä­si­dent der Hei­del­ber­ger Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten gar, wur­de 1997 Eh­ren­bür­ger von Fal­ken­stein im Vogt­land.

Angst ha­be er nicht, dass in Deutsch­land das Rad der Ge­schich­te zu­rück­ge­dreht wird, sagt Horst Sel­bi­ger. »Ein Bo­xer hat schließ­lich kei­ne Angst zu ha­ben«, fügt er lä­chelnd hin­zu. Und ge­steht: »Ja, ich bin be­sorgt. Ich hät­te es nicht für mög­lich ge­hal­ten, dass die­ser Hass, die­se Ag­gres­si­vi­tät und In­hu­ma­ni­tät, die ich er­leb­te, wie­der zu­rück­keh­ren.«

»Ich hät­te es nicht für mög­lich ge­hal­ten, dass die­ser Hass, die­se Ag­gres­si­vi­tät und In­hu­ma­ni­tät, wie­der zu­rück­keh­ren.«

Fo­to: im­a­go/Uwe St­ei­nert

Horst Sel­bi­ger, ein Zeit­zeu­ge, für den Fa­schis­mus kei­ne Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen ist.

Fo­to: pri­vat

»Durch die Ver­fol­gung sind wir jü­di­schen Kin­der schnel­ler er­wach­sen ge­wor­den«, ant­wor­tet Horst Sel­bi­ger, ge­bo­ren am 10. Ja­nu­ar 1928 in Ber­lin, auf die über­rasch­te Fra­ge der »nd«-Re­dak­teu­rin, dass er auf die­sem Fo­to doch äl­ter als 16 Jah­re ge­we­sen sein müs­se, was er ver­neint. Das Fo­to stammt von der »Jü­di­schen Kenn­kar­te«, die der Te­enager als Zwangs­ar­bei­ter er­hielt und in der als zwei­ter Vor­na­me »Is­ra­el« ver­merkt war, den ab Au­gust 1938 al­le männ­li­chen Ju­den tra­gen muss­ten, wäh­rend Jü­din­nen den Zu­satz »Sa­ra« er­hiel­ten.Heu­te ist Horst Sel­bi­ger rast­los un­ter­wegs, sei­ne Er­leb­nis­se mit Fa­schis­mus und Ras­sis­mus jun­gen Men­schen mit­zu­tei­len. Er hat sei­ne Er­in­ne­run­gen nie­der­ge­schrie­ben: »Ver­femt. Ver­folgt. Ver­ra­ten« (Spur­buch­ver­lag) und ist zu­dem ak­tiv als Eh­ren­vor­sit­zen­der des Ver­eins »Child Sur­vi­vors Deutsch­land – Über­le­ben­de Kin­der der Shoah«.

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