Em En­de kon­kur­renz­los: Frans Tim­mer­m­ans

Eu­ro­päi­sche So­zi­al­de­mo­kra­ten zie­hen mit Vi­ze­kom­mis­si­ons­chef in den EU-Wahl­kampf / Durch Eu­ro­pa ver­lau­fen­de Grä­ben gibt es auch in der SPE

Neues Deutschland - - Politik - Von Nel­li Tü­gel

Der ein­zi­ge Kon­kur­rent von Frans Tim­mer­m­ans zog zu Be­ginn die­ser Wo­che sei­ne Kan­di­da­tur zu­rück. Da­mit ist die Auf­stel­lung des Nie­der­län­ders An­fang De­zem­ber nur noch ei­ne For­ma­lie.

Es ge­he um nicht we­ni­ger als »die See­le des Kon­ti­nents«, dar­um ein »ge­ein­tes Eu­ro­pa« ge­gen Po­pu­lis­ten und Na­tio­na­lis­ten zu ver­tei­di­gen. Mit gro­ßen Wor­ten er­klär­te sich Fran­cis­cus »Frans« Tim­mer­m­ans am Di­ens­tag vor ei­ner Sit­zung der Frak­ti­on der Pro­gres­si­ven Al­li­anz der So­zi­al­de­mo­kra­ten im Eu­ro­pa­par­la­ment S & D.

Am Tag zu­vor hat­te der ein­zi­ge Ri­va­le im Ren­nen um die Spit­zen­kan­di­da­tur der eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten, der Slo­wa­ke Ma­roš Še­fčo­vič, sei­ne Kan­di­da­tur zu­rück­ge­zo­gen und Tim­mer­m­ans die Un­ter­stüt­zung aus­ge­spro­chen. Še­fčo­vič wird nun ei­ne Grup­pe lei­ten, die bis An­fang 2019 das po­li­ti­sche Pro­gramm für Eu­ro­pas So­zi­al­de­mo­kra­ten er­ar­bei­ten soll.

Da­mit ist die of­fi­zi­el­le Kür des 57jäh­ri­gen Nie­der­län­ders Tim­mer­m­ans auf ei­nem Eu­ro­pa-Par­tei­tag am 7. und 8. De­zem­ber im por­tu­gie­si­schen Lis­s­a­bon nur­mehr ei­ne For­ma­lie. Tim­mer­m­ans ist Ers­ter Vi­ze des EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Je­an-Clau­de Juncker. Als Spit­zen­kan­di­dat der So­zi­al­de­mo­kra­ten kann er sich theo­re­tisch Hoff­nun­gen auf des­sen Nach­fol­ge ma­chen; die Wahl steht im Herbst kom­men­den Jah­res an. Doch da der Kom­mis­si­ons­prä­si­dent mit ein­fa­cher Mehr­heit vom EU-Par­la­ment be­stimmt und den So­zi­al­de­mo­kra­ten ein Stim­men­ver­lust bei den Eu­ro­pa­wah­len im Mai 2019 pro­gnos­ti­ziert wird, sind die rea­len Chan­cen von Tim­mer­m­ans wohl eher be­grenzt.

Dass er nun ganz oh­ne Ge­gen­kan­di­da­ten da­steht, stärkt Tim­mer­m­ans in­des in­ner­halb sei­ner Frak­ti­on im EUPar­la­ment. Gleich­zei­tig über­deckt die in­sze­nier­te Ei­nig­keit, dass auch hier Grä­ben exis­tie­ren, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­tieft ha­ben. Dies vor dem Hin­ter­grund, dass die Mit­glieds­par­tei­en der eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie vie­ler­orts mit schwin­den­dem Wäh­ler­ver­trau­en zu kämp- fen ha­ben: Nicht nur in der Bun­des­re­pu­blik sind die Wah­l­er­geb­nis­se ge­schrumpft, auch in den Nie­der­lan­den, in Frank­reich, Grie­chen­land, Ös­ter­reich oder Schwe­den muss­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten Ver­lus­te ein­ste­cken, wur­den von der Re­gie­rung ab­ge­wählt, man­cher­orts in die Be­deu­tungs­lo­sig­keit ka­ta­pul­tiert.

Und po­li­tisch ist – auch in Be­zug auf die EU und den von Tim­mer­m­ans an­ge­pran­ger­ten Na­tio­na­lis­mus – das in der S&D ver­sam­mel­te Spek­trum ähn­lich breit wie je­nes in der kon­ser­va­ti­ven EVP. Die­ses pran­ger­te in­des­sen der Vor­sit­zen­de der deut­schen Grup­pe in der Frak­ti­on der So­zi­al­de­mo­kra­ten, Jens Gei­er, am Don­ners­tag aus An­lass der Wahl Man­fred We­bers zum EVP-Spit­zen­kan­di­da­ten, scharf an. »Die Kon­ser­va­ti­ven pak­tie­ren mit Kräf­ten, die ge­gen De­mo­kra­tie, Men­schen­rech­te und die Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa ar­bei­ten«, so Gei­er. Und: »Schmei­ßen Sie Vik­tor Or­bán aus der EVP, Herr We­ber!«

Da­bei hat die S&D ih­ren ei­ge­nen Or­bán – der heißt Ro­bert »es ist un­mög­lich, Mus­li­me zu in­te­grie­ren« Fi­co und ist so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Re- gie­rungs­chef der Slo­wa­kei. Die slo­wa­ki­sche Smer-SD re­giert als stärks­te Kraft des Lan­des in ei­ner Links-RechtsKo­ali­ti­on mit der na­tio­na­lis­ti­schen SNS, ist Teil der Vi­se­grád-Grup­pe, zu der auch Un­garn, Po­len und Tsche­chi­en ge­hö­ren – und stand bei­spiels­wei­se mit die­sen Län­dern zu­sam­men ge­gen die EU-Kom­mis­si­on im Streit um die Flücht­lings­ver­tei­lung in­ner­halb der EU.

Als Ma­roš Še­fčo­vič, der am Mon­tag den Ver­zicht auf die Spit­zen­kan­di­da­tur er­klär­te, Mit­te Sep­tem­ber sei­ne dies­be­züg­li­chen Am­bi­tio­nen öf­fent­lich ge­macht hat­te, nutz­te Sven Gie­gold von den Eu­ro­päi­schen Grü­nen die Ge­le­gen­heit, um den Fin­ger in die Wun­de zu le­gen. Še­fčo­vič müs­se sich »nun end­lich un­miss­ver­ständ­lich zu den Zu­stän­den in sei­ner Par­tei Smer er­klä­ren«, so Gie­gold da­mals. Wer die EU-Kom­mis­si­on füh­ren will, dür­fe sich »bei Ver­let­zung von Eu­ro­pas Grund­wer­ten im ei­ge­nen Land nicht weg­du­cken«. Eu­ro­pas Bür­ger dürf­ten ei­nen Kan­di­da­ten er­war­ten, »der den Mut hat, sich klar vom po­pu­lis­ti­schen Po­li­tik­stil Ro­bert Fi­cos zu dis­tan­zie­ren«. Doch auch an­ders­wo spie­len So­zi­al­de­mo­kra­ten auf der Kla­via­tur der Rech­ten: So hat­te im Fe­bru­ar die­ses Jah­res Met­te Fre­de­ri­ksen, Che­fin der dä­ni­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten, die sich Hoff­nun­gen auf ei­ne Re­gie­rungs­über­nah­me 2019 ma­chen kön­nen, die kom­plet­te Ab­schaf­fung Asyl­rechts auf dä­ni­schem Bo­den ge­for­dert.

Dass Tim­mer­m­ans als Spit­zen­kan­di­dat oder auch Še­fčo­vič als Lei­ter der Pro­gramm­fin­dungs­kom­mis­si­on für die eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten die kom­men­den Mo­na­te nut­zen wer­den, um in sol­chen Gr­und­fra­gen Klä­rung her­bei­zu­füh­ren, ist nicht an­zu­neh­men. Oh­ne­hin stün­de Tim­mer­m­ans für ein »Wei­ter-so« – eben­so wie We­ber von der EVP, kri­ti­siert Mar­tin Schir­de­wan, Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter der Links­frak­ti­on, ge­gen­über »nd«: »We­der We­ber noch Tim­mer­m­ans ste­hen für ei­nen eu­ro­päi­schen Auf­bruch.« Bei­de sei­en mit der »zer­stö­re­ri­schen Spar- und Kür­zungs­po­li­tik eng ver­bun­den und wol­len die Mi­li­tär­uni­on wei­ter vor­an­trei­ben«, so Schir­de­wan. So­wohl We­ber als auch Tim­mer­m­ans ver­hie­ßen »Sta­gna­ti­on und ei­ne blei­er­ne ide­en­lo­se Zeit«.

Fo­to: dpa/Da­ni­el Bock­woldt

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