Haus­ein­stür­ze in Mar­seil­le

»Schlaf-Händ­ler« schla­gen Pro­fit aus verot­te­ten Bau­ten

Neues Deutschland - - Politik - Von Ralf Kling­s­ieck, Pa­ris

In Mar­seil­le, wo am Mon­tag zwei Wohn­häu­ser ein­ge­stürzt sind, wur­den bis Don­ners­tag sechs To­te aus den Trüm­mern ge­bor­gen. Von den drei Frau­en und drei Män­nern konn­ten erst drei iden­ti­fi­ziert wer­den. Das zeugt da­von, dass in dem noch be­wohn­ten der bei­den be­nach­bar­ten Häu­ser Men­schen leb­ten, die kei­ne Pa­pie­re hat­ten und da­her auch nicht ge­mel­det wa­ren. Das an­de­re Haus, das zu­erst ein­stürz­te, war un­be­wohnt. »Tü­ren und Fens­ter wa­ren zu­ge­mau­ert, aber ein Teil des Da­ches fehl­te und durch Re­gen­was­ser war ein Teil der Bal­ken ver­rot­tet«, so die Bau­auf­sicht. We­gen sei­nes ka­ta­stro­pha­len Zu­stands war das Haus nach lang­jäh­ri­gen bü­ro­kra­ti­schen und ju­ris­ti­schen Ver­zö­ge­run­gen ent­eig­net und von der Stadt über­nom­men wor­den, um es für So­zi­al­woh­nun­gen zu sa­nie­ren.

Doch dann ge­schah lan­ge nichts – bis zum Ein­sturz, der auch das Nach­bar­haus und des­sen Be­woh­ner in die Tie­fe riss. Noch wäh­rend der ers­ten Räum­ar­bei­ten, bei de­nen nach min­des­tens acht Ver­miss­ten ge­sucht wur­de, muss­ten in der­sel­ben Stra­ße drei wei­te­re Wohn­häu­ser kon­trol­liert zum Ein­sturz ge­bracht wer­den, weil sie eben­falls je­den Au­gen­blick zu­sam­men­zu­bre­chen droh­ten.

»Die Stadt re­agiert zö­ger­lich, setzt zu we­nig Mit­tel für So­zi­al­woh­nun­gen ein.« Je­an-Luc Mé­len­chon, Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker

Die Häu­ser la­gen mit­ten in der his­to­ri­schen Alt­stadt. Hier im Noa­il­les-Vier­tel, wo jun­ge Fa­mi­li­en spar­ta­ni­sche, aber bil­li­ge Woh­nun­gen fin­den und wo neue Bou­ti­quen und Ca­fés für ei­ne le­ben­di­ge At­mo­sphä­re sor­gen, sind nach ei­nem be­reits 2008 auf­ge­stell­ten Ex­per­ten­be­richt 48 Pro­zent der Häu­ser sa­nie­rungs­be­dürf­tig. »Ur­sprüng­lich war das ein Vier­tel von Hand­wer­kern, Ge­wer­be­trei­ben­den und Klein­bür­gern«, er­in­nert sich Nor­di­ne Aboua­kil, die hier seit ih­rer Kind­heit lebt und Spre­che­rin des Bür­ger­ver­eins »Ein Stadt­vier­tel für al­le« ist. In den 1960er Jah­ren be­gann der so­zia­le Ab­stieg, als die ur­sprüng­li­chen Be­woh­ner in neue­re Vier­tel zo­gen, und mit­tel­lo­se Flücht­lings­fa­mi­li­en aus dem un­ab­hän­gig ge­wor­de­nen Al­ge­ri­en nach­rück­ten. Vie­le Haus­ei­gen­tü­mer spar­ten an den Un­ter­hal­tungs­ar­bei­ten und nach und nach wur­den zahl­rei­che der her­un­ter­ge­kom­me­nen Häu­ser von skru­pel­lo­sen »Schlaf-Händ­lern« auf­ge­kauft, die in den Woh­nun­gen ein­zel­ne Zim­mer oder so­gar ein­zel­ne Bet­ten an Men­schen oh­ne Pa­pie­re ver­mie­te­ten. Für die ist das meist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, zu ei­nem Dach über dem Kopf zu kom­men und die Haus­be­sit­zer ver­die­nen so ein Mehr­fa­ches des­sen, was die Mie­te re­gu­lä­rer Be­woh­ner ein­brin­gen wür­de.

Ver­ei­ne wie die Stif­tung des Mönchs Ab­bé Pier­re, der sich schon seit den 1950er Jah­re für menschwür­di­ges Woh­nen en­ga­giert, ma­chen seit Jah­ren auf die schlim­me La­ge auf­merk­sam. Selbst bei Po­li­zei und Jus­tiz gibt es Be­reit­schaft, skru­pel­lo­sen Haus­be­sit­zern das Hand­werk zu le­gen, doch bei der rech­ten Stadt­ver­wal­tung von Mar­seil­le lau­fen sol­che Initia­ti­ven nur zu oft ins Lee­re. »Die Stadt re­agiert zö­ger­lich, macht in un­zu­rei­chen­dem Ma­ße von ih­rem Ent­eig­nungs­recht Ge­brauch und setzt zu we­nig Mit­tel für Pro­gram­me zur Sa­nie­rung sol­cher Häu­ser für So­zi­al­woh­nun­gen ein«, sagt der lin­ke Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker Je­an-Luc Mé­len­chon, der seit 2017 Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter ist und bei der Kom­mu­nal­wahl 2020 für das Amt des Bür­ger­meis­ters kan­di­die­ren will.

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