Rus­sisch-ukrai­ni­scher Me­di­en­krieg

Stu­die über Des­in­for­ma­ti­ons­stra­te­gi­en des Kremls prä­sen­tiert

Neues Deutschland - - Politik - Von Fe­lix Jait­ner

In der Ukrai­ne wer­den Des­in­for­ma­ti­ons­stra­te­gi­en des Kremls zu­neh­mend als Be­grün­dung ge­nutzt, Pres­se­frei­heit ein­zu­schrän­ken. In der Ukrai­ne herrscht seit mehr als vier Jah­ren Krieg. Für die Ur­sa­chen der Aus­ein­an­der­set­zung gibt es zwei un­ter­schied­li­che Sze­na­ri­en: Folgt man der ukrai­ni­schen Re­gie­rung, der EU und den USA, han­delt es sich bei den Volks­re­pu­bli­ken Do­nezk und Lu­gansk um rus­si­sche Ma­rio­net­ten, die den rus­si­schen Ein­fluss auf die Ukrai­ne si­cher­stel­len sol­len. Dem ge­gen­über ar­gu­men­tie­ren die Volks­re­pu­bli­ken und die rus­si­sche Re­gie­rung, es hand­le sich bei dem Kon­flikt im Don­bass um ei­nen Bür­ger­krieg – ei­ne Sicht­wei­se der sich auch wei­te Tei­le der Link­s­par­tei an­ge­schlos­sen ha­ben. Je nach­dem, wel­ches Er­klä­rungs­mus­ter ver­folgt wird, un­ter­schei­det sich auch die Be­richt­er­stat­tung. Die Darstel­lung im Wes­ten be­müht sich dar­um, Be­le­ge für die rus­si­sche Un­ter­stüt­zung der Volks­re­pu­bli­ken zu fin­den, wäh­rend in Russ­land oft die Wut der ost­ukrai­ni­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung auf die Re­gie­rung in Kiew und die Ver­zweif­lung über die aus­weg­lo­se La­ge the­ma­ti­siert wird.

Ei­ne For­scher­grup­pe der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Ukrai­ne Cri­sis Me­dia Cen­ter stell­te am Di­ens­tag ei­ne Stu­die über die Me­tho­den der rus­si­schen Des­in­for­ma­ti­on vor. Da­zu wur­den rus­si­sche Fern­seh­ka­nä­le und Web­sei­ten sys­te­ma­tisch aus­ge­wer­tet. »Rus­si­sche Nach­rich­ten in­for­mie­ren nicht, son­dern sol­len der Be­völ­ke­rung ein Ge­fühl der ei­ge­nen Grö­ße ver­mit­teln«, fasst Olek­siy Ma­kuk­hin, Lei­ter des For­schungs­teams, die Er­geb­nis­se zu­sam­men. Ty­pisch für die Be­richt­er­stat­tung sei­en Schlüs­sel­nar­ra­ti­ve wie der Auf­bau von Feind­bil­dern (USA, NA­TO), die Darstel­lung der Ukrai­ne als ge­schei­ter­ter Staat und ei­ne de­ka­den­te, sich im Nie­der­gang be­fin­den­de EU.

Als Ver­an­stal­tungs­ort hat­ten sich die For­scher die ukrai­ni­schen Bot­schaft aus­ge­sucht. Die gu­ten Be­zie­hun­gen zur Re­gie­rung wur­de durch den zwei­ten Vor­tra­gen­den, Rus­lan Ka­va­tsi­uk, ge­währ­leis­tet. Er ist Be­ra- ter der ukrai­ni­schen Vi­ze-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin. Fi­nan­ziert wur­de die Stu­die vom Black Sea Trust for Re­gio­nal Co­ope­ra­ti­on, ei­ner Ein­rich­tung des Ger­man Mar­shall Fund der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die um­fang­rei­che Fi­nan­zie­rung des Pro­jekts steht in schar­fem Ge­gen­satz zu den staat­li­chen Aus­ga­ben­kür­zun­gen im Bil­dungs­be­reich, die im Rah­men des IWF-Struk­tur­pro­gramms durch­ge­führt wer­den.

Die rea­le oder ver­meint­li­che rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­on wird da­zu ge­nutzt,un­lieb­sa­me Be­richt­er­stat­tung zu dis­kre­di­tie­ren oder Me­di­en­frei­heit sys­te­ma­tisch ein­zu­schrän­ken.

Seit dem Be­ginn des Ukrai­ne-Kon­flikts ist der Be­griff »Des­in­for­ma­ti­on« ein Syn­onym für ma­ni­pu­la­ti­ve Nach­rich­ten, die vor­zugs­wei­se über so­zia­le Me­di­en ver­brei­tet wer­den. In der Eu­ro­päi­schen Uni­on gel­ten vor al­lem rus­si­sche »Trol­le« als ver­ant­wort­lich für ge­ziel­te Fal­sch­mel­dun­gen. Des­halb för­dert die EU Ein­rich­tun­gen ge­gen »Falsch­in­for­ma­tio­nen aus dem Kreml« wie das »Stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­team Ost«. Rus­sisch­spra­chi­ges Pu­bli­kum in der EU und au­ßer­halb soll zum Bei­spiel durch ei­ge­ne Fern­seh­sen­der mit Ge­gen­in­for­ma­tio­nen ver­sorgt wer­den – mit tat­kräf­ti­ger Un­ter­stüt­zung der Deut­schen Wel­le. Nach An­sicht von DWIn­ten­dant Pe­ter Lim­bourg wird da­durch ge­währ­leis­tet, »dass die Men­schen In­for­ma­tio­nen rus­si­scher Me­di­en bes­ser ein­ord­nen kön­nen«. Dies macht deut­lich: In­ter­es­se an ge­ziel­ter Me­dien­be­richt­er­stat­tung be­steht nicht aus­schließ­lich nur auf rus­si­scher Sei­te.

»Was uns im Hin­blick auf rus­si­sche Pro­pa­gan­da of­fen­sicht­lich er­scheint, war für un­se­re eu­ro­päi­schen Part­ner we­ni­ger klar«, er­klärt Ma­kuk­hin die Mo­ti­va­ti­on der Stu­die. An­schlie­ßend gibt er an­hand ei­nes BBC-Ar­ti­kels Bei­spie­le für »ef­fek­ti­ve rus­si­sche Pro­pa­gan­da«. Der bei ei­nem Bom­ben­at­ten­tat ums Le­ben ge­kom­me­ne Mi­nis­ter­prä­si­dent der Volks­re­pu­blik Do­nezk, Alex­an­der Sachart­schen­ko, sei kein »Re­bel­len­füh­rer«, son­dern ei­ne »rus­si­sche Ma­rio­net­te«. Au­ßer­dem hand­le es sich nicht um ei­ne Kri­se in der Ukrai­ne, wie in dem Ar­ti­kel be­haup­tet wird, son­dern um ei­nen »rus­sisch-ukrai­ni­schen Krieg«. Die rus­si­sche Ag­gres­si­on recht­fer­ti­ge lei­der auch ei­ne Ein­schrän­kung der Me­di­en­frei­heit in der Ukrai­ne. Seit 2014 hat die Kie­wer Re­gie­rung rus­si­sche TV-Sen­der, Fern­seh­se­ri­en und On­li­ne­diens­te mit der Be­grün­dung ge­sperrt, sie wür­den pro­rus­si­sche In­hal­te ver­brei­ten. Dar­un­ter fällt so­gar der li­be­ra­le rus­si­sche Op­po­si­ti­ons­sen­der »Doschd«, ei­gent­lich nicht für sei­ne re­gie­rungs­freund­li­che Be­richt­er­stat­tung be­kannt. Der Na­tio­na­le Fern­seh­rat der Ukrai­ne be­grün­de­te das Vor­ge­hen un­ter an­de­rem da­mit, dass in der Be­richt­er­stat­tung ei­ne Russ­land­kar­te ge­zeigt wur­de, in der die Krim Teil der Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on war.

Die rea­le oder ver­meint­li­che rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­on wird da­zu ge­nutzt, un­lieb­sa­me Be­richt­er­stat­tung zu dis­kre­di­tie­ren oder Me­di­en­frei­heit sys­te­ma­tisch ein­zu­schrän­ken. Was die­se Ent­wick­lung für ei­ne dif­fe­ren­zier­te und kri­ti­sche Be­richt­er­stat­tung be­deu­tet, the­ma­ti­siert die Stu­die nicht.

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