Kei­ne Kraft mehr

Mil­lio­nen Men­schen kom­men bei der Be­treu­ung von An­ge­hö­ri­gen an die Gren­zen ih­rer Be­last­bar­keit

Neues Deutschland - - Wirtschaft – Soziales – Umwelt - Von Sil­via Ot­tow

In der Pfle­ge ru­mort es: zu we­nig Fach­per­so­nal, schlech­te Be­zah­lung, Qua­li­täts­män­gel, Kos­ten­stei­ge­run­gen. Und nun droht auch noch der »größ­te Pfle­ge­dienst des Lan­des« mit Streik: die An­ge­hö­ri­gen. Sie sind die tra­gen­den Säu­len un­se­res Pfle­ge­sys­tems: die Toch­ter, die ih­re Mut­ter be­treut; der Mann, der sei­ne Frau pflegt; die Fa­mi­lie, in de­ren Mit­te Oma und Opa ver­sorgt wer­den. Ei­nem Re­port zu­fol­ge, den die Bar­mer Kran­ken­kas­se am Don­ners­tag in Ber­lin vor­stell­te, gibt es in Deutsch­land rund 2,5 Mil­lio­nen pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge, da­von 1,65 Mil­lio­nen Frau­en. Der größ­te Teil der über drei Mil­lio­nen Pfle­ge­be­dürf­ti­gen im Lan­de wird von ih­nen zu Hau­se ge­pflegt. Es wer­den Mahl­zei­ten zu­be­rei­tet und ver­ab­reicht, Me­di­ka­men­te ge­ge­ben, beim An- und Aus­zie­hen und dem Be­such der Toilette ge­hol­fen. Die Hil­fe­be­dürf­ti­gen wer­den ge­wa­schen, in den Park ge­fah­ren, um­sorgt und ge­trös­tet. Schla­fen sie, geht es an den Schrift­ver­kehr mit Kas­sen oder Äm­tern, an Ein­käu­fe oder Be­sor­gun­gen. Zwölf­stun­den­ta­ge sind für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge kei­ne Sel­ten­heit. Dass sie öf­ter krank wer­den als Men­schen oh­ne die­se Be­las­tung, kann man sich vor­stel­len.

Trotz ge­stie­ge­ner fi­nan­zi­el­ler und fach­li­cher Un­ter­stüt­zung von Kran­ken- und Pfle­ge­kas­sen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kön­nen die pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen nach wie vor zahl­rei­che Pro­ble­me be­nen­nen. An ers­ter Stel­le steht da­bei die Hil­fe im Haus­halt, ge­folgt vom Wunsch nach emo­tio­na­lem Bei­stand, bes­se­rer Mo­bi­li­tät und we­ni­ger Bü­ro­kra­tie. »Fast 40 Pro­zent von ih­nen fehlt Schlaf, 30 Pro­zent füh­len sich in ih­rer Rol­le als Pfle­gen­de ge­fan­gen, und je­dem fünf­ten ist die Pfle­ge ei­gent­lich zu an­stren­gend«, er­fuhr das Team um den Ge­sund­heits­öko­no­men Heinz Ro­th­gang von der Uni­ver­si­tät Bre­men, das die Un­ter­su­chung für die Bar­mer, ei­ne der größ­ten ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen, vor­nahm und aus­wer­te­te. 60 Pro­zent der pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen wün­schen sich dem­nach Un- ter­stüt­zung. Mehr als die Hälf­te der be­frag­ten 1900 Men­schen fin­det je­doch kei­ne Ver­tre­tung. 185 000 Pfle­gen­de ste­hen da­her kurz da­vor, ih­re Tä­tig­keit ein­zu­stel­len. Da­bei sind noch nicht ein­mal je­ne mit­ge­zählt, die auf die Fra­ge nach der Zu­kunft gar nicht ge­ant­wor­tet ha­ben. Das wa­ren im­mer­hin wei­te­re 11,9 Pro­zent. Fa­zit der Bre­mer For­scher: Of­fen­bar ist der »größ­te Pfle­ge­dienst des Lan­des«, wie Ro­th­gang die­se Per­so­nen­grup­pe be­zeich­net, am En­de sei­ner Kräf­te an­ge­langt.

Auch die Deut­sche Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz for­der­te ei­ne »ech­te Ent­las­tung« für An­ge­hö­ri­ge. »Der größ­te Pfle­ge­dienst Deutsch­lands geht am Stock«, sag­te Vor­stand Eu­gen Brysch der Nach­rich­ten­agen­tur AFP. Die bis­he­ri­gen An­ge­bo­te sei­en bei Wei­tem nicht aus­rei­chend und lie­fen oft ins Lee­re. Be­son­ders tref­fe es die Hun­dert­tau­sen­den pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen, die be­rufs­tä­tig sind. Brysch for­dert ei­ne staat­lich fi­nan­zier­te Lohn­er­satz­leis­tung für Pfle­gen­de ähn­lich dem El­tern­geld. Auch der So­zi­al­ver-

Fo­to: im­a­go/Mar­tin Wa­gner

An­ge­hö­ri­ge sind der größ­te Pfle­ge­dienst im Land.

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