Wer kann das Ge­mein­wohl de­fi­nie­ren?

Bei ei­ner Ver­an­stal­tung der Rohn­stock Bio­gra­fi­en ging es um Er­fah­run­gen aus der DDR und der Bun­des­re­pu­blik

Neues Deutschland - - Wirtschaft – Soziales – Umwelt - Von Tom Stroh­schnei­der

Wirt­schaf­ten im Sin­ne des Ge­mein­wohls soll ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Ren­di­te­ori­en­tie­rung sein. Doch wie kann das in der Pra­xis lau­fen? »Ei­gen­tum ver­pflich­tet«, heißt es im Grund­ge­setz. »Sein Ge­brauch soll zu­gleich dem Woh­le der All­ge­mein­heit die­nen.« Wie es dar­um be­stellt ist, lässt sich täg­lich nach­le­sen: wach­sen­de Un­gleich­heit, durch­lö­cher­te Da­seins­vor­sor­ge, ex­plo­die­ren­der Reich­tum. Of­fen­bar ge­lingt es auch nicht, glo­ba­le Her­aus­for­de­run­gen im Sin­ne ei­nes Ge­mein­wohls zu be­ant­wor­ten. Und wenn es um Ren­di­te geht, grei­fen nicht nur Au­to­kon­zer­ne gar zu il­le­ga­len Me­tho­den.

Wie aber lie­ße sich im Sin­ne ei­nes Ge­mein­wohls wirt­schaf­ten? Was hat das mit Ei­gen­tums­for­men zu tun? Und wel­che Er­fah­run­gen wur­den in der DDR ge­macht, in der das Ei­gen­tum zu­min­dest no­mi­nell das der Be­völ­ke- rung sein soll­te? Ei­ni­ge Ant­wor­ten gab es am Mitt­woch­abend in Ber­lin bei der Sa­lon­rei­he »Wirt­schaft er­zählt«. Die von Rohn­stock Bio­gra­fi­en or­ga­ni­sier­ten Ge­sprächs­run­den brin­gen Kom­bi­nats­di­rek­to­ren von da­mals und Grün­der von heu­te, Ge­nos­sen­schaft­ler, kri­ti­sche Öko­no­men und Bür­ger­ak­ti­vis­ten zu­sam­men, um »ei­nen Bei­trag zur Ge­schich­te der ver­schie­de­nen Ei­gen­tums­for­men zu leis­ten«.

Win­fried Noack, einst Ge­ne­ral­di­rek­tor des phar­ma­zeu­ti­schen VEB Ger­med, be­rich­te­te, die Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on in der DDR ha­be sich an der Be­darfs­de­ckung ori­en­tiert, nicht an pri­vat ein­zieh­ba­ren Ren­di­ten. We­der »Mond­prei­se« für Me­di­ka­men­te noch Schei­nin­no­va­tio­nen aus rei­nen Wett­be­werbs­grün­den sei­en un­ter der staat­li­chen Len­kung in den 16 Be­trie­ben des Kom­bi­nats an­ge­strebt wor­den. Für Noack ein Be­leg, dass es auch an­ders geht.

Der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Jörg Roe­s­ler, der die Rei­he wis­sen­schaft- lich be­glei­tet, un­ter­schei­det in der Ent­wick­lung der DDR ver­schie­de­ne »Or­te«, auf die je­weils die Ge­mein­wohlori­en­tie­rung am stärks­ten ge­rich­tet war. Stan­den zu­nächst die Bri­ga­den der Be­schäf­tig­ten im Zen­trum, wur­den es mit der wirt­schafts­po­li­ti­schen Öff­nung stär­ker die Be­trie­be, spä­ter zog die Zen­tra­le wie­der die Zü­gel an sich. Da­bei tra­ten Wi­der­sprü­che zu­ta­ge, die auch da­mit zu tun ha­ben, wer das Ge­mein­wohl de­fi­nie­ren kann. Woll­te die SED-Spit­ze die Mi­kro­elek­tro­nik nach vor­ne brin­gen, ging das zu­las­ten an­de­rer Be­dürf­nis­se.

Die Pro­ble­me der De­fi­ni­ti­ons­macht sieht auch die Com­mons-Ex­per­tin Sil­ke Helf­rich. Sie plä­dier­te in An­leh­nung an die Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ge­rin Eli­nor Ostrom da­für, nicht nur Ei­gen­tums­for­men zum Ge­gen­stand zu ma­chen, son­dern vor al­lem auch die Nut­zungs­rech­te: Wer darf was mit dem Bo­den, den Pro­duk­ti­ons­mit­teln ma­chen, wie wird kon­trol­liert und sank­tio­niert? Für Helf­rich gibt es zu- dem nicht nur Markt und Staat, pri­vat und öf­fent­lich, son­dern auch Räu­me da­zwi­schen. Ge­mein­ei­gen­tums­pro­jek­te müss­ten mehr ge­för­dert wer­den, et­wa durch All­men­de-Öf­fent­li­che-Part­ner­schaf­ten.

Das scheint auch aus der Per­spek­ti­ve von Lau­ra Va­len­tu­ke­vici­u­te von der Initia­ti­ve Ge­mein­gut in Bür­gerIn­nen­hand und der SPD-Po­li­ti­ke­rin Ger­lin­de Scher­mer sinn­voll. Bei­de be­rich­te­ten von den An­stren­gun­gen, die Pri­va­ti­sie­rung der Ber­li­ner Was­ser­be­trie­be rück­gän­gig zu ma­chen. Heu­te sind die­se wie­der voll­stän­dig im Be­sitz des Lan­des, aber, so Scher­mer: Nach wel­chen In­ter­es­sen sich die Be­wirt­schaf­tung rich­tet, sei nicht nur ei­ne Fra­ge der Rechts­form. Ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Sicht auf Ge­mein­wohl steu­er­te Andre­as Hör­cher bei: die Ver­ant­wor­tung ge­gen­über Mit­ar­bei­tern oder Kom­mu­nen. Sei­ne Jena­er Fir­ma ist zu­gleich Teil ei­ner Ge­nos­sen­schaft, die ge­mein­sam In­fra­struk­tur für das Wirt­schaf­ten bie­tet.

In den letz­ten Jahr­zehn­ten ist das ge­sell­schaft­li­che In­ter­es­se im­mer stär­ker un­ter Druck ge­ra­ten – durch Ren­di­te-Lob­by­is­mus, neo­li­be­ra­le Po­li­tik, in­sti­tu­tio­nel­le He­bel wie die Schul­den­brem­se und den »stum­men Zwang der öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se«. Für die Gel­tung des Ge­mein­wohls künf­tig wird auch ei­ne Rol­le spie­len, wel­chen Stel­len­wert es in der öko­no­mi­schen Aus­bil­dung zu­rücker­langt. Dort herrscht wei­ter ein Den­ken in neo­klas­si­schen Mo­del­len vor, be­klag­te Es­t­her M. Sch­mitt vom Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik. Die Initia­ti­ve macht sich da­für stark, dass auch an­de­re Sicht­wei­sen an die Lehr­an­stal­ten zu­rück­keh­ren.

Die Fra­ge, wie und wel­ches Ei­gen­tum »zu­gleich dem Woh­le der All­ge­mein­heit die­nen« könn­te, ist nicht nur ei­ne theo­re­ti­sche, wie im Rohn­sto­ckEr­zähl­sa­lon die Prak­ti­ker von da­mals und heu­te er­läu­ter­ten. Mehr Viel­falt in der Theo­rie wür­de bei der Be­ant­wor­tung aber si­cher nicht scha­den.

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