Hält das?

Die Grü­nen und ih­re Ver­spre­chen

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Ste­phan Kauf­mann

Die Grü­nen räu­men ab: In Bay­ern und Hes­sen ström­ten ih­nen Wäh­ler aus fast al­len po­li­ti­schen La­gern zu. Nun schickt sich die Par­tei an, auch im Os­ten auf­zu­ho­len. In Thü­rin­gen liegt sie in ei­ner Um­fra­ge bei zwölf Pro­zent. Die Fra­ge nach Grün­den ih­res Er­folgs kennt vie­le Ant­wor­ten. Vor al­lem gel­ten die Grü­nen als Par­tei der kla­ren Wer­te. Un­klar ist in­zwi­schen aber, wo­für sie po­li­tisch steht. Sie ver­spricht al­les, was als gut gilt, und will Ge­gen­sät­ze ver­söh­nen, et­wa zwi­schen Wirt­schaft und Um­welt. Geht das?

Es ist noch nicht lan­ge her, da hieß es an­ge­sichts fal­len­der Be­liebt­heits­wer­te, die Grü­nen stün­den mit dem Rü­cken zur Wand. Heu­te je­doch sind sie oben­auf. Bei den Wah­len in Bay­ern ver­dop­pel­ten sie ih­ren Stim­men­an­teil, in Hes­sen er­ziel­ten sie zu­letzt ein Re­kord­er­geb­nis von fast 20 Pro­zent, in Ber­lin lie­gen sie in Um­fra­gen der­zeit an ers­ter Stel­le.

Die Grü­nen, so heißt es, sind durch ei­nen po­li­ti­schen Schwenk zur Volks­par­tei ge­wor­den: Heu­te sind sie Main­stream. Doch will die Par­tei nicht nur die so­ge­nann­te Mit­te re­prä­sen­tie­ren, son­dern grö­ße­re Tei­le des po­li­ti­schen Spek­trums ab­de­cken: Sie gilt nicht mehr als links, son­dern als kon­ser­va­tiv, als li­be­ral – und gleich­zei­tig im­mer noch als links. Zwar »wa­ren die Grü­nen nie ei­ne klas­sisch lin­ke Par­tei«, er­klärt Jür­gen Trit­tin. »Sie wa­ren zu­erst Öko­lo­gen. Und Öko­lo­gen sind im­mer links.« Nicht links, son­dern Öko­lo­gen, und da­her doch links, so die Dia­lek­tik.

Die­se brei­te Ab­de­ckung po­li­ti­scher Be­dürf­nis­se macht die Grü­nen der­zeit nicht un­glaub­wür­dig, son­dern mehr­heits­fä­hig. Ih­re ra­di­ka­len Tei­le hat sie ab­ge­wor­fen. Heu­te er­öff­net sie kei­ne Ge­gen­sät­ze mehr zwi­schen Um­welt und Wirt­schaft, zwi­schen Reich und Arm, zwi­schen Welt­po­li­tik und Pa­zi­fis­mus, zwi­schen Welt­of­fen­heit und Pa­trio­tis­mus, zwi­schen Hei­mat und Glo­ba­li­sie­rung. Sie ver­spricht, al­le Ge­gen­sät­ze zu ver­söh­nen. Das tun zwar an­de­re Par­tei­en auch. Doch den Grü-

nen wer­den ih­re Ver­spre­chen eher ge­glaubt. Und sie ha­ben ei­ni­ge im An­ge­bot: »Mit Grün wird Deutsch­land ge­rech­ter«, wirbt die Par­tei für sich, »mit Grün wird Deutsch­land eu­ro­pä­isch, welt­of­fen und gleich­be­rech­tigt.« An­de­ren EU-Län­dern stellt sie ei­ne »Part­ner­schaft mit Re­spekt auf Au­gen­hö­he« in Aus­sicht, sie bie­tet »ver­ant­wor­tungs­vol­le Flücht­lings­po­li­tik und ge­lin­gen­de In­te­gra­ti­on«; an die Stel­le un­ge­zü­gel­ter Glo­ba­li­sie­rung soll ei­ne Han­dels­po­li­tik tre­ten, die nicht nur den deut­schen Wohl­stand mehrt, son­dern auch »fair« ist und »so­zia­le und öko­lo­gi­sche Stan­dards« in al­ler Welt aus­baut. Die Land­wirt­schaft soll um­ge­baut wer­den, so­dass das Es­sen nicht nur ge­sün­der ist, son­dern auch be­zahl­bar. Statt »blin­den Wachs­tums­glau­bens und un­ge­brems­ten Pro­fit­st­re- bens« plä­diert sie für qua­li­ta­ti­ves Wachs­tum und grü­ne Ren­di­ten, grü­ne Steu­ern, grü­ne Fi­nanz­märk­te. Kurz: Heu­te wol­len die Grü­nen nicht nur den Ge­gen­satz zwi­schen Öko­no­mie und Öko­lo­gie til­gen, sie ver­spre­chen zu­dem so­zia­le Ge­rech­tig­keit oh­ne gro­ße Um­ver­tei­lung. Im glo­ba­len Kampf der Su­per­mäch­te wol­len sie Deutsch­lands Ein­fluss gel­tend ma­chen – mit fried­li­chen Mit­teln und oh­ne Zwang. Sie ste­hen für ei­ne of­fe­ne Ge­sell­schaft, die Mi­gran­ten will­kom­men heißt und gleich­zei­tig die Gren­zen dicht­hält. Das al­les wol­len sie er­rei­chen oh­ne grund­le­gen­de Ve­rän­de­run­gen am Sys­tem: Im Prin­zip kann al­les blei­ben, wie es ist. Hal­ten die Grü­nen, was sie ver­spre­chen? Ein Check an­läss­lich des Grü­nen-Bun­des­par­tei­tags zur Eu­ro­pa­wahl, der am Sonn­tag en­det.

Fo­to: dpa/Karl-Jo­sef Hil­den­brand

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