War­um die Un­ter­gren­ze beim Lohn nur in Trip­pel­schrit­ten steigt.

Der Min­dest­lohn ist zu nied­rig, sei­ne Kon­struk­ti­on ver­hin­dert ein deut­li­ches Plus.

Neues Deutschland - - Erste Seite - Von Tom Stroh­schnei­der

Die Crux: Bleibt al­les, wie es ist, kommt man erst in Jah­ren in den Be­reich von zwölf Eu­ro, ein Be­trag, der dann auf­grund der Preis­ent­wick­lung auch schon wie­der viel zu ge­ring sein wird.

Der Min­dest­lohn ist ein Bei­spiel für die Wi­der­sprü­che pro­gres­si­ver Po­li­tik. So wich­tig es war, dass end­lich ei­ne ge­setz­li­che Lohn­un­ter­gren­ze ein­ge­zo­gen wur­de, so rich­tig wa­ren und blei­ben al­le Ru­fe nach Ver­bes­se­rung. Mal ging es um Aus­nah­men, meist um den Be­trag und nun rückt das Ver­fah­ren in den Mit­tel­punkt. Man könn­te auch sa­gen: Fort­schritt ist re­la­tiv, ob et­was wei­ter­hin so ge­nannt wer­den kann, hängt im­mer da­von ab, ob der nächs­te Schritt ge­lingt. Und der nächs­te. Und so fort­an.

»Ich fin­de üb­ri­gens, dass zwölf Eu­ro Min­dest­lohn an­ge­mes­sen sind. Am Lohn soll­ten Un­ter­neh­men nicht spa­ren«, war un­längst wie­der ein­mal Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz zi­tiert wor­den. Die ei­nen er­in­ner­ten die So­zi­al­de­mo­kra­ten dar­an, dass sie in der Re­gie­rung sind und al­so we­ni­ger re­den, son­dern han­deln soll­ten. Von ei­nem deut­lich hö­he­ren Min­dest­lohn wol­len da­ge­gen Ver­tre­ter wirt­schafts­li­be­ra­ler Po­si­tio­nen et­wa in der Uni­on und in der Wis­sen­schaft nicht viel wis­sen.

So­weit so üb­lich. Auch die De­bat­ten­la­ge hin­sicht­lich der Hö­he hat sich nicht son­der­lich ver­scho­ben. Ab 2019 liegt die Lohn­un­ter­gren­ze bei 9,19 Eu­ro brut­to pro St­un­de, ab 2020 bei 9,35 Eu­ro. Kommt man da­mit über die Run­den? Die ge­werk­schafts­na­he Hans-Böck­ler-Stif­tung ver­weist auf ei­ne Stu­die, laut der der Min­dest­lohn in vie­len Groß­städ­ten we­gen der Miet­kos­ten nicht mehr die Le­bens­hal­tungs­kos­ten deckt. Oft zi­tiert wird auch die Bun­des­re­gie­rung, laut der für ei­ne Net­to­ren­te ober­halb des Grund­si­che­rungs­ni­veaus bei ei­nem nor­ma­len Job über 45 Jah­re hin­weg der­zeit »rech­ne­risch ein St­un­den­lohn von 12,63 Eu­ro er­for­der­lich« wä­re. Ge­zeigt hat sich, dass der Min­dest­lohn nicht, wie vor sei­ner Ein­füh­rung oft be­haup­tet, Ar­beits­plät­ze ver­nich­tet. Im Ge­gen­teil, eher wird auf den po­si­ti­ven Bei­trag zur Bin­nen­nach­fra­ge ver­wie­sen. Das al­lein müss­te ei­gent­lich schon aus­rei­chen, ei­nen deut­li­chen Auf­schlag auf den Min­dest­lohn zu be­grün­den. Statt­des­sen gibt es wei­ter Löh­ne, bei de­nen der Staat ein­sprin­gen muss: et­wa durch Auf­sto­cken, Trans­fer­leis­tung im Al­ter oder Wohn­geld. Min­des­tens bis 2020.

Dass es nur in Cent-Schrit­ten vor­an­geht, hat mit der Kon­struk­ti­on der Min­dest­lohn­kom­mis­si­on zu tun. Bis­her legt das Ge­setz fest, dass die fest­zu­set­zen­de Hö­he »zu ei­nem an­ge­mes­se­nen Min­dest­schutz« bei­zu­tra­gen, »fai­re und funk­tio­nie­ren­de Wett­be­werbs­be­din­gun­gen zu er­mög­li­chen so­wie Be­schäf­ti­gung nicht zu ge­fähr­den« ha­be. Au­ßer­dem: »Die Min­dest­lohn­kom­mis­si­on ori­en­tiert sich bei der Fest­set­zung des Min­dest­lohns nach­lau­fend an der Ta­ri­fent­wick­lung.«

Hie­rin steckt ein Pro­blem. Und es wird da­durch grö­ßer, dass die Kom­mis­si­on die­sen Pas­sus in ih­rer Ge­schäfts­ord­nung noch ver­schärft hat. Die re­gel­mä­ßi­ge An­pas­sung des Min­dest­lohns wird »ge­mäß der Ent­wick­lung des Ta­ri­f­in­dex des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes« voll­zo­gen, ei­ne Ab­wei­chung sei nur mög­lich, »wenn be­son­de­re, gra­vie­ren­de Um­stän­de« vor­lie­gen. Zu­dem ist dann auch noch ei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit in der Kom­mis­si­on nö­tig, de­ren stimm­be­rech­tig­te Mit­glie­der die Ge­werk­schaf­ten und die Ka­pi­tal­sei­te stel­len.

Schon frü­her ist dar­über ge­strit­ten wor­den, ob das über­haupt dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers ent­spricht, der aus­drück­lich auf ei­ne »Ge­samt­ab­wä­gung« poch­te und die Min­dest­lohn­kom­mis­si­on nicht als nach­voll­zie­hen­des No­ta­ri­at er­dacht hat, das bloß noch durch­schnitt­li­che Ta­rif­er­geb­nis­se um­rech­net. Vie­le Ju­ris­ten be­to­nen aber auch die Au­to­no­mie der Kom­mis­si­on – und in der sit­zen die Ge­werk­schaf­ten mit drin. Der DGBVer­tre­ter in der Run­de, Ste­fan Kör­zell, hat nun da­vor warnt, der Min­dest­lohn dür­fe »kei­nes­falls zum Spiel­ball po­li­ti­scher Mehr­heits­ent­schei­dun­gen wer­den«. Die Crux: Bleibt al­les, wie es ist, und der Min­dest­lohn »läuft« nur der Ta­ri­fent­wick­lung »nach«, kommt man erst in Jah­ren in den Be­reich von zwölf Eu­ro, ein Be­trag, der dann auf­grund der Preis­ent­wick­lung auch schon wie­der viel zu ge­ring sein wird.

Und das Ver­fah­ren ist nicht bloß ei­ne bü­ro­kra­ti­sche Fra­ge, son­dern hat ei­ne wich­ti­ge ge­rech­tig­keits­po­li­ti­sche Di­men­si­on. Dar­auf hat un­längst Gün­ter Schmid hin­ge­wie­sen, der eme­ri­tier­te Di­rek­tor des Wis­sen­schafts­zen­trums Ber­lin for­dert un­ter an­de­rem, »die de­mo­kra­ti­sche Be­tei­li­gung bei der Fest­le­gung des Min­dest­lohns zu er­wei­tern«.

Schmid sieht es auch als sinn­voll an, das Par­la­ment stär­ker in die De­bat­te ein­zu­be­zie­hen: »Nur so kann die eben­falls im Min­dest­l­ohn­ge­setz er­wähn­te For­mel ei­ner ›Ge­samt­ab­wä­gung‹ ge­währ­leis­tet wer­den«, die über den Tel­ler­rand der Ta­ri­fent­wick­lung bli­cken müss­te. Die Fest­set­zung der Hö­he des Min­dest­lohns in der Kom­mis­si­on dür­fe nicht »zu ei­nem blo­ßen rech­ne­ri­schen Al­go­rith­mus ver­kom­men«, es ge­be auch »über die do­mi­nie­ren­den Ta­rif­par­tei­en hin­aus­ge­hen­de In­ter­es­sen«. Doch wie kom­men die zur Gel­tung? DGB-Mann Kör­zell hält »ei­ne ein­ma­li­ge Ni­veau­an­pas­sung durch den Ge­setz­ge­ber« für denk­bar. Das wür­de den Start­feh­ler ei­nes zu nied­rig be­gon­ne­nen Min­dest­loh­nes kor­ri­gie­ren. Mehr aber nicht. Der DGB zieht hier auch ei­ne ro­te Li­nie für die SPD, de­ren Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil an­ge­kün­digt hat, ein neu­es Ver­fah­ren zur Fest­set­zung des Min­dest­lohns zu ent­wer­fen. Die An­pas­sung soll wei­ter Sa­che der Ta­rif­part­ner blei­ben.

Ei­ne No­vel­le ent­sprä­che der Ge­set­zes­la­ge, Pa­ra­graf 23 sieht ei­ne Eva­lua­ti­on bis 2020 vor. Dann wird sich – nicht zu­letzt bei den Ver­fah­rens­re­geln – zei­gen, ob beim Min­dest­lohn wei­ter Fort­schritt mög­lich ist. Oder ob er nur »nach­läuft«.

Fo­to: VI­SUM/Ste­fan Bo­ness

»Ich fin­de, dass zwölf Eu­ro Min­dest­lohn an­ge­mes­sen sind«, sag­te kürz­lich Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz.

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