Mo­ritz Wich­mann, Oli­ver Kern:

Nach den US-Zwi­schen­wah­len

Neues Deutschland - - Inhalt - Von Mo­ritz Wich­mann und Oli­ver Kern

Noch in der Wahl­nacht war Nan­cy Pe­lo­si ju­belnd vor ih­re An­hän­ger ge­tre­ten. »Die Po­li­tik der kom­men­den Jah­re wird von Trans­pa­renz und Of­fen­heit be­stimmt wer­den«, be­ton­te die Fa­vo­ri­tin für den mäch­ti­gen Pos­ten der Par­la­ments­spre­che­rin. Auch wenn die 78jäh­ri­ge De­mo­kra­tin kur­ze Zeit spä­ter an­geb­lich sehr zi­vi­li­siert mit US-Prä­si­dent Do­nald Trump te­le­fo­niert ha­ben soll, durf­te das durch­aus als Dro­hung ver­stan­den wer­den. Denn die De­mo­kra­ten »wol­len wi­der­spens­tig sein, wo es nö­tig ist«, füg­te Pe­lo­si hin­zu.

Die De­mo­kra­ten wer­den ab Ja­nu­ar das USRe­prä­sen­tan­ten­haus kon­trol­lie­ren. Da­mit dürf­te Trump viel un­an­ge­neh­me Auf­merk­sam­keit zu­teil wer­den. Sei­ne Geg­ner wol­len das tun, was die Re­pu­bli­ka­ner bis­her ver­wei­gert ha­ben: Fehl­ver­hal­ten in der Re­gie­rung so­wie frag­wür­di­ge Ma­chen­schaf­ten des Prä­si­den­ten un­ter­su­chen. Aus­schüs­se des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses kön­nen da­zu Zeu­gen vor­la­den und Be­weis­ma­te­ri­al an­for­dern. So lan­ge das Par­la­ment un­ter re­pu­bli­ka­ni­scher Kon­trol­le stand, pas­sier­te so gut wie nichts. Jetzt wol­len die De­mo­kra­ten al­les auf den Tisch brin­gen – bis hin zu bis­lang ge­hei­men Steu­er­er­klä­run­gen von Do­nald Trump.

Ob das je­doch die bes­te Stra­te­gie ist, um in zwei Jah­ren auch das Wei­ße Haus zu­rück­zu­er­obern, ist frag­lich. Schließ­lich ver­sucht Trump seit zwei Jah­ren, al­le Un­ter­su­chun­gen ge­gen ihn als po­li­ti­sches Thea­ter und völ­lig grund­los zu dis­kre­di­tie­ren. Und sei­ne An­hän­ger glau­ben ihm. Die­se da­von zu über­zeu­gen, im Jahr 2020 ei­nen De­mo­kra­ten oder ei­ne De­mo­kra­tin zu wäh­len, dürf­te nur ge­lin­gen, wenn man Be­wei­se für kri­mi­nel­les Ver­hal­ten fin­det, oder wenn Trump ge­zwun­gen wird, un­po­pu­lä­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

»Ich wer­de sie jetzt für al­les ver­ant­wort­lich ma­chen«, sag­te Trump nach der Wahl. Soll hei­ßen: Wenn es mit dem der­zeit wirt­schaft­lich noch gut lau­fen­den Land berg­ab geht, wird den De­mo­kra­ten da­für die Schuld zu­ge­schrie­ben, die ihn blo­ckie­ren wol­len.

Nicht we­ni­ge Lin­ke mei­nen da­her, die bes­te Waf­fe ge­gen Trump sei kein Un­ter­su­chungs­aus­schuss, son­dern Po­li­tik zum Wohl der Bür­ger: Steu­er­sen­kun­gen für Ge­ring­ver­die­nen­de statt für Su­per­rei­che. Ein Ver­bot für Kran­ken­ver­si­che­rer, Be­wer­ber we­gen Vo­r­er­kran­kun­gen ab­zu­leh­nen. Schär­fe­re Waf­fen­ge­set­ze oder ei­ne Ein­wan­de­rungs­re­form, die vor Jahr­zehn­ten Ein­ge­wan­der­ten end­lich die Staats­bür­ger­schaft ge­währt. All die­se The­men ha­ben Rück­halt in der Be­völ­ke­rung, wer­den von den Kon­ser­va­ti­ven aber ver­teu­felt. Die­se nun ak­tiv da­ge­gen stim­men zu las­sen, könn­te die Men­schen beim nächs­ten Ur­nen­gang zu den De­mo­kra­ten trei­ben.

Der An­ti-Trump-Ef­fekt al­lein scheint da­für nur bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad zu rei­chen. Oder ge­nau­er bis in Ame­ri­kas Vo­r­or­te, wo die Re­pu­bli­ka­ner am Di­ens­tag mas­sen­haft Mehr­hei­ten ver­lo­ren. Es war ei­ne Wahl, bei der die De­mo­kra­ten das be­ka­men, was sie brauch­ten, aber nicht das, was sie woll­ten – die blaue (al­so de­mo­kra­ti­sche) Wel­le fiel eher klein aus. Nach der­zei­ti­gem Aus­zäh­lungs­stand ge­wan­nen die De­mo­kra­ten im Re­prä­sen­tan­ten­haus 32 Sit­ze hin­zu und ver­fü­gen nun über ei­ne Mehr­heit von min­des­tens 225 zu 200 Sit­zen. Der Zu­ge­winn könn­te noch auf bis zu 40 Sit­ze stei­gen.

Lan­des­weit stieg die Wahl­be­tei­li­gung von jun­gen Wäh­lern, Schwar­zen und La­ti­nos deut­lich an. Sie sorg­ten da­für, dass der Gras­wur­zel­po­li­ti­ker Be­to O’Rour­ke in Te­xas bei­na­he die Sen­sa­ti­on schaff­te und mit nur 2,7 Pro­zent ge­gen den »har­ten Hund« und re­pu­bli­ka­ni­schen Se­na­tor Ted Cruz ver­lor. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren la­gen die Re­pu­bli­ka­ner in der Hei­mat der Bush-Fa­mi­lie im­mer mit 15 bis über 20 Punk­ten vorn.

Bei et­wa 49 Pro­zent lag die Be­tei­li­gung an die­sen Zwi­schen­wah­len lan­des­weit, so hoch wie seit 1966 nicht mehr. Do­nald Trump hat­te mit Dut­zen­den Last-Mi­nu­te-Auf­trit­ten sei­ne Ba­sis mo­bi­li­siert. Doch die Wut über ihn trieb noch mehr sei­ner Geg­ner an die Wahl­lo­ka­le. In ei­ner Be­fra­gung von CNN ga­ben 39 Pro­zent der Wäh­ler an, vor al­lem ge­gen Do­nald Trump ge­stimmt zu ha­ben, auch wenn der nicht auf dem Wahl­zet­tel stand.

Mehr als 100 de­mo­kra­ti­sche Frau­en wur­den in den Kon­gress ge­wählt. Sie lö­sen da­mit wei­ße Män­ner als größ­te Grup­pe in der Par­tei ab. Im Re­prä­sen­tan­ten­haus sit­zen nun Sha­ri­ce Da­vids aus Kan­sas, die ein lo­ka­ler Re­pu­bli­ka­ner als »ra­di­kal­so­zia­lis­ti­sche kick­bo­xen­de Les­ben-In­dia­ne­rin« be­zeich­net hat­te. Und eben­so wer­den hier in Zu­kunft die in­di- ge­ne Deb Haa­land aus New Me­xi­ko, die USPa­läs­ti­nen­se­rin Ra­shi­da Tlaib aus De­troit oder die So­ma­li-Ame­ri­ka­ne­rin Il­han Omar aus Min­ne­so­ta Po­li­tik ma­chen.

Die Re­pu­bli­ka­ner set­zen da­ge­gen im­mer mehr auf die Stim­men wei­ßer äl­te­rer Män­ner. »Min­der­hei­ten-Herr­schaft« nen­nen Kri­ti­ker die­se Tak­tik. Trumps An­hän­ger es­ka­lier­ten sie in den letz­ten Ta­gen vor der Ab­stim­mung noch mit ei­nem ras­sis­ti­schen Wahl­kampf zur »Ka­ra­wa­ne« von Mi­gran­ten aus Mit­tel­ame­ri­ka. Bei der Gou­ver­neurs­wahl in Flo­ri­da kam die Par­tei mit die­ser Tak­tik der Mo­bi­li­sie­rung »wei­ßer Angst« knapp durch.

In Geor­gia muss­te Trumps Ge­folgs­mann Bri­an Kemp für sei­nen vor­aus­sicht­lich knap­pen Sieg mit rund 60 000 Stim­men Vor­sprung schon zu of­fe­ner Wäh­ler­un­ter­drü­ckung grei­fen. Kemp hat­te Hun­dert­tau­sen­de in­ak­ti­ve Bür­ger aus den Wäh­ler­lis­ten strei­chen las­sen. Sei­ne schwar­ze Ge­gen­kan­di­da­ten St­acey Abrams wei­gert sich da­her bis­lang, ei­ne Nie­der­la­ge ein­zu­ge­ste­hen. Noch wer­den auch hier Brief­wahl­stim­men ge­zählt.

Im Se­nat wa­ren die De­mo­kra­ten in der De­fen­si­ve. Sie hat­ten viel mehr Sit­ze zu ver­tei­di­gen und kaum Chan­cen, im Sü­den mit länd­li­che­rer und kon­ser­va­ti­ve­rer Wäh­ler­schaft selbst wel­che da­zu­zu­ge­win­nen. So dürf­ten sie al­ler Vor­aus­sicht nach net­to ein bis drei Sit­ze ver­lie­ren. In Ari­zo­na und Flo­ri­da wird noch mal nach­ge­zählt, das der Aus­gang des Ur­nen­gangs hier be­son­ders knapp war.

In sie­ben Staa­ten ge­wan­nen die De­mo­kra­ten die Gou­ver­neurs­wah­len: in Con­nec­ti­cut, Il­li­nois, Mai­ne, Mi­chi­gan, Ne­va­da, New Me­xi­co, Wis­con­sin und Kan­sas. In Flo­ri­da, Io­wa und Mi­chi­gan hat­ten sie gu­te Chan­cen, ver­pass­ten aber den Sieg. Im­mer­hin ha­ben die De­mo­kra­ten auf­ge­holt, stel­len nun 23 Staats­chefs, wäh­rend die Re­pu­bli­ka­ner noch 27 Gou­ver­neurs­pos­ten kon­trol­lie­ren.

To­ny Evers hat­te Bil­dung zum zen­tra­len The­ma sei­nes Wahl­kamp­fes ge­macht und schlug da­mit in Wis­con­sin den Erz­kon­ser­va­ti­ven Scott Wal­ker, der bei Lin­ken für sei­ne An­ti-Ge­werk­schafts­ge­set­ze ver­hasst war. Es könn­te ein Fin­ger­zeig für 2020 sein, mit wel­chen The­men die De­mo­kra­ten künf­tig punk­ten kön­nen: Bes­se­re Be­zah­lung von Leh­rern, bes­se­re Aus­stat­tung von Schu­len, aber auch ein kos­ten­frei­es Stu­di­um an staat­li­chen Uni­ver­si­tä­ten. Das zieht vor al­lem bei jun­gen Wäh­lern und de­ren El­tern, so­wie all je­nen Mil­lio­nen Ame­ri­ka­nern, die teil­wei­se noch jahr­zehn­te­lang mit ih­ren Stu­di­en­schul­den zu kämp­fen ha­ben.

In Kan­sas hat­te Gou­ver­neur Sam Brown­back die »An­ti-Big-Go­vern­ment«-Po­li­tik der Re­pu­bli­ka­ner ra­di­kal um­ge­setzt und die Staats­fi­nan­zen so lan­ge aus­ge­trock­net, bis er der un­be­lieb­tes­te Gou­ver­neur des Lan­des war. Neu­er Gou­ver­neur soll­te Chris Ko­bach wer­den. Der hat­te in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten als Be­auf­trag­ter von Trump er­folg­los nach ver­meint­li­chem Wäh­ler­be­trug durch De­mo­kra­ten ge­sucht. Die sonst sehr kon­ser­va­ti­ven Bür­ger in Kan­sas wähl­ten nun lie­ber die De­mo­kra­tin Lau­ra Kel­ly.

In den USA sagt man: Am Tag nach der Wahl be­ginnt der Wahl­kampf. Die De­mo­kra­ten müs­sen da­her bald ent­schei­den, wen sie in zwei Jah­ren ge­gen Trump ins Ren­nen ums Wei­ße Haus schi­cken wol­len. Ei­ne pro­gres­si­ve Lin­ke, um die Ba­sis zu mo­bi­li­sie­ren? Oder doch ei­nen Kan­di­dat der Mit­te, um von Trump ver­graul­te Re­pu­bli­ka­ner ab­zu­wer­ben? Die Par­tei hat­te auf ein kla­res Zei­chen von der Ba­sis bei den Zwi­schen­wah­len ge­hofft. Es blieb aus. Ge­fei­er­te Jung­stars wie Abrams und O’Rour­ke konn­ten kei­ne Sen­sa­ti­ons­sie­ge ein­fah­ren. Mo­de­ra­te Kräf­te ge­wan­nen zwar im Nor­den Sit­ze zu­rück, wo Trump 2016 noch tri­um­phiert hat­te. Da­für ver­lo­ren Kan­di­da­ten der Mit­te in In­dia­na, Mis­sou­ri und North Da­ko­ta.

Nur eins wur­de deut­lich. Die Zei­chen ste­hen auf Weib­lich­keit. 70 Pro­zent sag­ten, ih­nen sei es wich­tig ge­we­sen, ei­ne Frau zu wäh­len. Da hat die Par­tei mit Eliz­a­beth War­ren aus Mas­sa­chu­setts, Kirs­ten Gil­li­brand aus New York und Ka­ma­la Har­ris aus Ka­li­for­ni­en schon drei for­mi­da­ble Aus­hän­ge­schil­der. Die Na­men soll­te man sich schon mal mer­ken.

Das Er­geb­nis in Wis­con­sin könn­te ein Hin­weis sein, mit wel­chen The­men die De­mo­kra­ten punk­ten kön­nen.

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