Mar­kus Mohr

Phil­ipp Jen­nin­ger und sei­ne Bun­des­tags­re­de 1988

Neues Deutschland - - Inhalt - Von Mar­kus Mohr

»Die ra­sche Iden­ti­fi­zie­rung mit den west­li­chen Sie­gern för­der­te die Über­zeu­gung, letz­ten En­des – eben­so wie an­de­re Völ­ker – miss­braucht, ›be­setzt‹ und schließ­lich be­freit wor­den zu sein.« Phil­ipp Jen­nin­ger, 1988

Der Mann am Pult hat­te kaum an­ge­fan­gen zu re­den am 10. No­vem­ber 1988, da zeich­ne­te sich sei­ne Ka­ta­stro­phe schon ab: »Im Plenar­saal«, so be­rich­te­te ei­ne Zei­tung, »wur­den Zwi­schen­ru­fe laut: ›Das ist doch al­les ge­lo­gen‹; ›Das ist ja ei­ne Bla­ma­ge, hö­ren Sie auf.‹ Ein lan­ger Seuf­zer steigt em­por (…).« Wei­ter skiz­ziert der Ar­ti­kel, wie »der ehe­ma­li­ge Bun­des­tags­prä­si­dent Bar­zel« bei der Re­de sei­nes Nach­fol­gers »im­mer häu­fi­ger den Kopf« ge­schüt­telt ha­be, wie der is­rae­li­sche Bot­schaf­ter Jitz­hak Ben-Ari »auf sei­nem Klapp­stuhl mehr und mehr« zu­sam­men­sank und wie des Bun­des­prä­si­den­ten Richard von Weiz­sä­ckers »Mie­ne (…) zu­se­hends bit­te­rer« wur­de. Die­se Re­de war die letz­te des Phil­ipp Jen­nin­ger. Am Tag nach je­ner Ge­denk­stun­de, mit der erst­mals im Bun­des­tag an die an­ti­se­mi­ti­schen Po­gro­me des 9. und 10. No­vem­ber 1938 er­in­nert wur­de, muss­te er vom zweit­höchs­ten Staats­amt zu­rück­tre­ten. Es wur­de still um ihn. 1990 ver­ließ er den Bun­des­tag und war noch Bot­schaf­ter in Wien und beim Va­ti­kan.

Da­bei hat­te Jen­nin­ger die Sa­che nach ei­ni­gem Hick­hack selbst an sich ge­zo­gen. Viel­leicht, um sei­ne Lauf­bahn mit ei­nem glän­zen­den rhe­to­ri­schen Mo­ment zu krö­nen, sich ein­zu­rei­hen zwi­schen Na­men wie Wil­ly Brandt, Richard von Weiz­sä­cker und gar Jür­gen Ha­ber­mas, die man mit dem ver­band, was sich da­mals »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« nann­te. So ver­such­te er un­ter an­de­rem nach­zu­zeich­nen, dass und war­um Hit­ler und die Na­zis ein »Fas­zi­no­sum« für vie­le ge­we­sen sei­en. »Und was die Ju­den an­ging«, frag­te er rhe­to­risch, hat­ten sich die­se »nicht in der Ver­gan­gen­heit doch ei­ne Rol­le an­ge­maßt – so hieß es da­mals –, die ih­nen nicht zu­kam? Muss­ten sie nicht end­lich ein­mal Ein­schrän­kun­gen in Kauf neh­men? Hat­ten sie es nicht viel­leicht so­gar ver­dient, in ih­re Schran­ken ge­wie­sen zu wer­den? Und vor al­lem: Ent­sprach die Pro­pa­gan­da – ab­ge­se­hen von wil­den, nicht ernst zu neh­men­den Über­trei­bun­gen – nicht doch in we­sent­li­chen Punk­ten ei­ge­nen Mut­ma­ßun­gen und Über­zeu­gun­gen?«

So falsch war das nicht. Was al­so war so skan­da­lös, dass Jen­nin­ger so­fort ge­hen muss­te? Zeit­ge­nös­sisch schrieb der li­be­ra­le Jour­na­list Klaus Har­tung, der »ver­hee­ren­de Ein­druck der ge­hal­te­nen Re­de« las­se sich »kaum nach­le­sen«, der Skan­dal be­ste­he im ge­spro­che­nen Wort. Der FAZ-Her­aus­ge­ber Fried­rich-Karl From­me mo­nier­te, die Re­de ha­be »stel­len­wei­se der in­tel­lek­tu­el­len Schär­fe, der Glät­te der Un­an­greif­bar­keit und des ge­tra­ge­nen Tons« ent­behrt, Se­bas­ti­an Haff­ner mein­te, es ha­be »das Ge­spür für die Si­tua­ti­on« ge­fehlt. Tat­säch­lich war der Vor­trag ei­ne Ka­ta­stro­phe. 38 Mi­nu­ten lang ver­hed­der­te sich Jen­nin­ger, kam ins Nu­scheln und ver­stol­per­te Wor­te. Vie­len Gäs­ten war das Gan­ze so un­an­ge­nehm, dass sie den Saal ver­lie­ßen. Und doch ging es in der Kri­tik nicht nur um das Wie, son­dern auch um das Was die­ser An­spra­che.

Auf der Rech­ten pro­du­zier­te sie er­wart­ba­re Ein­las­sun­gen. So hat­te Rainer Bar­zel sei­nen Kopf wohl aus sehr spe­zi­el­len Grün­den ge­schüt­telt. Jen­nin­ger hat­te in ei­ner we­ni­ger oft zi­tier­ten Pas­sa­ge die »viel­leicht bis heu­te nicht völ­lig ver­in­ner­lich­te Er­kennt­nis« ein­ge­for­dert, »dass die Pla­nung des Krie­ges im Os­ten und die Ver­nich­tung der Ju­den un­lös­bar mit­ein­an­der ver­bun­den ge­we­sen wa­ren, dass das ei­ne oh­ne das an­de­re nicht mög­lich ge­we­sen wä­re«. Bar­zel hin­ge­gen sag­te an­dern­tags, er ha­be sein »po­li­ti­sches Le­ben lang« an der »Ab­wehr der The­se von der Kol­lek­tiv­schuld der Deut­schen«, der »Wie­der­her­stel­lung der Eh­re des deut­schen Sol­da­ten« und für gu­te Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el ge­ar­bei­tet. Man dür­fe bei all dem »nicht ver­ges­sen«, dass »auch Deutsch­land (…) miss­han­delt wor­den« sei.

Von links­li­be­ra­ler Sei­te warf man Jen­nin­ger hin­ge­gen je­ne Pas­sa­gen zum An­ti­se­mi­tis­mus vor. Er ha­be sich in ei­ne Tä­ter­ein­füh­lung ge­flüch­tet, um sich nicht po­si­tio­nie­ren zu müs­sen, schrieb et­wa Bernd Gäb­ler, Ex-Vor­sit­zen­der des DKP-na­hen Stu­die­ren­den­ver­bands MSB Spar­ta­kus und zu die­ser Zeit Chef­re­dak­teur der »Deut­schen Volks­zei­tung«: »Er will er­klä­ren und hat kei­ne Maß­stä­be. Sein Aus­weg: Er lässt Volk, die schwei­gen­de Mehr­heit, durch sich selbst spre­chen, kol­por­tiert das Hö­ren­sa­gen, gibt im ein­fa­chen Ab­bild ei­nen zer­flie­ßen­den Brei aus fa­schis­ti­schem Selbst­zi­tat, ver­bo­ge­nem Ge­schichts­wis­sen und Mär­chens­tun- den wie­der. Da­rin wird al­les eins.« Der Sexo­lo­ge Gün­ter Amendt un­ter­stell­te ihm die Ab­sicht, be­wei­sen zu wol­len, dass Wi­der­stand un­mög­lich ge­we­sen sei, so wer­de Selbst­kri­tik zur Recht­fer­ti­gung. Und dann sei der Vor­tra­gen­de ei­nem »Durch­bruch des Un­be­wuss­ten« an­heim ge­fal­len, es sei­en »Zi­ta­tor und Zi­tier­te« ver­schmol­zen, wo­bei Jen­nin­gers Stim­me »von Lust über­flu­tet« wor­den sei: Je­ne an­ti­se­mi­ti­schen Aver­sio­nen sei­en folg­lich »sei­ne Emp­fin­dun­gen und nicht die der an­de­ren« ge­we­sen!

Doch scheint sich auch in die­se Kri­tik­li­nie Un­be­wuss­tes ge­mischt zu ha­ben, näm­lich mas­si­ve Aver­sio­nen ad per­so­nam: Konn­te ei­ner ei­ne nicht-skan­da­lö­se Re­de ge­hal­ten ha­ben, der spä­tes­tens seit dem »Bon­ner Bil­der­sturm« – bei dem Jen­nin­ger als Par­la­men­ta­ri­scher Ge­schäfts­füh­rer der Uni­on in ei­ner Aus­stel­lung ein von der Wand ge­nom­me­nes Chi­le-Pla­kat von Klaus Sta­eck zer­riss – als pro­to­ty­pi­scher Se­mi­fa­schist galt? Nicht zur Spra­che kam da­bei, dass der 1932 ge­bo­re­ne Jen­nin­ger selbst Aus­gren­zung er­lebt hat­te. Sein ka­tho­li­scher Va­ter war ein Fah­rens­mann der Zen­trums­par­tei und von ört­li­chen Na­zis schi­ka­niert wor­den.

Auch bei den­je­ni­gen Lin­ken, die Jen­nin­ger bes­ser ver­stan­den, ist die­se Ab­nei­gung mit Hän­den zu grei­fen. Aus­ge­spro­chen hat sie der »Kon­kret«-Chef Her­mann L. Grem­liza. Er sah zwar, dass Jen­nin­ger viel mehr »Wah­res« ge­sagt hat­te als drei Jah­re zu­vor Richard von Weiz­sä­cker – der in sei­ner bis heu­te ge­fei­er­ten Re­de zum 8. Mai über den Ho­lo­caust nicht viel mehr wuss­te, als dass des­sen »Aus­füh­rung« in »der Hand we­ni­ger« ge­le­gen ha­be und »vor den Au­gen der Öf­fent­lich­keit (…) ab­ge­schirmt« wor­den sei. Trotz­dem freu­te es Grem­liza, dass ei­ner, der »jahr­zehn­te­lang für dumpf-re­ak­tio­nä­res Ge­schwätz und Han­deln ge­liebt und be­för­dert« wur­de, nun mit »ei­nem Tritt in den Hin­tern ver­ab­schie­det« wer­de – kaum, dass ihn »zum ers­ten Mal ei­nes kri­ti­schen Ge­dan­kens Bläs­se ank­rän­kelt«.

Grem­liz­as Ein­sicht, dass in­des­sen die Re­de selbst zu re­ha­bi­li­tie­ren sei, setz­te sich spä­ter durch – frei­lich still­schwei­gend. Ignatz Bu­bis, lan­ge Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land, über­nahm ein­mal de­mons­tra­tiv et­li­che Pas­sa­gen. Den­noch sind Re­de wie Red­ner bis heu­te ver­ges­sen. Viel­leicht, weil die gan­ze Af­fä­re so plas­tisch zeigt, wie es zum En­de der Bon­ner Re­pu­blik tat­säch­lich um je­ne Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung stand, die die fol­gen­de Ber­li­ner als­bald zum Ex­port­ar­ti­kel er­klä­ren soll­te: Wur­de je­ne »Glät­te der Un­an­greif- bar­keit« ver­letzt, von der From­me sprach, zuck­te man schon zu­sam­men: Weil man in sol­chen Mo­men­ten auch aus Er­fah­rung so­fort fürch­te­te, dass sich pein­li­che Ab­grün­de auf­tä­ten, muss­te man Jen­nin­ger ganz un­will­kür­lich so ver­ste­hen, wie man ihn ver­stand: sich selbst er­fül­len­de Pro­phe­tie ei­ner eben al­les an­de­re als be­wäl­tig­ten Er­in­ne­rung.

Das spät­bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Ge­denk­thea­ter war aber nicht nur zwang­haft for­ma­lis­tisch, weil zu­tiefst angst­be­setzt, son­dern zu­gleich hoch­gra­dig in­stru­men­tell. In der par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken war nicht nur die grü­ne Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Jutta Oes­ter­le Schwe­rin der An­sicht, dass ei­ne Er­in­ne­rung an das his­to­ri­sche Ju­den­po­grom nur ver­lo­gen sein konn­te, wenn in der Ge­gen­wart – wie am Mor­gen der Re­de – ta­mi­li­sche Flücht­lings­kin­der in den Bür­ger­krieg auf Sri Lan­ka ab­ge­scho­ben wür­den. Oes­ter­le Schwe­rin woll­te den Ter­min ei­gent­lich boy­kot­tie­ren, er­schien dann nach ei­ge­nem Zeug­nis aber doch, um der Ver­samm­lung, der auch Über­le­ben­de bei­wohn­ten, eben­dies ent­ge­gen­zu­schleu­dern.

In der sei­ner­zeit ziem­lich rech­ten Mit­te aber hat­te, wie Jen­nin­ger gleich­falls tref­fend sag­te, »die ra­sche Iden­ti­fi­zie­rung mit den west­li­chen Sie­gern (…) die Über­zeu­gung« ge­för­dert, »letz­ten En­des – eben­so wie an­de­re Völ­ker – miss­braucht, ›be­setzt‹ und schließ­lich be­freit wor­den zu sein«. 1988 äu­ßer­te sich die­se Ab­spal­tungs­nei­gung un­ter an­de­rem da­rin, dass die mit­un­ter sel­ben Mei­nungs­füh­rer, die Jen­nin­gers zu wah­re Wor­te par­tout nicht er­tru­gen, mit wü­ten­der Si­cher­heit zu sa­gen kön­nen glaub­ten, dass ein – im Ge­gen­satz zu Jen­nin­ger – bis heu­te be­rühm­tes Haus­be­set­zer-Wand­bild, das in Ham­burg an­läss­lich der »In­ti­fa­da« zum Boy­kott Is­ra­els auf­rief, von ab­so­lut nichts an­de­rem als An­ti­se­mi­tis­mus reins­ten Was­sers zeu­ge: Bei »Ex­tre­mis­ten«, weit weg am Rand, schien der un­an­ge­neh­me Kom­plex um Na­zis, Krieg und Ho­lo­caust bes­ser plat­ziert als in gut­bür­ger­li­chen Fa­mi­li­en­ge­schich­ten. Des­we­gen konn­te und durf­te, was Oes­ter­le Schwe­rin wie­der­um ganz rich­tig kri­ti­sier­te, über »ex­tre­mis­ti­schen« – näm­lich et­wa kom­mu­nis­ti­schen – Wi­der­stand da­mals noch we­ni­ger ge­spro­chen wer­den als heu­te.

Jen­nin­ger hat das 30. Ju­bi­lä­um je­ner Re­de zum 50. Jah­res­tag nicht er­lebt. Im Früh­jahr 2018 ist er we­nig be­ach­tet ver­stor­ben. Ob aus Ge­schich­te ge­lernt wer­den kann, ist ja im­mer et­was frag­lich. Von der Jen­nin­gerEpi­so­de bleibt die Ah­nung zu­rück, dass es da­bei sehr auf das Pu­bli­kum an­kommt.

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