Micha­el Kum­mer

»Ost­kur­ve« Nr. 141: Der FC Rot-Weiß Er­furt

Neues Deutschland - - Inhalt - Von Micha­el Kum­mer, Er­furt

Sport­lich läuft es für den FC Rot-Weiß Er­furt un­ter dem neu­en Trai­ner Tho­mas Br­da­ric bes­ser. Seit 10 Spie­len ist die Mann­schaft in der Re­gio­nal­li­ga Nord­ost un­ge­schla­gen, steht auf dem 4. Ta­bel­len­platz und spielt at­trak­ti­ven Fuß­ball. Die im Schnitt knapp 4000 Zu­schau­er be­kom­men wie­der et­was ge­bo­ten, wenn sie ins Stei­ger­wald­sta­di­on ge­hen. Plan­vol­ler Spiel­auf­bau, schnel­les Flü­gel­spiel, Tor­chan­cen – das hat­ten sie seit Jah­ren kaum ge­se­hen. In den bis­he­ri­gen 15 Sai­son­spie­len konn­te der FC Rot-Weiß im­mer­hin 24 To­re schießen und gleich­zei­tig ei­ne der bes­ten Ab­wehr­rei­hen bie­ten. So fällt es ein­fa­cher, den drin­gend not­wen­di­gen Schul­ter­schluss zwi­schen Fans und Mann­schaft nach dem Ab­stieg und der ein­ge­lei­te­ten In­sol­venz wie­der her­zu­stel­len.

Denn sport­lich und fi­nan­zi­ell war die ver­gan­ge­ne Sai­son für den Klub ein De­sas­ter. Ab­ge­schla­gen auf dem letz­ten Platz der 3. Li­ga of­fen­bar­te nicht nur die Mann­schaft feh­len­de Qua­li­tät. Im Ver­ein ging es seit Herbst 2017 tur­bu­lent zu, Macht­kämp­fe mün­de­ten im Rück­zug des lang­jäh­ri­gen Prä­si­den­ten Rolf Rom­bach und der Ein­set­zung des neu­en Chefs Frank No­wag. Auch ihm ge­lang es nicht, die wirt­schaft­lich de­so­la­te Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, so dass im März 2018 In­sol­venz an­ge­mel­det wur­de. Seit­dem ist In­sol­venz- ver­wal­ter Vol­ker Rein­hard der star­ke Mann im Ver­ein, der mit sei­nem Team zwar vie­les neu, aber ei­ni­ges auch nicht bes­ser macht.

Das Grund­pro­blem bleibt das­sel­be: Die Er­fur­ter Ge­ge­ben­hei­ten sind nicht aus­rei­chend, um ei­nen Pro­fi­fuß­ball­ver­ein so zu un­ter­stüt­zen, dass er er­folg­reich in der 3. Li­ga ist oder gar in die 2. Bun­des­li­ga kommt. Die Spon­so­ren­su­che ist schwie­rig, was zum ei­nen an der klein­tei­li­gen Wirt­schafts­struk­tur der Re­gi­on liegt, in der kei­ne Zen­tra­len großer Fir­men an­säs­sig sind. Zum an­de­ren hat der Klub viel ver­brann­te Er­de hin­ter­las­sen, als Rot-Weiß dau­er­haft über sei­ne Ver­hält­nis­se ge­lebt hat. Hin­zu kom­men di­ver­se Bau­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pan­nen der Stadt beim Sta­di­on­um­bau, die von Er­fur­tern aber oft­mals dem FC Rot-Weiß an­ge­las­tet wer­den.

Das Prä­si­di­um von No­wag gibt es nicht mehr, auch ein Teil des Auf­sichts­rats trat zu­rück. Die Neu­wahl des Gre­mi­ums wur­de An­fang Sep­tem­ber zur denk­wür­di­gen Ver­an­stal­tung. For­mal lief die Mit­glie­der­ver­samm­lung kor­rekt ab. Al­ler­dings kon­kur­rier­ten zwei Kan­di­da­ten­grup­pen um die zu ver­ge­ben­den Auf­sichts­rats­plät­ze. Ei­ne Lis­te ver­lor ra­pi­de an An­se­hen, als meh­re­re Kan­di­da­ten über­stürzt zu­rück­zo­gen und ei­ne Ver­tre­te­rin ei­nen öf­fent­li­chen Wu­t­aus­bruch hin­leg­te. ExPrä­si­dent No­wag ver­ließ den Saal, nach­dem ihm die Mit­glie­der zwar ein Re­de­recht ein­ge­räumt hat­ten, aber nicht zum ge­wünsch­ten Ta­ges­ord­nungs­punkt. So zeig­te auch die­se Ver­samm­lung das seit den 90er Jah­ren be­ste­hen­de Man­ko des Ver­eins: Er wird be­vor­zugt nach Guts­her­ren­art von Gön­nern ge­steu­ert. Die Mit­glie­der sind nur de­mo­kra­ti­sches Fei­gen­blatt. Trotz al­ler Be­teue­run­gen, die Un­ter­stüt­zer in wich­ti­ge struk­tu­rel­le Ent­schei­dun­gen nun ein­zu­be­zie­hen, scheint In­sol­venz­ver­wal­ter Rein­hardt hier wei­ter­zu­ma­chen. Die Mit­glie­der zu in­for­mie­ren, gar zu be­fra­gen und ih­re Mei­nun­gen ein­flie­ßen zu las­sen, kurz: Trans­pa­renz, Nach­voll­zieh­bar­keit und da­mit Zu­stim­mung her­zu­stel­len, ist nicht sein Stär­ke.

Das of­fen­bart sich an der Fra­ge der Aus­glie­de­rung der Pro­fiab­tei­lung aus dem Stamm­ver­ein in ei­ner Spiel­be­triebs­ge­sell­schaft. Rein­hardt stellt das als al­ter­na­tiv­los und All­heil­mit­tel dar, denn nur so ge­län­ge es, Geld­ge­ber an­zu­lo­cken. Der »si­che­re Ha­fen sei nur mit In­ves­to­ren er­reich­bar«, so der Ver­wal­ter die­se Wo­che. Die­se tre­ten dann nicht mehr als Spon­so­ren auf, son­dern als In­ves­to­ren – mit Mit­be­stim­mungs­rech­ten. Und nur das wür­de je­nes Ka­pi­tal ge­ne­rie­ren, wel­ches für ein Wei­ter­be­ste­hen des FC Rot-Weiß Er­furt im Pro­fi­fuß­ball not­wen­dig wä­re.

Die­se Be­haup­tung wird von ei­nem Teil der An­hän­ger in Zwei­fel ge­zo­gen. Sie mei­nen, es feh­le ein lang­fris­ti­ger Plan über die In­sol­venz hin­aus, es gin­ge nur um die kurz­fris­ti­ge Er­hal­tung. Ei­ne Ga­ran­tie, dass die Aus­glie­de­rung den Ver­ein wirk­lich ret­tet, kann auch Rein­hardt nicht ge­ben. Wo­zu dann aus­glie­dern und Mit­be­stim­mung an In­ves­to­ren ab­ge­ben? Gleich­zei­tig ist der Wunsch nach er­folg­rei­chem Fuß­ball in Er­furt ge­nau­so vor­han­den wie an­ders­wo. Es gibt auch Fans, die von den Ar­gu­men­ten zur Aus­glie­de­rung über­zeugt sind und da­rin ei­nen not­wen­di­gen Weg zur Rück­kehr in die 3. Li­ga se­hen.

Wäh­rend der In­sol­venz ent­schei­det nur Rein­hardt, nicht die Mit­glie­der. Er be­tont un­ent­wegt, dass er be­reits in kon­struk­ti­ven Ge­sprä­chen mit In­ves­to­ren sei und nicht mehr viel für de­ren Un­ter­schrif­ten feh­le. Das mag man glau­ben oder nicht. Vie­le Mit­glie­der zwei­feln wei­ter. Sie wol­len wis­sen, wie das fa­vo­ri­sier­te Mo­dell funk­tio­niert, wel­che An­tei­le Fans zeich­nen kön­nen, wie die Mit­spra­che des Stamm­ver­eins in der Spiel­be­triebs­ge­sell­schaft aus­sä­he. Doch ih­re Fra­gen blei­ben oft un­be­ant­wor­tet.

Die Un­zu­frie­den­heit wächst zu­dem durch ei­ne aus dem Ru­der ge­lau­fe­ne Etat­pla­nung. Nach we­ni­gen Wo­chen in der Re­gio­nal­li­ga­sai­son klaff­te schon wie­der ei­ne Lü­cke von 130 000 Eu­ro. Es droh­te gar die Ein­stel­lung des Spiel­be­triebs, das Spiel ge­gen Ba­bels­berg am Frei­tag stand kurz vor der Ab­sa­ge. Das konn­te im letz­ten Mo­ment ab­ge­wen­det wer­den, Geld für No­vem­ber und De­zem­ber wur­de von meh­re­ren Spon­so­ren ge­stellt. Wie es ab Ja­nu­ar wei­ter­geht, ist wei­ter of­fen. Es drängt sich der Ver­dacht ei­nes To­des auf Ra­ten auf.

Am Don­ners­tag sprach Rein­hardt von »Pla­n­an­nah­men, die nicht ein­ge­trof­fen sind«. Feh­ler in sei­ner Pla­nung moch­te er trotz­dem nicht er­ken­nen. Die­se Hal­tung traf auf brei­tes Un­ver­ständ­nis. Selbst Trai­ner Tho­mas Br­da­ric konn­te sich da nicht mehr zu­rück­hal­ten und sag­te dem MDR: »Ich ha­be kei­ne Lust, et­was auf­zu­bau­en, um es dann hin­ten mit dem Arsch wie­der run­ter­zu­rei­ßen. Wenn wir ei­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung ha­ben, dür­fen wir nur ei­nen Eu­ro aus­ge­ben! Das ist im Mo­ment das Pro­blem. Und wenn es nicht al­le ver­ste­hen wol­len, müs­sen wir eben ei­nen Ma­the­ma­ti­ker da­zu ho­len, der uns das ver­nünf­tig er­klärt. Aber die Rech­nung ist bis jetzt nicht auf­ge­gan­gen.«

Fo­tos: im­a­go/Pic­tu­re Po­int, im­a­go/Styl­bruch [m]

Die Hoff­nung stirbt auch in Er­furt zu­letzt: Freu­de ist nach dem Ab­stieg, der In­sol­venz und neu­en Fi­nanz­pro­ble­men beim FC Rot-Weiß aber ein sel­te­nes Ge­fühl.

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