Ju­li­en Du­ez

Das »Ho­tel der Na­ti­on« in Cô­te d’Ivoi­re

Neues Deutschland - - Inhalt - Von Ju­li­en Du­ez, Abid­jan

Wie vie­le Ho­tels kön­nen von sich be­haup­ten, sie sei­en ein na­tio­na­les Sym­bol? Beim »Ivoi­re« ist genau das der Fall – will­kom­men in Abid­jan, der größ­ten Stadt der El­fen­bein­küs­te, di­rekt an der Küs­te des At­lan­ti­schen Oze­ans ge­le­gen: Oder wie man hier sagt: Ak­wa­ba!

Wer in Abid­jan et­was Cô­te-d’Ivoi­re-Ty­pi­sches se­hen will, steigt ins Ta­xi und fährt in den Stadt­teil Co­cody. Der Ta­xi­fah­rer weiß Be­scheid: »Ins Hô­tel ›Ivoi­re‹?«, lacht er und zün­det sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. Wir ste­hen im Stau. »Na­tür­lich kenn ich das. Je­der in die­sem Land kennt es.« Als schließ­lich der Ver­kehr wie­der an­ruckt, rollt der al­te oran­ge­far­be­ne To­yo­ta in Rich­tung der ma­le­ri­schen Ebrié-La­gu­ne. Und schon bald ist das Fünf­ster­ne­ho­tel zu se­hen: 24 Eta­gen hoch über­ragt es ma­jes­tä­tisch die Bucht. »Wie der Eif­fel­turm in Pa­ris«, sagt der Ta­xi­fah­rer. Ein gu­ter Ver­gleich, den­ke ich als Fran­zo­se.

Im Ho­tel war­tet Sté­pha­nie Koua­ko. Ihr Lä­cheln ist ge­win­nend, ihr Ko­s­tüm sitzt ta­del­los, sie ist Spre­che­rin des Grand­ho­tels, das seit 2011 von der fran­zö­si­schen Ho­tel­grup­pe Ac­cor be­trie­ben wird. »Der Staat ist al­lei­ni­ger Be­sit­zer des Ho­tels«, er­klärt die 28Jäh­ri­ge. »Das ist schon seit der Er­öff­nung 1963 so – die nur drei Jah­re nach der Un­ab­hän­gig­keit von den Fran­zo­sen er­folg­te. Un­ser ers­ter Prä­si­dent Fé­lix Hou­phouët-Boi­gny ließ es einst er­rich­ten. Da­mals war ein so ho­hes Ge­bäu­de ei­ne Sen­sa­ti­on für das Land!«, sagt Spre­che­rin Koua­ko. Der Le­gen­de nach hat Prä­si­dent Hou­phouët-Boi­gny, der »Va­ter der Na­ti­on«, in ei­nem ähn­lich ho­hen Ge­bäu­de des Nach­bar­lan­des Li­be­ria den is­rae­li­schen Ar­chi­tekt Mos­he Mey­er ge­trof­fen und dort die fol­gen­schwe­ren Wor­te aus­ge­spro­chen: »Bau­en Sie das glei­che in mei­nem Land! Aber grö­ßer und schö­ner!«

Ar­chi­tekt Mey­er mach­te sich ans Werk und lie­fer­te: Zwei Ge­bäu­de mit ins­ge­samt 426 Zim­mern, fünf Re­stau­rants und Bars, ein rie­si­ges Schwimm­bad, ein Ki­no, ein Fri­seur­sa­lon, ein Kon­zert­haus, zahl­rei­che Ge­schäf­te und Kon­fe­renz­räu­me. Es gibt auch ein Ca­si­no, in dem al­ler­dings die Ivo­rer bis heu­te nicht spie­len dür­fen – auf Ge­heiß von Staats­grün­der Hou­phouët-Boi­gny, der be­fürch­te­te, zu vie­le Mit­bür­ger könn­ten hier ihr Hab und Gut ver­spie­len.

»Das ›Ivoi­re‹ ist nicht nur ein Ho­tel, es ist ein Stück Traum, in dem je­der et­was für sich fin­den kann«, schwärmt die PR-Frau Koua­ko: »Es bie­tet reich­lich lu­xu­riö­se Zim­mer, aber man kann hier auch ein­fach nur es­sen oder trin­ken ge­hen, das Schwimm­bad be­su­chen, das Ki­no oder die Ge­schäf­te. Es gibt vie­les zu er­le­ben hier, auch für Leu­te mit we­ni­ger Geld.« Wie zum Be­weis lässt sich in der Lob­by ge­ra­de ein Hoch­zeits­paar fo­to­gra­fie­ren: »Das ist ei­ne Tra­di­ti­on in Co­cody«, sagt Koua­ko: »Je­des Braut­paar kommt nach der Trau­ung für ein Fo­to hier­her. Und die, die es sich leis­ten kön­nen, ver­brin­gen auch die Hoch­zeits­nacht in ei­ner der Sui­ten.«

Ein Zim­mer kos­tet 200 000 CFA-Francs pro Nacht – et­wa 300 Eu­ro, in et­wa so­viel wie das mo­nat­li­che Durch­schnitts­ge­halt ei­nes Ivo­r­ers. Auch Is­sam Ze­j­ly sagt, ihm sei das Ho­tel zu teu­er. Den­noch sei es »ein Ort für die Mit­tel­klas­se«, sagt der Ma­rok­ka­ner, der in der El­fen­bein­küs­te groß ge­wor­den ist: »Ich ha­be mei­ne heu­ti­ge Frau einst nach dem Ken­nen­ler­nen hier­her zum Eis­es­sen aus­ge­führt, und sams­tags gin­gen wir hier in die Dis­co. Im Ho­tel ha­be ich auch fran­zö­si­sche Fuß­ball­zeit­schrif­ten kau­fen kön­nen, im Ki­no mei­nen Lieb­lings­film das ers­te Mal ge­se­hen: ›Die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen‹. Ei­gent­lich lief hier al­les zu­sam­men.«

Die Abid­ja­ner gel­ten un­ter ih­ren Lands­leu­ten als ele­gant; Se­hen und Ge­se­hen­wer­den lau­tet das Mot­to. »Das ›Ivoi­re‹ ist auch da­rin ein Spie­gel der Stadt«, sagt Smith Zi­an, der hier in Abid­jan ge­bo­ren ist. »Wenn man dich dort an der Re­zep­ti­on sieht, heißt es, dass du Er­folg und Geld hast.«

Noch da­zu ist die Pro­mi­dich­te im »Ivoi­re« hoch: Micha­el Jack­son näch­tig­te einst hier, Stevie Won­der auch und die Staats­chefs aus al­ler Her­ren Län­der sind re­gel­mä­ßig zu Gast. »Das Haus ge­hört der Re­gie­rung, da liegt es na­he, dass Gäs­te dort un­ter­ge­bracht wer­den. Letz­tes Jahr hat­ten wir 80 Staats­ober­häup­ter hier«, sagt Sté­pha­nie Koua­ko, »dar­un­ter Ema­nu­el Ma­cron und An­ge­la Mer­kel.«

Bis vor ein paar Jah­ren bot das »Ivoi­re« zu­dem et­was Ein­zig­ar­ti­ges: ei­ne Eis­bahn – in West­afri­ka, wo die Tem­pe­ra­tu­ren sel­ten un­ter 25 Grad fal­len. »Der Ein­tritt war ziem­lich teu­er, 10 000 CFA-Francs«, er­in­nert sich Ma­rok­ka­ner Is­sam – heu­te wä­ren das um­ge­rech­net et­wa 15 Eu­ro. »Mit mei­nen Freun­den gin­gen wir da im­mer am 2. Ja­nu­ar Eis­lau­fen – un­ser Start ins neue Jahr.«

Nach dem Staats­streich 1999 wur­de die Eis­bahn aber ge­schlos­sen. Die 2000er Jah­re sym­bo­li­sie­ren das En­de der De­ka­denz im Ho­tel – genau wie im Rest des Lan­des. Smith Zi­an, der Ein­hei­mi­sche, sagt, man kön­ne die Ge­schich­te des »Ivoi­re« in drei Epo­chen un­ter­schei­den: »Von den 1960ern bis 2000 herrsch­te Prunk. Da­nach kam der schlei­chen­de Un­ter­gang. Und seit 2011 er­le­ben wir hier ei­ne die Wie­der­auf­er­ste­hung.« Wenn es dem Land gut geht, ist auch das Ho­tel stets gut ge­lau­fen.

Nach 2000 er­leb­te die El­fen­bein­küs­te schwe­re po­li­ti­sche Er­schüt­te­run­gen, und auch das Ho­tel ver­fiel zu­se­hends. Die Par­ti­sa­nen des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Lau­rent Gbag­bo nutz­ten das Ge­bäu­de als Haupt­quar­tier, Tou­ris­ten in­des ka­men gar kei­ne mehr. Das Schwimm­bad wur­de an die ka­tho­li­schen Pfingst­ler ver­mie­tet, die dort mit ih­ren Jün­gern stun­den­lan­ge Ri­tua­le prak­ti­zier­ten.

Dann kam der 9. No­vem­ber 2004. Ein schwar­zer Tag in der Ge­schich­te von Cô­te d’Ivoi­re. Auf der ei­nen Sei­te ste­hen An­hän­ger des Prä­si­den­ten Lau­rent Gbag­bo, auf der an­de­ren die Re­bel­len von Alas­sa­ne Ouat­ta- ra, der heu­te Staats­chef ist. In Bouaké, im Zen­trum des Lan­des, ist drei Ta­ge zu­vor die fran­zö­si­sche Ar­mee aus Ver­se­hen bom­bar­diert wor­den. Als Ant­wort zer­stö­ren Fran­zo­sen die ivo­ri­sche Luft­waf­fe. Ei­ne star­ke an­ti­fran­zö­si­sche Stim­mung kommt auf, die vie­len Fran­zo­sen im Land wer­den auf­ge­for­dert, Cô­te d’Ivoi­re zu ver­las­sen. Am 9. No­vem­ber sind sie im »Ivoi­re« ver­sam­melt. Fran­zö­si­sche Sol­da­ten sol­len das Ho­tel si­chern. Sie se­hen sich plötz­lich ei­ner wü­ten­den Men­schen­mas­se ge­gen­über. Schüs­se fal­len, 60 Men­schen ster­ben nach ivo­ri­schen An­ga­ben, Pa­ris spricht von 20 Op­fern. So oder so: Sol­da­ten, die auf Un­be­waff­ne­te schießen, sind ein ver­hee­ren­des Sym­bol. »Seit die­sem Tag ist das Ho­tel ein an­de­rer Ort«, seufzt der Abid­ja­ner Smith Zi­an. »Es wird nie wie­der so un­be­schwert sein wie frü­her.«

2009 ver­an­lasst Prä­si­dent Gbag­bo ei­ne Sa­nie­rung des »Ivoi­re«. Die Auf­ga­be wird dem ivo­risch-li­ba­ne­si­schen Ar­chi­tek­ten Pier­re Fak­hou­ry an­ver­traut. Er ist der »Ar­chi­tekt der Prä­si­den­ten«. Da die Staats­kas­sen leer sind, fi­nan­ziert Fak­hou­ry die Bau­ar­bei­ten selbst. Sei­ne Ent­schä­di­gung ist üp­pig: Er er­hält ei­ne Off­s­hore-Öl­platt­form.

Heu­te tum­meln sich wie­der Tou­ris­ten und Ivo­rer im »Ivoi­re«, Staats­chefs ge­hen ein und aus und auch die Braut­paa­re aus Co­cody. Die Eis­bahn gibt es nicht mehr, statt­des­sen wur­de dort ein Nacht­klub er­öff­net. »Für mich ist das Ho­tel nicht mehr wie frü­her«, klagt der Ma­rok­ka­ner Is­sam. »In mei­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen ist es ein an­de­rer Ort.« Zi­an Smith stimmt zu: »Das ›Ivoi­re‹ ist ein of­fi­zi­el­ler Ort ge­wor­den, in dem man Mes­sen und Kon­gres­se or­ga­ni­sie­ren kann. Ich ge­he in an­de­re Vier­tel, wenn ich et­was er­le­ben will!« Trotz­dem lebt der My­thos noch. »Wir sind sehr oft aus­ge­bucht«, sagt Ho­tel­spre­che­rin Koua­ko. »Das ›Ivoi­re‹ hat schon ei­ni­ges über­stan­den und wird es auch in Zu­kunft tun.« So wie das Land, das es auf ei­ne ge­wis­se Wei­se bis heu­te re­prä­sen­tiert hat.

Fo­to: Ju­li­en Du­ez

Am Pool des »Ivoi­re«

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