Le­sen und le­sen las­sen

Neues Deutschland - - Kunst + Kritik - Fo­to: im­a­go/Chro­mo­r­an­ge

Über al­le Zei­ten hin­weg war und ist fol­gen­de Kla­ge oft zu ver­neh­men: Die Mensch­heit ler­ne be­dau­er­li­cher­wei­se nichts aus ih­ren Feh­lern; Men­schen wie­der­hol­ten die ge­mach­ten Feh­ler ih­rer Vor­fah­ren nach ei­ner ge­wis­sen Zeit, weil ih­nen die Kon­se­quen­zen der Feh­ler nicht mehr er­in­ner­lich sei­en.

Das ist be­dau­er­lich, aber auch nicht zu än­dern. Wür­den Men­schen kei­ne mehr Feh­ler ma­chen kön­nen und dür­fen – auch sol­che nicht, die die schlimms­ten Fol­gen zei­tig­ten –, dann könn­te die Mensch­heit nichts da­zu­ler­nen, denn nur aus Feh­lern ler­nen wir. Das ist die Dop­pel­bö­dig­keit des Feh­ler­prin­zips.

Wo­mit wir bei ganz ak­tu­el­len Feh­lern sind. Die Au­to­rin Mar­ga­re­te Sto­kow­ski hat ei­ne Le­sung in ei­ner Münch­ner Buch­hand­lung ab­ge­sagt. Als Grund hat sie an­ge­ge­ben, dass in die­ser Buch­hand­lung auch Bü­cher des neu­rech­ten Ver­la­ges An­tai­os ste­hen. Des­sen Ei­gen­tü­mer Götz Ku­bit­schek ist ei­ne Art in­tel­lek­tu­el­les Bin­de­glied zwi­schen den par­la­men­ta­ri­schen Rechts­na­tio­na­len der AfD und dem mi­li­tan­ten rechts­ex­tre­men Mi­lieu. Sein »In­sti­tut für Staats­po­li­tik« dient zur po­li­ti­schen Schu­lung des rech­ten Nach­wuch­ses; auch AfD-Po­li­ti­ker ha­ben dort ihr rhe­to­ri­sches Hand­werk ge­lernt.

Micha­el Lem­ling, in des­sen Buch­hand­lung Sto­kow­ski ur­sprüng­lich aus ih­rem Buch »Die letz­ten Ta­ge des Pa­tri­ar­chats« le­sen woll­te«, fin­det da­ge­gen, dass Ku­bit­schek und sei­ne Au­to­ren ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung sei­en. »Die schrei­ben Ar­ti­kel auf ei­nem Ni­veau, bei dem man erst mal ins Schleu­dern kommt. Das Wort vom Rechts­in­tel­lek­tu­el­len ist da schon rich­tig. Die ha­ben auch ei­ne Le­se­be­geis­te­rung, die man­chen Lin­ken heu­te ab­geht«, recht­fer­tigt Lem­ling, ein be­ken­nen­der Links­li­be­ra­ler, die Prä­sen­ta­ti­on der An­tai­os-Bü­cher in sei­nem La­den.

Nun ist ge­gen das Le­sen von sol­chen Bü­chern nichts ein­zu­wen­den, beim Ar­gu­ment, man müs­se sich in­tel­lek­tu­ell mit Ku­bit­schek und Kon­sor­ten aus­ein­an­der­set­zen und die li­be­ra­le Ge­sell­schaft sol­le ih­nen mit To­le­ranz be­geg­nen, fällt ei­nem je­doch ein Feh­ler ein, den Li­be­ra­le schon ein­mal ge­macht ha­ben – und den sie bit­ter be­zah­len muss­ten. »Wenn un­se­re Geg­ner sa­gen: ›Ja, wir ha­ben Euch doch frü­her die (... ) Frei­heit der Mei­nung zu­ge­bil­ligt.‹ Ja, Ihr uns! Das ist doch kein Be­weis, daß wir das Euch auch tu­en sol­len! (... ) Daß Ihr das uns ge­ge­ben habt, das ist ja ein Be­weis, wie dumm Ihr seid!« Das sag­te Ku­bit­scheks Bru­der im Geis­te, Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Jo­seph Go­eb­bels, im Jahr 1935.

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