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Kei­ne Wahl II: Ein­heits­par­tei in Eri­trea

Neues Deutschland - - Begegnungen - Si­mo­ne Schmol­lack

Ba­na Ghe­brehi­wet hat noch nie po­li­tisch ge­wählt. Sie wür­de das gern tun, am liebs­ten ei­ne Par­tei, der Bil­dung und Ge­sund­heit wich­tig sind und die da­für sorgt, dass al­le Men­schen Ar­beit ha­ben. Aber Ghe­brehi­wet, 20 Jah­re alt, kann nicht wäh­len, sie ist vor drei Jah­ren aus Eri­trea nach Deutsch­land ge­flüch­tet. Hier darf sie als sub­si­di­är Ge­schütz­te nicht über das Par­la­ment mit­ent­schei­den. Aber auch in ih­rer Hei­mat hät­te sie kei­ne Wahl. Eri­trea ist ei­ne Dik­ta­tur mit ei­ner Ein­heits­par­tei, de­ren Chef gleich­zei­tig der Prä­si­dent des Lan­des ist. Isa­yas Afe­wer­ki re­giert seit 1993 oh­ne Un­ter­bre­chun­gen, ist Chef der Le­gis­la­ti­ve, Ober­be­fehls­ha­ber der Streit­kräf­te. Und er er­nennt die Mit­glie­der des Re­gie­rungs­ka­bi­netts.

Man darf da­von aus­ge­hen, dass er am liebs­ten Män­ner um sich schart. Aber vier von 17 Ka­bi­netts­pos­ten lie­gen in weib­li­chen Hän­den. Ein Grund da­für ist nicht et­wa, dass der Prä­si­dent die Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter an­stre­ben wür­de, son­dern es sind eher die feh­len­den Män­ner. Die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Eri­trea und dem Nach­bar­land Äthio­pi­en kos­te­ten nach Re­gie­rungs­an­ga­ben 19 000 Eri­tre­ern das Le­ben, vor­wie­gend Män­nern im Kriegs­dienst. Rund ei­ne Mil­li­on Frau­en, Män­ner und Kin­der ver­lie­ßen das Land, das ist et­wa ein Drit­tel der eri­trei­schen Be­völ­ke­rung. Durch den Krieg und Rüs­tungs­aus­ga­ben wur­de das Land weit zu­rück­ge­wor­fen, die An­alpha­be­ten­ra­te liegt bei 35 Pro­zent, be­trof­fen sind in ers­ter Li­nie Frau­en.

In Eri­trea ist Frau­en, sagt Ghe­brehi­wet, haupt­säch­lich ei­ne Rol­le im Haus zu­ge­dacht: »Der Mann geht ar­bei­ten, die Frau putzt, wäscht und kocht, am bes­ten zwei­mal am Tag.« Ein sol­ches Le­ben woll­te die jun­ge Frau nicht füh­ren – und floh. Frau­en soll­ten so le­ben dür­fen, wie sie es wol­len, fin­det sie. »Und wäh­len dür­fen«, sagt sie: »Frau­en müs­sen doch die glei­chen Rech­te ha­ben wie Män­ner. Al­les an­de­re wä­re un­ge­recht.«

Ghe­brehi­wet will in Deutsch­land blei­ben, Kran­ken­schwes­ter wer­den, ir­gend­wann ei­ne Fa­mi­lie grün­den. Und sie will wäh­len, ei­ne Par­tei mit ei­nem Pro­fil der so­zia­len Ge­rech­tig­keit. Ob sie es je­mals darf, in Deutsch­land oder Eri­trea, ist un­klar.

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