Ab­grund

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Grevenbroich) - - UNTERHALTUNG -

Es brann­te wie Feu­er, be­stimmt ir­gend­ein Nes­sel­tier, dach­te er, See­ane­mo­nen, die Koral­len, die er so lieb­te. Er such­te mit den Hän­den über der Was­ser­li­nie Halt, igno­rier­te die Schmer­zen und zog sich mit letz­ter Kraft Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter über das schar­fe Gestein, über Se­epo­cken und Mu­scheln, die sei­ne auf­ge­weich­te Haut auf­schlitz­ten. Oben an­ge­kom­men, muss­te er sich über­ge­ben, vor An­stren­gung und Schmerz und weil er See­was­ser ge­schluckt hat­te. Er merk­te, dass er blu­te­te, hat­te bald das Ge­fühl, in ei­ner La­che aus Blut und Kot­ze zu lie­gen. Trotz­dem war er wohl vor Er­schöp­fung ein­ge­schla­fen.

Wie lan­ge war das her? Bran­dung hör­te er auch jetzt, und die Ru­fe von See­vö­geln. Hin und wie­der spür­te er, wie das Was­ser an sei­nen nack­ten Fü­ßen leck­te. Die Turn­schu­he, die er auf der Sea Ex­plo­rer ge­tra­gen hat­te, hat­te er im Was­ser aus­ge­zo­gen, weil sie ihn beim Schwim­men be­hin­der­ten.

Er hat­te es tat­säch­lich ge­schafft. Auch wenn ihm al­les weht­at, er war an Land und leb­te. Ein kur­zer An­fall von Eu­pho­rie schenk­te ihm neue Ener­gie, neue Kraft, und er bäum­te sich auf, ver­such­te, sich hoch­zu­stem­men, biss die Zäh­ne zu­sam­men ge­gen den Schmerz, sack­te dann aber wie­der zu­sam­men, wur­de über­schwemmt von Ner­ven­si­gna­len, die al­le­samt höchs­te Alarm­stu­fe aus­rie­fen. Be­vor er das Be­wusst­sein ver­lor, dach­te er mit er­schre­cken­der Klar­heit, dass er ster­ben wür­de, wenn er nicht bald et­was trank, dass sich so der Tod an­fühl­te. Denn egal, wo er an Land ge­kro­chen war: Pu­er­to Ayo­ra, die Zi­vi­li­sa­ti­on wa­ren weit weg, un­er­reich­bar. Auch wenn er ei­nen Ton he- raus­be­kä­me, sich die See­le aus dem Leib schrei­en wür­de, hier gab es nie­man­den, der ihn hö­ren und ihm ei­ne ret­ten­de Was­ser­fla­sche rei­chen konn­te.

Er schreck­te hoch und schaff­te es, die Au­gen ei­nen Spalt­breit zu öff­nen. Vor ihm, nur we­ni­ge Me­ter ent­fernt, rag­te ei­ne stei­le Fels­wand auf, fast zum Grei­fen nah. Ei­ne gro­ße ro­te Kr­ab­be klet­ter­te da­rin her­um und schien ihn so über­rascht an­zu­star­ren wie er sie. Dann sank er mit schmerz­ver­zerr­tem Ge­sicht wie­der in sich zu­sam­men, hus­te­te. Sei­ne Lip­pen brann­ten wie Feu­er. Wie­der hat­te er ge­schla­fen. Oder das Be­wusst­sein ver­lo­ren.

Hat­te je­mand ge­ru­fen? Rich­tig, jetzt fiel es ihm ein. Er hat­te Stim­men ge­hört. Doch si­cher nur im Traum. Hier war nie­mand, konn­te nie­mand sein. Die ge­sam­te Nord­küs­te von San­ta Cruz war un­be­wohnt, auch die an­de­ren In­seln, die hier la­gen, wa­ren kaum mehr als kno­chen­tro­cke­ne, voll­ge­schis­se­ne Fel­sen mit ein paar Vo­gel­nes­tern da­zwi­schen. Er hal­lu­zi­nier­te wohl. Kein Wun­der, seit St­un­den lag er hier, schrumpf­te in der Son­ne zu­sam­men, ver­duns­te­te wie ei­ne Pfüt­ze und däm­mer­te in ei­nem Zu­stand zwi­schen Wach­sein und tie­fem Schlaf da­hin. Bei­des war für ihn un­un­ter­scheid­bar ge­wor­den.

Was war er nur für ein Idi­ot ge­we­sen. Wie dumm konn­te man sein? Er hat­te sich tat­säch­lich ein­ge­bil­det, sein Sprung von der Ga­la­pa­gos Sea Ex­plo­rer füh­re ihn in die Frei­heit, statt­des­sen wuss­te er schon, wäh­rend er noch flog und mit den Ar­men fuch­tel­te, dass er ei­nen Feh­ler be­ging und furcht­ba­ren Qua­len ent­ge­gen­fiel, dass er kre­pie­ren wür­de, weil er zu fei­ge war, für sei­nen dum­men Feh­ler ein­zu­ste­hen. Denn ein Feh­ler war es ge­we­sen, ei­ne Re­ak­ti- on auf die psy­chi­sche Über­las­tung, sei­ne un­ge­wis­se be­ruf­li­che Zu­kunft, die un­ge­wis­se Zu­kunft der gan­zen Welt, die­ses Trom­mel­feu­er der Hi­obs­bot­schaf­ten. Er hat­te es sich nicht aus­ge­sucht und er­leb­te doch die ers­te wis­sen­schaft­lich be­glei­te­te Apo­ka­lyp­se der Erd­ge­schich­te. Nur an Lie­ke hat­te er sich in den letzten für ihn so de­pri­mie­ren­den Wo­chen hier im Ar­chi­pel noch fest­hal­ten kön­nen. Lie­ke, mein Gott, Lie­ke, liebs­te Lie­ke – sie war das Bes­te, was ihm in sei­nem Le­ben ge­sche­hen war, und er wür­de sie nie wie­der­se­hen. Er schluchz­te. Ihm war elend zu­mu­te, doch Trä­nen brach­te sein ge­schun­de­ner Kör­per nicht mehr zu­stan­de. Er schloss die Au­gen.

Selt­sam, es schien zu däm­mern. Schon? Es war je­den­falls dunk­ler ge­wor­den, und küh­ler. Hat­te er ei­nen gan­zen Tag hier ge­le­gen? Wenn ja, dürf­te es sein letz­ter ge­we­sen sein. Er hät­te dann seit fast vier­und­zwan­zig St­un­den nichts mehr ge­trun­ken. Und nach zwei Ta­gen war Schluss. Wo soll­te es denn jetzt noch her­kom­men, das ret­ten­de Was­ser?

Er­neut öff­ne­te er die Au­gen. Da war wie­der die Fels­wand, dies­mal oh­ne Kr­ab­be. Al­les in ihm schien sich plötz­lich auf­zu­bäu­men. Er woll­te sich auf­rich­ten und we­nigs­tens se­hen, wo ihn sein En­de er­ei­len wür­de. Un­ter lau­tem Stöh­nen dreh­te er sich auf die Sei­te und zog die Bei­ne zu sich her­an. Sie wa­ren vol­ler blu­ti­ger Schnit­te und Krat­zer. Er zit­ter­te und muss­te ei­nen Mo­ment ver­har­ren, bis der Schmerz ab­ge­klun­gen war.

Nach ei­ner Wei­le wur­de ihm klar, was sich ver­än­dert hat­te. Er lag im Schat­ten, ja, die Son­ne war of­fen­bar so weit nach Wes­ten ge­wan­dert, dass die Fels­wand ihn nun vor ihr schütz­te. Und der Wind hat­te et­was auf­ge­frischt. Es war ver­gleichs­wei­se kühl ge­wor­den. Das weck­te sei­ne Le­bens­geis­ter, ob­wohl je­de sei­ner Zel­len nach Was­ser schrie, noch lau­ter und ver­zwei­fel­ter als zu­vor.

Er lag al­so auf der öst­li­chen Sei­te von . . . ja, von was?

Die Fels­wand war kei­nes­wegs turm­hoch, wie er jetzt er­kann­te, son­dern zehn, viel­leicht fünf­zehn Me­ter hoch, aber er wür­de es nie da hin­auf schaf­fen, schon gar nicht bar­fuß. Er ließ sich stöh­nend auf den Rü­cken sin­ken, schloss die Au­gen. Er wür­de nir­gends mehr hin­ge­hen. Sein Brust­korb hob und senk­te sich kaum merk­lich. Er lä­chel­te. Da wa­ren sie wie­der, die Stim­men. Sie rie­fen ihn. Bald, dach­te er und be­weg­te da­bei stumm die Lip­pen. Ich kom­me bald. Aus sei­nem Au­gen­win­kel lös­te sich ei­ne Trä­ne.

Is­la San­ta Cruz, Charles Dar­win Re­se­arch Sta­ti­on

An­ne ließ den Te­le­fon­hö­rer sin­ken und sah der Rei­he nach in die Ge­sich­ter der im Sta­ti­ons­bü­ro ver­sam­mel­ten Men­schen. Her­mann, Lie­ke, Lu­cia, Va­le­ria und die Sta­ti­ons­lei­tung in Gestalt von Die­ter Grum­me und Da­ni­el Es­tra­ga stan­den im Halb­kreis um sie her­um und war­te­ten un­ge­dul­dig auf mög­li­che Neu­ig­kei­ten. Aber die gab es nicht.

„Nichts“, sag­te An­ne und schüt­tel­te den Kopf. „Kei­ne Spur von ihm. Für heu­te ha­ben sie die Su­che ab­ge­bro­chen.“

Her­mann sah auf sei­ne Arm­band­uhr. Es war kurz nach sechs, bald wür­de die Däm­me­rung ein­set­zen. Grum­me und Es­tra­ga stie­ßen fast syn­chron die Luft aus. „Mist“, fluch­te Die­ter.

An­ne seufz­te.

(Fort­set­zung folgt)

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