Im Säu­reb­ad des Rock

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Grevenbroich) - - Kultur - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Guns N’ Ro­ses ha­ben vor rund 40.000 Fans in der Vel­tins-Are­na die ers­ten Stü­cke ver­geigt. Da­nach wur­de es gut.

GELSENKIRCHEN Ers­ter Ein­druck: Das Al­ter ist ein mie­ser Ver­rä­ter. Axl Ro­se schleicht wie ein an­ge­schos­se­nes Raub­tier über die Büh­ne. Mas­si­ger Kör­per, ein Ka­ro­hemd als Rock, mehr Schmuck als Zsa Zsa Ga­bor, der Mund ge­öff­net, als müs­se der 56-Jäh­ri­ge über die Zun­ge at­men. Man hört Sound­brei, der Spu­ren des Stücks „Mr. Browns­to­ne“ent­hält. Die Band, die einst be­rüch­tigt da­für war, Auf­trit­te mit st­un­den­lan­ger Ver­spä­tung zu er­öff­nen oder gar nicht auf­zu­tre­ten, weil der Ver­an­stal­ter Fla­schen der fal­schen Whis­key­mar­ke in die Um­klei­de ge­stellt hat­te, be­ginnt die­sen Abend so­gar noch vor der avi­sier­ten Zeit. Vie­le über­rasch­te Fans tru­deln erst all­mäh­lich ein. Die Stü­cke ver­en­den kraft­los in der mäch­ti­gen Are­na. Und man fragt sich, ob der Kerl mit Zy­lin­der, Gi­tar­re und Lo­ckenPracht wohl der ech­te Slash ist. Nach dem drit­ten Lied tritt ge­nau die­ser Kerl dann aber ganz vor­ne an den Büh­nen­rand und stellt klar: Er ist es. Er fischt ein paar Ak­kor­de aus dem Säu­reb­ad des Rock, dann stürmt Axl Ro­se zu ihm, wirft den Kopf nach hin­ten, holt tief Luft und schreit: „Wel­co­me to the Jung­le“. 41.520 Be­su­cher sind aus dem Häu­schen, und nun wird al­les gut, er­staun­lich gut so­gar. Am En­de des Songs steht Ro­se auf ei­nem Mo­ni­tor und reckt die Ar­me in die Luft: Er weiß, jetzt hat er sie.

Guns N’ Ro­ses spie­len auf Schal­ke. Sie wa­ren einst die größ­te Band der Welt, 1991 war das, als sie am sel­ben Tag zwei Dop­pel­al­ben ver­öf­fent­lich­ten, die sich al­lein in den USA in den ers­ten zwei St­un­den 500.000 Mal ver­kauf­ten. Sie misch­ten Punk und Blues, Grö­ßen­wahn und Be­scheu­er­t­heit zu ei­nem un­wi­der­steh­li­chen Cock­tail. Im sel­ben Jahr spiel­ten sie bei „Rock in Rio“vor 140.000 Men­schen, und sie wa­ren so gut, dass man so­gar das AxlRo­se-Out­fit mit Rad­ler­ho­se, Stirn­band und Ar­bei­ter-Stie­feln ir­gend­wie cool fand. Über­haupt konn­ten so vie­le gar nicht an­ders, als mit to- ta­ler Hin­ga­be auf die­se Grup­pe zu re­agie­ren, sie wirk­te iden­ti­täts­stif­tend auf ei­ne Ge­ne­ra­ti­on. Guns N’ Ro­ses lie­ßen den Rock ’n’ Roll ex­plo­die­ren, grö­ßer ging es nicht mehr, da­nach kam nur noch die Au­to­ag­gres­si­on von Nir­va­na, und heu­te re­giert Hi­p­Hop. Guns N’ Ro­ses sof­fen, fix­ten und zer­strit­ten sich, sie leg­ten nur noch ein Al­bum mit Co­ver­ver­sio­nen vor, Drum­mer und Gi­tar­rist gin­gen von Bord, und ir­gend­wann war da nur noch Axl Ro­se, der al­ler­dings in­zwi­schen bloß noch so hieß und nicht mehr so aus­sah. Nie im Le­ben wür­den die­se Hel­den wie­der zu­sam­men­kom­men, das war je­dem klar. Die Come­back-Tour­nee heißt nun „Not In This Li­fe­time“.

Die Büh­ne hat ei­ne Show­trep­pe mit klei­nem Po­dest in der Mit­te, über die rie­si­gen LED-Wän­de lau­fen Pro­jek­tio­nen von Qual­len, Blut­kör­per­chen und Au­gen. Zu ei­nem ul­trahoch­er­hitz­ten „Li­ve And Let Die“knallt Py­ro­tech­nik, und da­nach sagt Axl Ro­se, dass es jetzt ge­müt­li­cher und lie­be­vol­ler wer­de, was aber nicht stimmt, weil sie „You Could Be Mi­ne“mit Ra­sier­klin­gen ge­spickt ha­ben. „Gu­ten Mor­gen!“, ruft Ro­se nach En­de des Songs – Me­tal­ler-Hu­mor. Er trägt un­glaub­lich häss­li­che Wes­tern­stie­fel, de­ren Spit­zen vor­ne senk­recht in die Hö­he ra­gen, als ha­be ein Schus­ter in Te­xas von 1001 Nacht ge­träumt. Der Sound wird in­des im­mer bes­ser, sie er­hö­hen die Schlag­zahl, brin­gen ein um­wer­fen­des „Ci­vil War“und ein sehr schön ät­zen­des „Sweet Child O’ Mi­ne“. Slash (52), der ja von ei­nem Herz­schritt­ma­cher beim Über­le­ben un­ter­stützt wird, seit er Mit­te 30 ist, be­kommt Sze­nen­ap­plaus. Ne­ben ihm und Axl Ro­se ist noch Bas­sist Duff McKa­gan (54) von da­mals da­bei.

Ge­dan­ke zwi­schen­durch: Das Wich­tigs­te für ei­ne Hard­rock-Band ist das Lo­go. Das kann man dann auf al­les dru­cken. Guns N’ Ro­ses ha­ben den gol­de­nen Kreis mit den zwei Re­vol­vern, ei­nes der bes­ten Lo­gos über­haupt, und mehr als die Hälf­te der ver­sam­mel­ten Fans trägt es auf schwar­zen T-Shirts. Über­haupt gilt die­se Tour­nee in der „an­tei­li­gen Ori­gi­nal­be­set­zung“, wie man im Rock-Biz so sagt, schon jetzt als viert­er­folg­reichs­te al­ler Zei­ten; über­trof­fen nur von U2, den Sto­nes und Cold­play. Und viel­leicht liegt das gar nicht an ihm, son­dern an ei­nem selbst, weil man na­tür­lich stän­dig an frü­her denkt und sich da­bei selbst be­geg­net und so ei­gen­ar­tig ge­rührt ist: Axl Ro­se scheint im Lau­fe die­ser drei St­un­den im­mer jün­ger zu wer­den. Er lä­chelt, er wirkt char­mant, er rennt und rennt, und er zieht sich x-mal um: Son­nen­bril­le, Stirn­band, Hut, Fran­sen­ja­cke und zerrissene Je­ans. Ei­ne Di­va in vol­lem Or­nat.

Ein biss­chen too much wer­den mit der Zeit al­ler­dings die aus­ufern­den So­li von Slash. Man muss schon Gi­tar­ren­händ­ler oder -leh­rer sein, um nach dem Sechs-Mi­nu­ten-In­tro zu „Sweet Child O’ Mi­ne“auch noch das Sie­ben-Mi­nu­ten-In­tro zu „No­vem­ber Rain“auf der Dop­pel­hal­sGi­tar­re gut zu fin­den. Ener­vie­ren­de Ver­liebt­heit in die Vir­tuo­si­tät: Drei Mi­nu­ten spielt Slash nur mit links auf dem Griff­brett, er im­pro­vi­siert auf das The­ma von „Der Pa­te“und auf „Wish You We­re He­re“von Pink Floyd. Da at­met man auf, als sich Axl Ro­se auf ei­nen Ho­cker setzt, der wie ei­ne hal­be Har­ley aus­sieht, und am Pia­no als ei­ne Mi­schung aus Ea­sy Ri­der und El­ton John die ers­ten Ver­se ei­ner völ­lig über­kan­di­del­ten und total groß­ar­ti­gen Rock­oper in ein rot glit­zern­des Mi­kro singt: „When I look in­to your eyes / I can see a lo­ve restrai­ned“. Das ist „No­vem­ber Rain“, und man soll­te sich noch­mal den el­len­lan­gen Vi­deo-Clip von da­mals an­se­hen, in dem Axl Ro­se sei­ne Freun­din, das Su­per­mo­del Ste­pha­nie Sey­mour, hei­ra­tet und Slash erst im Staub vor der Wüs­ten­kir­che und spä­ter auf dem Kla­vier ste­hend sei­ne So­li spielt. Die end­gül­ti­ge Po­wer­Kitsch-Bal­la­de. Gro­ßes Tennis.

Sie sa­gen noch et­was über Do­nald Trump, die Wor­te „kick“und „balls“tau­chen dar­in auf, und dann kommt „Pa­ra­di­se Ci­ty“. Viel­leicht schnurrt die gan­ze Fas­zi­na­ti­on die­ser Band auf die Tril­ler­pfei­fe zu­sam­men, in die Axl Ro­se pus­tet, be­vor der Song aus­ras­tet: Stö­rung, Auf­ruhr, Schrill­heit, Alarm. Bei ih­nen geht es nur um den Mo­ment, die Ewig­keit über­las­sen sie den Sto­nes.

„Am Wo­che­n­en­de Jung­ge­sel­lenAb­schied in Hol­land ge­fei­ert, heu­te die­ses Kon­zert: Ich weiß gar nicht, wie ich mor­gen die Ar­beit über­ste­hen soll“, sagt ei­ner beim Raus­ge­hen. „It’s hard to hold a Cand­le in the cold No­vem­ber Rain.“

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