„Zwei Leucht­tür­me der Li­te­ra­tur“

Der Ly­ri­ker Durs Grün­bein und die Büch­ner-Preis­trä­ge­rin Si­byl­le Le­witscharoff wa­ren auf der Ra­ke­ten­sta­ti­on zu Gast. Bei der Le­sung be­ga­ben sich die bei­den Li­te­ra­ten auch auf die Spu­ren von Dan­tes „Gött­li­cher Ko­mö­die“.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - KULTUR IN NEUSS - VON CLAUS CLE­MENS

NEUSS Der Ly­ri­ker Durs Grün­bein wun­der­te sich: „Ich bin tat­säch­lich zum ers­ten Mal hier.“Ge­meint war da­mit die Ra­ke­ten­sta­ti­on und das gan­ze Um­feld des Hom­broi­cher Kul­tur­zen­trums. Dort hat­te der För­der­ver­ein, wie im­mer an Pfings­ten, ein um­fang­rei­ches Pro­gramm zu­sam­men­ge­stellt, un­ter an­de­rem mit „zwei Leucht­tür­men der Li­te­ra­tur“, wie der Vor­sit­zen­de Pe­ter Gloy­stein for­mu­lier­te.

Ne­ben Durs Grün­bein war die Büch­ner-Preis­trä­ge­rin Si­byl­le Le­witscharoff zu Gast. Ihr ak­tu­el­ler Ro­man „Pfingst­wun­der“lässt 33 Dan­te-For­scher aus al­ler Welt bei ei­ner Ta­gung in Rom vom Fens­ter­brett aus in den Him­mel stei­gen. Ein pas­sen­der Knall­ef­fekt für die Le­sung des Ro­mans auf der Ra­ke­ten­sta­ti­on. Le­witscharoff war al­ler­dings mehr dar­an in­ter­es­siert, mit Durs Grün­bein über Dan­tes „Gött­li­che Ko­mö­die“, die zahl­rei­chen deut­schen Über­set­zun­gen des ge­wal­ti­gen Werks und über des­sen Nach­wir­kun­gen auf die mo­der­ne Li­te­ra­tur zu dis­ku­tie­ren. Den li­te­ra­ri­schen Kol­le­gen schätzt sie sehr: „Durs Grün­bein ist ein wür­di­ger Nach­fol­ger Dan­tes.“

Hier­von konn­te sich auch das zahl­reich er­schie­ne­ne Pu­bli­kum über­zeu­gen. Mit ei­ner gan­zen Rei­he sehr un­ter­schied­li­cher Tex­te zeig­te Grün­bein sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät im Um­gang mit rhe­to­risch-sti­lis­ti­schen For­men. Das ers­te Wort sei­ner Le­sung war „Pfingst­ro­sen“. Es folg­ten klei­ne Aper­çus, Ge­dan­ken­schnip­sel, Al­li­te­ra­tio­nen und Rei­se­ein­drü­cke. Ein län­ge­rer Text führ­te in die Nie­der­lan­de zur Zeit Re­né Des­car­tes‘. Von ei­ner Rei­se nach Rom zeu­gen spie­le­ri­sche Al­li­te­ra­tio- nen wie Pi­ni­en und Pin­codes, oder „press 2 for piz­za“. Da­zu ein So­nett, „sehr frei ge­hal­ten“. Es be­schreibt die Fas­zi­na­ti­on des Mar­quis de Sa­de für Mär­ty­rer. Grün­bein: „Hier wird schon auch das re­li­giö­se Mo­tiv ver­folgt, wenn­gleich ins Sa­ta­ni­sche ge­wen­det.“

Auf sei­nen zahl­rei­chen Rei­sen gibt sich der Ly­ri­ker als de­tail­ver­lieb­ter Fla­neur. Ei­ne At­ti­tü­de, die er auch an sei­nem Wohn­sitz Ber­lin nicht ab­le­gen möch­te: „Wie ge­fällt dir das, Tou­rist zu sein in der ei­ge­nen Stadt?“Die ei­ge­ne Stadt, al­so da wo sei­ne „Schreib­stu­be“steht, das ist seit Jah­ren Ber­lin. Zwei­mal im Jahr be­sucht dort ein An­ti­quar den un­glaub­lich Be­le­se­nen, um durch Ab­tra­gen ge­fähr­lich ho­her Bü­cher­tür­me Platz zu ma­chen für Neue.

Als Si­byl­le Le­witscharoff dann ih­ren neu­en Ro­man vor­stell­te, wur­de schnell deut­lich, war­um die­ser die Welt der Re­zen­sen­ten spal­tet. „Phi­lo­lo­gen­pro­sa“nen­nen die ei­nen das über­aus ge­lehr­te, da­für eher hand­lungs­ar­me Buch. Die an­de­ren schwär­men für ei­nen „Aus­flug in ma­gi­sche Sphä­ren, ei­nen Knall, der die rea­lis­mus­ge­plag­te Ge­gen­warts­li­te­ra­tur er­schüt­tert“. Da hilft wohl nur sel­ber le­sen. Auf der Ra­ke­ten­sta­ti­on er­wies die Au­to­rin dem Werk ih­res Vor­gän­gers aus dem 14. Jahr­hun­dert ih­re Re­ve­renz: „Die gött­li­che Ko­mö­die ver­sam­melt wirk­lich al­les, was man da­mals über die Wel­ten von Dies­seits und Jen­seits wuss­te.“

Mit ge­wal­ti­ger Wir­kung: Bis vor we­ni­gen Jahr­zehn­ten ge­hör­te die „com­me­dia“in den ita­lie­ni­schen Schu­len zur Pflicht­lek­tü­re. Zu­sam­men mit Durs Grün­bein warf Si­byl­le Le­witscharoff an­schlie­ßend ei­nen Blick auf die Über­set­zun­gen des ita­lie­ni­schen Ori­gi­nals in die deut­sche Spra­che. Ei­nig wa­ren sich die Bei­den bei der Fest­stel­lung: „Das Vul­gä­re in Dan­tes Werk krie­gen wir im­mer noch gut hin, das Sub­li­me hin­ge­gen fällt in der heu­ti­gen Zeit zu­neh­mend schwer.“

NGZ-FO­TO: WOI

Zwei li­te­ra­ri­sche Hoch­ka­rä­ter auf der Ra­ke­ten­sta­ti­on: Durs Grün­bein und Si­byl­le Le­witscharoff tausch­ten sich da­bei auch über Dan­tes „Gött­li­che Ko­mö­die“aus. In ih­rem Ro­man „Pfingst­wun­der“lässt Le­witscharoff 33 Dan­te-For­scher aus al­ler Welt auf ei­ner Ta­gung in Rom vom Fens­ter­brett aus in den Him­mel stei­gen.

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