Auf Zons’ al­ten Mau­ern herrscht das gro­ße Kr­ab­beln

Der Knecht­ste­de­ner Bio­lo­ge Micha­el Ste­vens ar­bei­tet an In­sek­ten­er­he­bung mit.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - DORMAGEN - VON STE­FAN SCHNEI­DER

DOR­MA­GEN Die al­ten Mau­ern der mit­tel­al­ter­lich ge­präg­ten Zoll­fes­te Zons ha­ben schon man­chen Sturm und man­chen Wan­del über­stan­den. Bis­her wa­ren sie in ers­ter Li­nie für His­to­ri­ker und für Tou­ris­ten in­ter­es­sant. Doch jetzt sind sie auch ins Blick­feld des In­ter­es­ses von In­sek­ten­kund­lern ge­ra­ten. Denn in Zons läuft seit ei­ni­gen Wo­chen und vor­aus­sicht­lich noch bis Ok­to­ber ein Ex­pe­ri­ment, das sich mit dem gro­ßen Kr­ab­beln spe­zi­ell auf der Mau­er­kro­ne be­schäf­tigt. Ge­nau­er: Es wird er­forscht, was dort oben un­ter wel­chen Be­din­gun­gen so kreucht und fleucht. „Das ist wahr­schein­lich die ers­te Stu­die die­ser Art in Deutsch­land, zu­min­dest ist mir bun­des­weit kei­ne ver­gleich­ba­re Un­ter­su­chung be­kannt“, sagt Micha­el Ste­vens.

Der Di­plom-Bio­lo­ge aus der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on Knecht­ste­den lei­tet das Pro­jekt an der Schnitt­stel­le Denk­mal­pfle­ge/Na­tur­schutz, das auf ei­ne Initia­ti­ve des En­to­mo­lo­gi­schen Ver­eins Kre­feld (En­to­mo­lo­gie=In­sek­ten­kun­de) zu­rück­geht und vom Land­schafts­ver­band Rhein­land ge­för­dert wird. Und so un­ge­wöhn­lich das Pro­jekt vor­der­grün­dig er­schei­nen mag, so ak­tu­ell ist das The­ma. Denn Wis­sen­schaft­ler ha­ben ei­nen dras­ti­schen Rück­gang von In­sek­ten (vor al­lem Flu­gin- sek­ten) fest­ge­stellt, der sich nach­hal­tig auf das Öko­sys­tem und zum Bei­spiel die Nah­rungs­su­che von Vö­geln aus­wir­ken kann. Der Na­tur­schutz­bund et­wa spricht in Nord­rhein-West­fa­len von ei­nem Rück­gang um rund 80 Pro­zent in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Dies sei alar­mie­rend. Die Ur­sa­chen sind noch nicht ab­schlie­ßend er­forscht. Agrar­gif­te und ver­knapp­te Le­bens­räu­me könn­ten ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Die Kre­fel­der En­to­mo­lo­gen ha­ben das Phä­no­men in ei­nem Na­tur­schutz­ge­biet eben­falls un­ter­sucht: 1989 hat­ten sie in ih­ren In­sek­ten­fal­len im „Or­b­roi­cher Bruch“ei­ne Bio­mas­se von 1425,6 Gramm fest­ge­stellt, 2013 sei­en es un­ter ver­gleich­ba­ren Be­din­gun­gen nur noch 294,4 Gramm ge­we­sen. Wit­te­rungs­be­ding­te Schwan­kun­gen mach­ten da­bei höchs­tens sie­ben Pro­zent aus, sagt Ste­vens. In Zons geht es frei­lich we­ni­ger um Mas­se, als um die Ar­ten an sich, die auf den al­ten Mau­er­kro­nen ih­ren Le­bens­raum ge­fun­den ha­ben. Die bei­den Fal­len, die Ste­vens mit Un­ter­stüt­zung des En­to­mo­lo­genVer­eins ein­ge­rich­tet hat, be­ste­hen im We­sent­li­chen aus zwei ge­gen­ein­an­der ver­setz­ten Ple­xi­glas­schei­ben und ei­nem (Auf)Fang­be­häl­ter). Das Prin­zip: Die In­sek­ten neh­men die Schei­ben als Hin­der­nis wahr, ver­su­chen, rechts oder links drum­her­um zu kr­ab­beln und fal­len dann in die mit Al­ko­hol ge­füll­ten Be­häl­ter, in de­nen sie so- gleich kon­ser­viert wer­den. Die Be­häl­ter wür­den im zwei- bis vier­wö­chent­li­chen Ab­stand ge­leert, er­klärt Micha­el Ste­vens, der be­reits ei­ne Lee­rung hin­ter sich hat. Den da­bei ge­si­cher­ten Ge­fäß-In­halt schätzt er auf un­ge­fähr 300 Tie­re, die von den eh­ren­amt­lich tä­ti­gen Mit­glie­dern des En­to­mo­lo­gi­schen Ver­eins sor­tiert und be­stimmt wer­den müs­sen. Ei­ne ober­fläch­li­che Be­trach­tung las­se aber be­reits er­ken­nen, „dass er­staun­lich vie­le Kä­fer da­bei wa­ren, Lauf­kä­fer, Schnell­kä­fer und Rüs­sel­kä­fer“, sagt Ste­vens. Auch Wild­bie­nen und Spin­nen, ver­mut­lich Wolfs­spin­nen, sei­en wohl in die Fal­le ge­gan­gen.

Die Aus­wer­tung der ge­sam­ten Stu­die wird al­ler Vor­aus­sicht nach im nächs­ten Win­ter er­fol­gen; die Er­geb­nis­se sol­len da­nach auch ver­öf­fent­licht wer­den. Mög­li­cher­wei­se wir­ken sie sich auch auf die Art und Wei­se aus, wie künf­tig his­to­ri­sche Mau­ern sa­niert wer­den – un­ter dem Aspekt des Na­tur­schut­zes.

So se­hen die In­sek­ten­fal­len aus. Auch Wild­bie­nen (Fo­to) wur­den so schon ge­fan­gen.

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