Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Er bat je­man­den, für den Rest der Wo­che sei­nen Un­ter­richt zu über­neh­men, und stieg früh am nächs­ten Mor­gen in den Bus nach Boo­ne­vil­le. Die Stra­ße von Co­lum­bia nach Kan­sas Ci­ty, die durch Boo­ne­vil­le führte, war die­sel­be, die er sieb­zehn Jah­re zu­vor ge­fah­ren war, als er zum ers­ten Mal zur Uni­ver­si­tät kam, nur war sie jetzt breit ge­pflas­tert, und or­dent­li­che Zäu­ne um­grenz­ten Mais- und Wei­zen­fel­der, die hin­term Bus­fens­ter vor­über­husch­ten.

In den Jah­ren, in de­nen er nicht dort ge­we­sen war, hat­te sich Boo­ne­vil­le kaum ver­än­dert. Ei­ni­ge neue Häu­ser wa­ren ge­baut, ei­ni­ge al­te ab­ge­ris­sen wor­den, doch wirk­te die Stadt noch eben­so trost­los und bau­fäl­lig wie zu­vor, fast, als wä­re sie et­was Pro­vi­so­ri­sches, das je­den Mo­ment auch wie­der auf­ge­ge­ben wer­den könn­te. Die meis­ten Stra­ßen wa­ren in den letz­ten Jah­ren ge­pflas­tert wor­den, trotz­dem hing wie eh und je ein dün­ner Staub­schlei­er über der Stadt, und es gab so­gar noch ei­ni­ge von Pfer­den ge­zo­ge­ne, ei­sen­be­reif­te Kar­ren, de­ren Rä­der ge­le­gent­lich Fun­ken sprüh­ten, wenn sie an den Bord­stei­nen von Stra­ße oder Gas­se ent­lang­schrapp­ten.

Auch das Haus hat­te sich kaum ver­än­dert. Vi­el­leicht war es noch ein we­nig tro­cke­ner und grau­er ge­wor­den, die Schin­deln hat­ten den letz­ten Rest Far­be ver­lo­ren, und die un­ge­stri­che­nen Die­len der Veran­da wa­ren noch ein biss­chen tie­fer zur nack­ten Er­de her­ab­ge­sackt.

Es wa­ren meh­re­re Leu­te im Haus – Nach­barn –, an die Sto­ner sich nicht er­in­ner­te; ein hoch­ge­wach­se­ner, ha­ge­rer Mann mit schwar­zem An­zug, wei­ßem Hemd und schma- ler Kra­wat­te beug­te sich über sei­ne Mut­ter, die auf ei­nem har­ten Stuhl ne­ben der schma­len Holz­kis­te saß, in der sein Va­ter lag. Sto­ner ging durch das Zim­mer auf sie zu. Der hoch­ge­wach­se­ne Mann sah ihn und kam ihm ent­ge­gen; sei­ne Au­gen wa­ren so grau wie Mur­meln aus ge­brann­tem Ton. Mit tie­fem, sal­bungs­vol­lem Ba­ri­ton brach­te er lei­se und hei­ser ein paar Wor­te vor, nann­te Sto­ner „Bru­der“, sprach von „Ver­lust“und „Gott, der ihn zu sich ge­nom­men hat“, und woll­te wis­sen, ob Sto­ner nicht mit ihm be­ten mö­ge. Sto­ner dräng­te sich an ihm vor­bei und blieb vor sei­ner Mut­ter ste­hen; ihr Ge­sicht ver­schwamm vor sei­nem Blick. Wie durch ei­nen Schlei­er sah er sie ni­cken und vom Stuhl auf­ste­hen. Sie nahm sei­nen Arm und sag­te: „Du willst si­cher dei­nen Pa se­hen.“

Mit ei­ner so leich­ten Be­rüh­rung, dass er sie kaum spür­te, führte sie ihn zum of­fe­nen Sarg. Er sah hin­ein, schau­te, bis sich sein Blick klär­te, und wich ent­setzt zu­rück. Der ge­schrumpf­te, win­zi­ge Kör­per schien ei­nem Frem­den zu ge­hö­ren, das Ge­sicht glich ei­ner dün­nen Mas­ke aus brau­nem Pa­pier mit tie­fen schwar­zen Del­len, wo sei­ne Au­gen hät­ten sein sol­len. Der dun­kel­blaue An­zug, in dem die Lei­che steck­te, war auf gro­tes­ke Wei­se viel zu groß, und die aus den Är­meln ra­gen­den Hän­de, die ge­fal­tet auf der Brust la­gen, gli­chen ge­trock­ne­ten Tier­klau­en. Sto­ner dreh­te sich zu sei­ner Mut­ter um und wuss­te, dass ihm sein Ent­set­zen an­zu­mer­ken war.

„Dein Pa hat in den letz­ten ein, zwei Wo­chen ziem­lich viel Ge­wicht ver­lo­ren“, sag­te sie. „Ich ha­be ihn ge­be­ten, nicht aufs Feld zu ge­hen, aber er war schon auf­ge­stan­den und ver­schwun­den, ehe ich wach wur- de. Er hat­te nicht mehr al­le Sin­ne bei­sam­men und war so krank, so au­ßer sich, dass er nicht wuss­te, was er tat. Der Arzt sag­te, er hät­te es nicht bis aufs Feld ge­schafft, wenn es an­ders ge­we­sen wä­re.“

Wäh­rend sie re­de­te, sah Sto­ner sie sehr deut­lich, und ihm war, als wä­re sie auch schon tot, als lä­ge ein Teil von ihr un­wie­der­bring­lich in der Kis­te ne­ben ih­rem Mann, um nie zu­rück­zu­keh­ren. Er be­trach­te­te sie, das Ge­sicht schmal und ein­ge­fal­len, selbst in der Ru­he so ab­ge­spannt, dass die Zahn­spit­zen un­ter den dün­nen Lip­pen vor­tra­ten. Sie be­weg­te sich, als hät­te sie kein Ge­wicht und kei­ne Kraft. Er mur­mel­te ir­gend­was, ging, be­trat das Zim­mer, in dem er auf­ge­wach­sen war, und stand ei­ne Wei­le ein­fach nur in dem kar­gen Raum. Sei­ne Au­gen wa­ren heiß und tro­cken; er konn­te nicht wei­nen.

Er traf die nö­ti­gen An­ord­nun­gen für die Be­er­di­gung und un­ter­schrieb die Pa­pie­re, die un­ter­schrie­ben wer­den muss­ten. Wie al­le Leu­te auf dem Land be­sa­ßen auch sei­ne El­tern ei­ne Ster­be­ver­si­che­rung, für die sie selbst in den bit­ters­ten Zei­ten je­de Wo­che ei­ni­ge Pen­nys bei­sei­te­ge­legt hat­ten. Sie mach­te ei­nen arm­se­li­gen Ein­druck, die­se Po­li­ce, die sei­ne Mut­ter aus ei­ner al­ten Tru­he im Schlaf­ge­mach hol­te; das Blatt­gold der ver­schnör­kel­ten Schrift zer­brö­selt, das bil­li­ge Pa­pier al­ters­brü­chig. Wil­li­am Sto­ner re­de­te mit sei­ner Mut­ter über die Zu­kunft; er woll­te, dass sie mit ihm nach Co­lum­bia zu­rück­keh­re. Es ge­be ge­nü­gend Platz, sag­te er, und Edith (in­ner­lich wand er sich bei die­ser Lü­ge) wür­de sich über ih­re Ge­sell­schaft freu­en. Doch sei­ne Mut­ter woll­te nicht mit­kom­men. „Das kä­me mir nicht rich­tig vor“, sag­te sie. „Dein Pa und ich – wir ha­ben hier fast mein gan­zes Le­ben ge­lebt. Ich glau­be nicht, dass ich noch wo­an­ders hin­zie­hen und mich da wohl­füh­len könn­te. Und au­ßer­dem hat To­be . . .“, Sto­ner fiel ein, dass der schwar­ze Land­ar­bei­ter, den sein Va­ter vor vie­len Jah­ren ein­ge­stellt hat­te, To­be hieß, „. . . hat To­be ge­sagt, er wür­de so lan­ge blei­ben, wie ich ihn brau­chen kann. Er hat sich ein net­tes Zim­mer im Kel­ler ein­ge­rich­tet. Wir kom­men schon zu­recht.“

Sto­ner stritt mit ihr, aber sie rück­te von ih­rem Stand­punkt nicht ab. Schließ­lich sah er ein, dass sie nur noch ster­ben woll­te, und zwar da, wo sie auch ge­lebt hat­te. Und er wuss­te, sie ver­dien­te je­nes biss­chen Wür­de, das sie dar­in fand, genau das zu tun, was sie tun woll­te.

Sie be­gru­ben sei­nen Va­ter auf ei­nem klei­nen Fried­hof am Stadt­rand von Boo­ne­vil­le, da­nach fuhr Wil­li­am mit sei­ner Mut­ter zu­rück zur Farm. In je­ner Nacht konn­te er nicht schla­fen. Er zog sich an und ging hin­aus aufs Feld, das von sei­nem Va­ter jahr­ein, jahr­aus bis zu eben­je­nem En­de, das er nun ge­fun­den hat­te, be­ackert wor­den war. Sto­ner ver­such­te, sich an sei­nen Va­ter zu er­in­nern, doch konn­te er das Ge­sicht, das er in sei­ner Ju­gend so gut ge­kannt hat­te, kaum mehr her­auf­be­schwö­ren. Er knie­te auf dem Feld nie­der, nahm ei­nen tro­cke­nen Erd­klum­pen in die Hand, zer­brö­sel­te ihn und mus­ter­te im Mond­licht die dunk­len Bro­cken, zer­drück­te sie und ließ die Kru­men durch sei­ne Fin­ger rie­seln. Dann wisch­te er sich die Hand am Ho­sen­bein ab, stand auf und ging zu­rück zum Haus. Er schlief nicht.

(Fort­set­zung folgt)

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