Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Mer­chant’s Trust war je­ne Bank, bei der sie die Hy­po­thek auf ihr Haus auf­ge­nom­men hat­ten und de­ren Prä­si­dent Ediths Va­ter war. Noch am sel­ben Nach­mit­tag rief Edith in St. Lou­is an und re­de­te mit ih­rer Mut­ter, die fröh­lich ver­kün­de­te, Mr Bost­wick ha­be ihr ver­si­chert, es ge­be kei­nen Grund zur Sor­ge und in we­ni­gen Wo­chen sei al­les wie­der in bes­ter Ord­nung.

Drei Ta­ge spä­ter war Hor­a­ce Bost­wick tot, Selbst­mord. Er hat­te mor­gens in un­ge­wöhn­lich gu­ter Lau­ne die Bank be­tre­ten und da­bei meh­re­re An­ge­stell­te be­grüßt, die noch hin­ter den ge­schlos­se­nen Tü­ren der Bank ar­bei­te­ten, war in sein Bü­ro ge­gan­gen, nach­dem er sei­ner Se­kre­tä­rin mit­ge­teilt hat­te, dass er kei­ne An­ru­fe ent­ge­gen­neh­men wür­de, um dann die Tür hin­ter sich zu­zu­zie­hen. Ge­gen zehn Uhr vor­mit­tags schoss er sich schließ­lich mit ei­nem tags zu­vor ge­kauf­ten und in der Ak­ten­ta­sche in die Bank ge­brach­ten Re­vol­ver in den Kopf. Er hin­ter­ließ kein Schrei­ben, doch ver­rie­ten die sorg­sam auf dem Tisch an­ge­ord­ne­ten Pa­pie­re, was er zu sa­gen hat­te. Und sie ver­rie­ten, dass er fi­nan­zi­ell schlech­ter­dings rui­niert war. Wie sein Bos­to­ner Va­ter hat­te er un­klug in­ves­tiert, al­ler­dings nicht nur ei­ge­nes Geld, son­dern auch das der Bank. Sein Bank­rott war so um­fas­send, dass er kei­nen an­de­ren Aus­weg sah. Erst spä­ter stell­te sich her­aus, dass sein Ru­in kei­nes­wegs so voll­stän­dig ge­we­sen war, wie er es im Au­gen­blick sei­nes Selbst­mords ge­glaubt hat­te. Laut Nach­lass­re­ge­lung blieb der Fa­mi­lie das Wohn­haus, und ein klei­ne­res Grund­stück am Stadt­rand von St. Lou­is reich­te aus, um sei­ne Frau für den Rest ih­res Le­bens mit ei­nem mi­ni­ma­len Ein­kom­men zu ver­sor­gen. – Al­ler­dings wur­de dies nicht gleich be­kannt. Wil­li­am Sto­ner er­hielt ei­nen An­ruf, der ihn über Hor­a­ce Bost­wicks Bank­rott und Selbst­mord in­for­mier­te, und er brach­te Edith die Neu­ig­keit so scho­nend bei, wie es ihm sein ent­frem­de­tes Ver­hält­nis zu ihr nur er­laub­te.

Edith trug es mit Fas­sung, bei­na­he, als hät­te sie da­mit ge­rech­net. Meh­re­re Au­gen­bli­cke schau­te sie Sto­ner an, oh­ne et­was zu sa­gen, dann schüt­tel­te sie den Kopf und mein­te nach­denk­lich: „Ar­me Mut­ter. Was soll sie nun tun? Es hat im­mer je­man­den ge­ge­ben, der sich um sie küm­mert. Wie wird sie jetzt le­ben?“

Sto­ner ant­wor­te­te: „Sag ihr . . .“Ver­le­gen brach er ab. „. . . sag ihr, wenn sie mag, kann sie bei uns woh­nen. Sie ist hier will­kom­men.“

Mit ei­ner ei­gen­ar­ti­gen Mi­schung aus Zu­nei­gung und Ver­ach­tung lä­chel­te Edith ihn an. „Ach, Wil­ly, sie wür­de lie­ber ster­ben. Das weißt du doch, nicht?“

Sto­ner nick­te. „Ich glau­be schon“, sag­te er.

Und so ver­ließ Edith Co­lum­bia am Abend des Ta­ges, an dem Sto­ner be­sag­ten Te­le­fon­an­ruf er­hal­ten hat­te, um zur Be­er­di­gung nach St. Lou­is zu fah­ren und dort so lan­ge zu blei­ben, wie sie ge­braucht wur­de. Als sie ei­ne Wo­che fort war, er­hielt Sto­ner ei­ne kur­ze No­tiz, die ihn in­for­mier­te, dass sie wei­te­re zwei Wo­chen bei ih­rer Mut­ter blei­ben wer­de, viel­leicht noch län­ger. Sie blieb fast zwei Mo­na­te, und Wil­li­am leb­te al­lein mit sei­ner Toch­ter in dem gro­ßen Haus.

In den ers­ten Ta­gen emp­fand er das lee­re Haus als ei­gen­ar­tig und un­er­war­tet be­un­ru­hi­gend, doch ge­wöhn­te er sich rasch an die Lee­re und be­gann, Ge­fal­len dar­an zu fin- den; nach ei­ner Wo­che merk­te er, dass er so glück­lich war wie seit Jah­ren nicht mehr, und wenn er an Ediths un­ver­meid­li­che Rück­kehr dach­te, dann mit ei­nem stil­len Be­dau­ern, das er nicht län­ger vor sich zu ver­heim­li­chen brauch­te.

Im Früh­ling je­nes Jah­res fei­er­te Gra­ce ih­ren sechs­ten Ge­burts­tag, und im Herbst be­gann für sie das ers­te Schul­jahr. Je­den Mor­gen mach­te Sto­ner sie für die Schu­le fer­tig, und nach­mit­tags war er recht­zei­tig von der Uni­ver­si­tät zu­rück, um sie zu be­grü­ßen, wenn sie nach Hau­se kam.

Mit sechs Jah­ren war Gra­ce ein hoch­ge­wach­se­nes, schlan­kes Kind mit eher blon­dem als röt­li­chem Haar, hel­ler, ma­kel­lo­ser Haut und dun­kel­blau­en, bei­na­he vio­let­ten Au­gen. Sie war ein stil­les, fröh­li­ches Kind und konn­te sich auf ei­ne Wei­se über et­was freu­en, die in ih­rem Va­ter ein Ge­fühl von fast weh­mü­ti­ger Be­wun­de­rung aus­lös­te.

Manch­mal spiel­te Gra­ce mit den Nach­bars­kin­dern, meist aber saß sie bei ih­rem Va­ter im gro­ßen Ar­beits­zim­mer und sah zu, wie er Ar­bei­ten kor­ri­gier­te, las oder schrieb. Dann re­de­te sie mit ihm, und sie un­ter­hiel­ten sich – so still und ernst, dass Wil­li­am Sto­ner ei­ne Zärt­lich­keit über­kam, wie er sie nie er­war­tet hät­te. Auf gel­be Pa­pier­bö­gen mal­te Gra­ce un­be­hol­fe­ne, be­zau­bern­de Bil­der, die sie fei­er­lich ih­rem Va­ter über­reich­te, oder sie las ihm laut aus ih­rem Le­se­buch für Erst­kläss­ler vor. Abends, wenn Sto­ner sie ins Bett ge­bracht hat­te und in sein Ar­beits­zim­mer zu­rück­ge­kehrt war, fehl­te sie ihm, und er trös­te­te sich al­lein mit dem Wis­sen, dass sie wohl­be­hal­ten im Zim­mer über ihm schlief. Auf ei­ne ihm kaum be­wuss­te Wei­se hat­te er mit ih­rer Er­zie­hung be­gon­nen und sah voll Stau­nen und Lie­be, wie sie vor sei­nen Au­gen wuchs und ih­re Klug­heit sich in ih­rem Ge­sicht ab­zu­zeich­nen be­gann.

Edith kehr­te erst An­fang Ja­nu­ar des nächs­ten Jah­res zu­rück, wes­halb Sto­ner und sei­ne Toch­ter Weih­nach­ten al­lein ver­brach­ten. Am Mor­gen des ers­ten Weih­nachts­ta­ges be­schenk­ten sie sich; für ih­ren Va­ter, der nicht rauch­te, hat­te Gra­ce in ih­rer der Uni­ver­si­tät an­ge­glie­der­ten, be­hut­sam pro­gres­si­ven Schu­le ei­nen plum­pen Aschen­be­cher mo­del­liert; Wil­li­am schenk­te ihr ein neu­es Kleid, das er selbst in ei­nem Ge­schäft in der Stadt aus­ge­sucht hat­te, meh­re­re Bü­cher und ei­nen Mal­kas­ten. Den größ­ten Teil des Ta­ges un­ter­hiel­ten sie sich und sa­ßen vor dem klei­nen Baum, um die im Baum­schmuck fun­keln­den Lich­ter und das wie ver­steck­tes Feu­er aus dun­kel­grü­ner Tan­ne leuch­ten­de La­met­ta zu be­trach­ten.

Wäh­rend der Weih­nachts­fe­ri­en, die­ser selt­sa­men, im da­hin­ei­len­den Se­mes­ter wie aus­ge­setz­ten Zeit, wur­de Wil­li­am Sto­ner zwei­er­lei klar: Er be­griff, wie wich­tig Gra­ce für ihn ge­wor­den war, und er be­gann ein­zu­se­hen, dass er durch­aus ein gu­ter Leh­rer wer­den konn­te.

Er war aber auch be­reit, sich ein­zu­ge­ste­hen, dass er bis­lang kein gu­ter Leh­rer ge­we­sen war. Seit dem Tag, an dem er mit Mü­he und Not sei­ne ers­ten Ein­füh­rungs­kur­se hin­ter sich ge­bracht hat­te, war ihm der Ab­grund be­wusst, der sich zwi­schen dem auf­tat, was er für sein Fach emp­fand, und dem, wie er es im Se­mi­nar prä­sen­tier­te. Er hat­te ge­hofft, Zeit und Er­fah­rung wür­den die­sen Ab­grund über­brü­cken, nur war es nie da­zu ge­kom­men.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.