Wenn Tö­ten Mis­si­on ist

Das Sha­ke­speare-Fes­ti­val im Glo­be Neuss er­öff­net mit ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Ins­ze­nie­rung von „Ot­hel­lo“aus Bris­tol.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - KULTUR IN NEUSS - VON HEL­GA BITT­NER

NEUSS Das Ta­schen­tuch ist nicht ein­fach nur ein Ta­schen­tuch. Es ist ein Ring, Sym­bol für die ewi­ge Ver­bun­den­heit und Lie­be, die das Paar sich bei der Hei­rat schwört. Wie eben Ot­hel­lo und Des­de­mo­na es tun. Heim­lich zwar, denn Ot­hel­lo (wenn auch kon­ver­tiert) ist we­der in­ner­lich noch in den Au­gen der an­de­ren ein Christ. Des­we­gen ver­spricht sich das Paar mit ei­ner ara­bi­schen For­mel, mit dem Tuch über bei­der Hän­de, ewi­ge Lie­be und Treue.

Die Hoch­zeits­ze­re­mo­nie der bei­den, die Re­gis­seur Richard Twy­man in sei­ner Ins­ze­nie­rung von „Ot­hel­lo“für Sha­ke­speare at the To­bac­co Fac­to­ry (STF) vor­ge­schal­tet hat, ist ei­ne sinn­vol­le Vor­be­rei­tung des­sen, was dann folgt. Die Ver­hand­lung von Des­de­mo­nas Va­ter vor dem Se­nat, der die Hei­rat an­nul­lie­ren und den „Mohr von Ve­ne­dig“, wie es der Fort­set­zung des Ti­tels heißt, am liebs­ten so­fort zu­rück nach Mau­re­ta­ni­en ka­ta­pul­tie­ren will. Aber die Po­li­tik braucht Ge­ne­ral Ot­hel­lo: Er soll die Tür­ken aus Zy­pern ver­trei­ben. Die Hoch­zeit hat Be­stand, Des­de­mo­na be­glei­tet ih­ren Mann, und bei­de ah­nen nicht im Min­des­ten, dass sie da­mit in den Un­ter­gang rei­sen. Zer­stö­ren wird sie nicht die Schlacht mit den Tür­ken, son­dern ein in­ne­rer Krieg Ot­hel­los: Er er­liegt den Ein­flüs­te­run­gen Ja­gos über die ver­meint­li­che Lieb­schaft Des­de­mo­nas mit Ot­hel­los Leut­nant Cas­sio.

Ot­hel­lo und Ja­go – das sind die fast schon na­tür­li­chen Po­le der Tra­gö­die Sha­ke­speares, doch Twy­man er­wei­tert das Duo zum Trio – um Des­de­mo­na. Die­se ist al­les an­de­re als die ge­fü­gi­ge Frau an des Ge­ne­rals Sei­te, sie hat ih­ren ei­ge­nen Kopf und fügt sich mit sicht­bar un­ter­drück­ter Wut den Ge­pflo­gen­hei­ten der Ge­sell­schaft. Als ihr Va­ter vor dem Se­nat ver­liert, spie­gelt sich ein höh­nisch-zu­frie­de­nes Lä­cheln auf ih­rem Ge­sicht, als ihr Mann ihr ans Le­ben will, bet­telt sie nicht, son­dern schreit und wehrt sich, kämpft. Zwei An­läu­fe braucht er, um sie end­gül­tig zu er­wür­gen.

Die Les­art über­zeugt vor al­lem, weil mit Norah Lopez Hol­den ei­ne Des­de­mo­na auf der Büh­ne steht, der man das Selbst­be­wusst­sein eben­so wie ih­re gro­ße Lie­be zu Ot­hel­lo ab­nimmt. Der ist groß, kräf­tig, hat ei­ne tie­fe und sehr so­no­re Stim­me, ist dun­kel­häu­tig da­zu – äu­ßer­lich be­trach­tet al­so die na­he­zu idea­le Ent­spre­chung des Bil­des, das sich ei­ne wei­ße Ge­sell­schaft gern von dem vom Is­lam ge­präg­ten Frem­den macht. Aber das al­lein reicht nicht, um ge­gen die Prä­senz von Lopez Hol­den und vor al­lem auch Mark Lo­cky­er als Ja­go an­zu­kom­men. So ist Abra­ham Po­poo­la schau­spie­le­risch das schwächs­te Glied in die­sem Trio. Sei­ne Ei­fer­sucht, die in­ne­re Not, die da­durch ent­steht, hat et­was Thea­tra­li­sches, nicht wirk­lich Glaub­haf­tes.

Das fällt um so mehr auf, weil Twy­mans Ins­ze­nie­rung laut, hef­tig und sehr emo­tio­nal ist. Das passt, weil die Schau­spie­ler die­ses auch sehr kör­per­li­che Spiel sehr gut mit­tra­gen, in ih­ren Rol­len au­then­tisch und über­zeu­gend wir­ken.

Das lässt sich be­son­ders von Mark Lo­cky­er als Ja­go sa­gen. Wie er sei­ne Strip­pen zieht, al­le Men­schen um sich her­um ma­ni­pu­liert, das hat so gar nichts Un­mensch­li­ches. Und ge­nau das ist das Fürch­ter­li­che. Ja­gos In­tri­gen­spiel kann man nicht ein­fach ab­tun als Frust und Ra­che ei­nes Ver­schmäh­ten (er woll­te Cas­si­os Pos­ten), es ist für ihn Mis­si­on ge­wor­den. Die­sem Mann sind sei­ne Mit­men­schen gleich­gül­tig, des­sen Le­ben in­ter­es­sie­ren ihn nicht. Selbst als er ver­liert und ent­tarnt ist, hat er nur ein ver­ächt­li­ches Lä­cheln üb­rig. Sei­ne Mis­si­on ist er­füllt. Er­schre­ckend ak­tu­ell.

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