Hil­fe, die aus dem Hö­rer kommt

Mehr als 40 Mal am Tag klin­gelt es bei der Neus­ser Te­le­fon­seel­sor­ge. Die Pro­ble­me der An­ru­fer sind oft De­pres­si­on und Trau­er.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - RHEIN-KREIS UND REGION - VON MERLIN BARTEL

NEUSS 15.518 An­ru­fe im Jahr, zwi­schen 40 und 50 An­ru­fe pro Tag – das ist nicht die Bi­lanz ei­nes Cal­lCen­ters, son­dern stammt von der Neus­ser Te­le­fon­seel­sor­ge. Seel­sor­ge am Te­le­fon in Zei­ten von In­ter­net und so­zia­len Me­di­en? „Die Nach­fra­ge zeigt, dass Te­le­fon­seel­sor­ge wich­tig ist“, sagt Bar­ba­ra Keß­ler, Di­plom-Psy­cho­lo­gin und Lei­te­rin der Te­le­fon­seel­sor­ge in Neuss. „Teil­wei­se klin­gelt das Te­le­fon den gan­zen Tag oh­ne Pau­se. Vor al­lem am spä­ten Abend und am Mor­gen ru­fen vie­le Men­schen an.“

Ak­tu­ell ar­bei­ten in Neuss 55 Men­schen eh­ren­amt­lich bei der Te­le­fon­seel­sor­ge. In ganz Deutsch­land sind es rund 7000, die pro Jahr knapp zwei Mil­lio­nen An­ru­fe ent­ge­gen neh­men. Die häu­figs­ten Mo­ti­ve für ei­nen An­ruf sind De­pres­si­on, schwe­re Krank­heit und Trau­er. „Vie­le Be­trof­fe­ne ru­fen auch an, weil sie ein­sam sind oder Pro­ble­me in Be­zie­hun­gen ha­ben“, er­zählt Bar­ba­ra Keß­ler. „Häu­fig lan­den Pro­ble­me bei uns, die ein paar Jah­re spä­ter in der Ge­sell­schaft re­le­vant wer­den – um das Jahr 2000 her­um et­wa se­xu­el­ler Miss­brauch.“Aus die­sem Grund pflegt die Neus­ser Te­le­fon­seel­sor­ge den Kontakt ins Fa­mi­li­en­so­wie Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um.

Mitt­ler­wei­le gibt es auch ein On­li­ne-Pen­dant: Auf www.te­le­fon­seel­sor­ge.de wird per Mail und Chat be­ra­ten. „Auch dort ist die Nach­fra­ge groß“, be­rich­tet Keß­ler. Die Grund­sät­ze der Seel­sor­ge be­ste­hen auf al­len Ka­nä­len: An­ony­mi­tät für An­ru- fer und Seel­sor­ger, Schwei­ge­pflicht, Rund-um-die-Uhr-Be­treu­ung durch aus­ge­bil­de­te Mit­ar­bei­ter und Ge­büh­ren­frei­heit – die Te­le­fo­na­te tau­chen nicht auf der Rech­nung auf. „Vie­le An­ru­fer sind sehr dank­bar für das An­ge­bot“, sagt die Psy­cho­lo­gin. „Heut­zu­ta­ge schenkt ei­nem im­mer sel­te­ner je­mand sei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit.“

Seit dem Jahr 2016 sind al­le Mo­bil­funk-Net­ze ge­rou­tet, und An­ru­fer wer­den der Seel­sor­ge ih­res Auf­ent­hal­tor­tes zu­ge­wie­sen. „Die Ge­sprä­che lau­fen bes­ser, weil die Mit­ar­bei­ter sich in der Um­ge­bung aus­ken­nen. Au­ßer­dem wer­den Miss­ver­ständ­nis­se durch Dia­lek­te ver­mie­den“, er­klärt Bar­ba­ra Keß­ler.

Doch nicht nur über pri­va­te Pro­ble­me möch­ten An­ru­fer mit den Te­le­fon­seel­sor­gern spre­chen. „Man­che Men­schen sor­gen sich auch um die po­li­ti­sche Welt­la­ge“, er­zählt die Lei­te­rin. „Vie­le ha­ben Angst vor Krieg.“Auf­grund die­ser The­men­viel­falt bil­det die Te­le­fon­seel­sor­ge ih­re eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter über neun Mo­na­te aus: An­fangs an vier Sams­ta­gen und dann diens­tags für zwei­ein­halb St­un­den. „In der Pro­be­pha­se ler­nen sie dann die Rea­li­tät ken­nen“, sagt Keß­ler. Nach ins­ge­samt ein­ein­halb Jah­ren sind die Teil­neh­mer of­fi­zi­ell am Te­le­fon­hö­rer im Ein­satz.

Ab Sep­tem­ber sucht die Neus­ser Te­le­fon­seel­sor­ge Mit­ar­bei­ter. Ei­ne kos­ten­lo­se Info-Ver­an­stal­tung da­zu fin­det am Sams­tag, 24. Ju­ni, 10.30 bis 12.45 Uhr im Willi-Graf-Haus, Ven­lo­er Stra­ße 68, in Neuss statt. Te­le­fon: 02131 23 575.

„Vie­le ru­fen an, weil sie ein­sam sind oder Be­zie­hungs­pro­ble­me ha­ben“

Bar­ba­ra Keß­ler

Te­le­fon­seel­sor­ge Neuss

ARCHIVFOTO: WOI

Oft sind es per­sön­li­che Din­ge, die Men­schen zu ei­nem An­ruf bei der Te­le­fon­seel­sor­ge be­we­gen.

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