Dor­ma­ge­ne­rin kämpft für Blin­den­hund

Anja Look lei­det an der Au­gen­er­kran­kung „Re­t­in­i­tis Pig­men­to­sa“, die lang­sam zur kom­plet­ten Er­blin­dung füh­ren wird.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - DORMAGEN - VON ANNELI GOEBELS

DOR­MA­GEN An­na Look ha­dert nicht mit ih­rem Schick­sal, sie hat es an­ge­nom­men und sich dar­auf ein­ge­stellt. Die heu­te 50 Jah­re al­te Dor­ma­ge­ne­rin lei­det an der Au­gen­er­kran­kung „Re­t­in­i­tis Pig­men­to­sa“, die auf ei­nen Gen­de­fekt zu­rück­zu­füh­ren ist. Hei­lung gibt es kei­ne, im Ge­gen­teil – ir­gend­wann wird die zwei­fa­che Mut­ter blind sein, kom­plett blind, „ge­setz­lich blind“ist sie be­reits seit zehn Jah­ren. Als sie er­fuhr, was auf sie zu­kom­men wird, war sie erst An­fang 20. „Mit der Dia­gno­se ha­be ich mich ir­gend­wann ab­ge­fun­den und be­schlos­sen, aus mei­nem Le­ben das Bes­te zu ma­chen“, er­zählt sie.

Da sie schon als Kind im­mer viel Kon­takt zu Hun­den hat­te, war ihr schon früh klar, dass sie auf je­den Fall ein­mal ei­nen Blin­den­führ­hund ha­ben möch­te. „Da­her ha­be ich im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Blin­den­führ- hund­schu­le in He­mer be­sucht und dort vie­le Ge­sprä­che mit der Be­sit­ze­rin und der Trai­ne­rin ge­führt“, er­zählt Look. Und schließ­lich ha­be man sie an­ge­ru­fen, um ihr mit­zu­tei­len, dass man ei­nen wei­ßen Schä­fer­hund für sie ha­be. „Ich war be­geis­tert und wuss­te di­rekt, dass das pass­te. Al­so bat ich die Schu­le ei­nen Kos­ten­vor­an­schlag für die Aus­bil­dung des Hun­des zu ma­chen“, sagt sie. 21.000 Eu­ro wur­den für die Aus­bil­dung ver­an­schlagt, 5.600 Eu­ro für die so­ge­nann­te Ei­n­ar­bei­tung, was be­deu­tet, Hund und Frau­chen wer­den an­ein­an­der ge­wöhnt.

Den Kos­ten­vor­an­schlag mit ent­spre­chen­dem At­test ih­rer Au­gen­ärz­tin schick­te Look mit der Bit­te, die Kos­ten zu über­neh­men, dann an ih­re Kran­ken­kas­se. „Zu­nächst woll­te die Kas­se noch wei­te­re Gut­ach­ten ha­ben und teil­te mir dann mit, dass der Me­di­zi­ni­sche Di­enst zu mir kom­men wür­de“, er­zählt Look. Das war am 21. De­zem­ber 2016. Am 12. Ja­nu­ar schließ­lich flat­ter­te die Ab­sa­ge der ikk clas­sic ins Haus. Da­rin stand un­ter an­de­rem „Im Sin­ne der Recht­spre­chung sind Sie auf Grund der per­sön­li­chen Be­gut­ach­tung aus gut­ach­ter­li­cher Sicht in der La­ge, mit Hil­fe des Lang­s­tocks die Grund­be­dürf­nis­se des täg­li­chen Le­bens zu be­frie­di­gen. Ei­ne zu­sätz­li­che Ver­sor­gung mit ei­nem Blin­den­führ­hund zur Be­frie­di­gung der Grund­be­dürf­nis­se wird sei­tens des Gut­ach­ters nicht ge­se­hen“. Fa­zit: Die Kran­ken­kas­se über­nimmt die Kos­ten nicht. An­na Look nahm sich dar­auf­hin Rechts­bei­stand bei der rbm gGmbH (rbm steht für Rech­te be­hin­der­ter Men­schen) mit Sitz in Mar­burg. Die leg­te Wi­der­spruch ein. Die Ant­wort der Kas­se: Sie ha­be ih­re Ent­schei­dung noch­mals über­prüft und sei zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis ge­kom­men. Da Look ih­ren Wi­der­spruch nicht zu­rück­nahm, ging das Gan­ze an die Wi­der­spruchs­stel­le der ikk clas­sic. Und auch die schrieb am 16. Mai, dass der Wi­der­spruch zu­rück­ge­wie­sen wer­de. Denn Look sei „in ei­nem Ra­di­us von 500 Me­tern gut mo­bil un­ter Nut­zung des vor­han­de­nen Lang­s­tocks un­ter­wegs“. Und „Im Fall von Blin­den­hilfs­mit­teln, wie in die­sem Fall, be­steht der An­spruch nach Pa­ra­graph 33 des Fünf­ten So­zi­al­ge­setz­bu­ches nur für (...) die Er­fül­lung der Grund­be­dürf­nis­se...“. An­na Look ist em­pört. „Ha­be ich kein Recht auf ein so­zia­les Le­ben? Ich möch­te doch auch Freun­de be­su­chen, die nicht in ei­nem Ra­di­us von 500 Me­tern von mei­ner Woh­nung le­ben, ganz ab­ge­se­hen von mei­nen Kin­dern.“Ei­ne Toch­ter ist ge­ra­de erst nach Süd­deutsch­land ge­zo­gen. Was ihr nun bleibt, ist ei­ne Kla­ge beim So­zi­al­ge­richt.

Und zu die­sem Weg rät auch Micha­el Rich­ter von der rbmg Gm­bh. „Wer ge­setz­lich blind ist, hat An­spruch auf ei­nen Blin­den­führ­hund“, sagt er auf An­fra­ge der Re­dak­ti­on. „Selbst in­ner­halb ei­nes 500-Me­ter-Ra­di­us“fährt Rich­ter fort. Er hat­te schon mit ei­ni­gen sol­cher Fäl­le zu tun. „Im Pa­ra­graph 33 SGB V ist die Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ge­re­gelt und da­zu ge­hö­ren ganz klar auch die Blin­den­führ­hun­de. Wir sind es ge­wohnt, dass die Kran­ken­kas­sen sich da­ge­gen stem­men, denn die Aus­bil­dung und Ver­sor­gung der Tie­re kos­ten Geld.“Zwei Jah­re al­ler­dings kann es dau­ern, bis das So­zi­al­ge­richt ent­schei­det. Das macht An­na Look trau­rig, denn „ihr“wei­ßer Schä­fer­hund wird dann si­cher je­mand an­ders un­ter­stüt­zen.

NGZ-FO­TO: LBER

Mit ih­rem Lang­s­tock ist Anja Look in Dor­ma­gen un­ter­wegs. Ein Blin­den­führ­hund könn­te sie bes­ser vor Ge­fah­ren im Stra­ßen­ver­kehr schüt­zen.

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