Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Ja, Mr Wal­ker“, sag­te Sto­ner. „Was kann ich für Sie tun?“„Nun, ich bin ge­kom­men, um Sie um ei­nen Ge­fal­len zu bit­ten, Sir.“Wie­der lä­chel­te Wal­ker. „Ich weiß, Ihr Se­mi­nar ist schon voll, aber ich möch­te trotz­dem noch gern dar­an teil­neh­men.“Er schwieg und setz­te dann ein we­nig nach­drück­lich hin­zu: „Dr. Lo­max mein­te, ich sol­le mit Ih­nen re­den.“

„Ich ver­ste­he“, ant­wor­te­te Sto­ner. „Und was ist Ihr Spe­zi­al­ge­biet, Mr Wal­ker?“

„Die ro­man­ti­schen Dich­ter“, sag­te Wal­ker. „Dr. Lo­max ist mein Dok­tor­va­ter.“

Sto­ner nick­te. „Wie weit sind Sie mit Ih­rer Ar­beit?“

„Ich hof­fe, in zwei Jah­ren fer­tig zu sein“, er­wi­der­te Wal­ker.

„Tja, das macht die Sa­che ein­fa­cher“, sag­te Sto­ner. „Ich bie­te das Se­mi­nar je­des Jahr an. Es ist jetzt wirk­lich schon so voll, dass man es kaum noch ein Se­mi­nar nen­nen kann, und ein Stu­dent mehr wür­de gleich­sam das Fass zum Über­lau­fen brin­gen. War­um war­ten Sie nicht bis zum nächs­ten Jahr, wenn Sie das Se­mi­nar un­be­dingt mit­ma­chen wol­len?“

Wal­ker wand­te den Blick von ihm ab. „Nun, ehr­lich ge­sagt“, ant­wor­te­te er und be­dach­te Sto­ner dann wie­der mit ei­nem strah­len­den Lä­cheln, „bin ich das Op­fer ei­nes Miss­ver­ständ­nis­ses. Was na­tür­lich al­lein mei­ne Schuld ist. Mir war nicht klar, dass je­der Dok­to­rand min­des­tens vier Fort­ge­schrit­te­n­en­se­mi­na­re ab­sol­vie­ren muss, wes­halb ich bis zum letz­ten Jahr über­haupt kei­nes be­legt ha­be. Und wie Sie wis­sen, ist mehr als ei­nes pro Se­mes­ter nicht ge­stat­tet. Wenn ich al­so in zwei Jah­ren mei­nen Ab­schluss ma­chen will, muss ich nun je­des Se­mes­ter ei­nes die­ser Se­mi­na­re be­le­gen.“

Sto­ner seufz­te. „Ich ver­ste­he. Al­so in­ter­es­sie­ren Sie sich gar nicht spe­zi­fisch für die Ein­flüs­se der la­tei­ni­schen Tra­di­ti­on?“

„Doch, na­tür­lich, Sir. Ganz be­stimmt. Das The­ma wä­re für mei­ne Ar­beit über­aus hilf­reich.“

„Sie soll­ten wis­sen, Mr Wal­ker, dass dies ein hoch­spe­zi­el­les Ober­se­mi­nar ist, wes­halb ich nie­man­den er­mun­te­re, dar­an teil­zu­neh­men, wenn er sich nicht ernst­haft da­für in­ter­es­siert.“

„Aber ja, Sir“, er­wi­der­te Wal­ker. „Ich kann Ih­nen ver­si­chern, dass ich mich wirk­lich ernst­haft da­für in­ter­es­sie­re.“Sto­ner nick­te. „Wie ist Ihr Latein?“Wal­ker wa­ckel­te mit dem Kopf. „Ach, bes­tens, Sir. Ich ha­be die Latein­prü­fung zwar noch nicht ab­ge­legt, kann es aber recht gut le­sen und ver­ste­hen.“

„Und wie sieht es mit Fran­zö­sisch und Deutsch aus?“

„Aber ja, Sir. Auch da ha­be ich die Prü­fun­gen al­ler­dings noch nicht be­stan­den; ich dach­te, ich räu­me sie mir En­de die­ses Jah­res al­le zu­sam­men aus dem Weg. Al­ler­dings be­herr­sche ich die bei­den Spra­chen ziem­lich gut.“Wal­ker schwieg und setz­te dann hin­zu: „Dr. Lo­max sag­te, er glau­be, ich wer­de mit der Ar­beit im Se­mi­nar kei­ne Schwie­rig­kei­ten ha­ben.“

Sto­ner seufz­te er­neut. „Al­so gut“, sag­te er. „Ein Groß­teil der Lek­tü­re ist auf Latein, man­ches auf Fran­zö­sisch und Deutsch, aber not­falls be­hal­ten Sie auch oh­ne Kennt­nis der letz­te­ren Spra­chen den An­schluss. Ich ge­be Ih­nen ei­ne Le­se­lis­te, und wir spre­chen nächs­ten Mitt­woch­nach­mit­tag über das The­ma Ih­rer Se­mi­nar­ar­beit.“

Wal­ker dank­te ihm über­schwäng­lich und er­hob sich mit ei­ni­ger Mü­he von sei­nem Stuhl. „Ich fang gleich mit der Lek­tü­re an“, er­klär­te er. „Ich bin mir si­cher, Sie wer­den es nicht be­dau­ern, Sir, dass Sie mich noch in das Se­mi­nar auf­ge­nom­men ha­ben.“

Sto­ner blick­te ihn leicht über­rascht an. „Mir ist nicht ein­mal der Ge­dan­ke ge­kom­men, Mr Wal­ker“, sag­te er tro­cken. „Wir se­hen uns am Mitt­woch.“

Das Se­mi­nar fand in ei­nem klei­nen Kel­ler­raum im Süd­flü­gel von Jes­se Hall statt. Die Wän­de ver­ström­ten ei­nen klam­men, aber kei­nes­wegs un­an­ge­neh­men Ge­ruch, und Fü­ße scharr­ten mit hoh­lem Ge­flüs­ter über nack­ten Ze­ment­bo­den. Ei­ne ein­zel­ne Glüh­bir­ne hing an der De­cke und leuch­te­te so her­ab, dass je­ne, die an ih­ren Pul­ten in der Zim­mer­mit­te Platz nah­men, in ei­nem hel­len Licht­klecks sa­ßen; die Wän­de je­doch wa­ren dämm­rig­grau und die Ecken so schwarz, als saug­te der glat­te, un­ver­putz­te Be­ton al­les Licht auf, das von der De­cke fiel.

An je­nem zwei­ten Mitt­woch im Se­mes­ter kam Wil­li­am Sto­ner ei­ni­ge Mi­nu­ten zu spät, be­grüß­te die Stu­den­ten und be­gann, Bü­cher und Pa­pie­re auf dem schma­len ge­beiz­ten Ei­chen­tisch an­zu­ord­nen, der quer vor der Ta­fel stand. Sto­ner mus­ter­te die über den Raum ver­teil­te klei­ne Grup­pe. Ei­ni­ge Stu­den­ten kann­te er, zwei wa­ren Dok­to­ran­den, de­ren Ar­bei­ten er be­treu­te, vier Ma­gis­ter­stu­den­ten am Fach­be­reich, die er schon in ih­ren ers­ten Se­mes­tern un­ter­rich­tet hat­te, von den ver­blei­ben­den Stu­den­ten streb­ten drei ei­nen Ab­schluss im Fach Mo­der­ne Spra­chen an, ei­ner war Phi­lo­so­phie­stu­dent, der sei­ne Dis­ser­ta­ti­on über die Scho­las­tik schrieb, ei­ne Frau mitt­le­ren Al­ters war Leh­re­rin an ei­ner High­school und woll­te wäh­rend ei­nes Frei­se­mes­ters ih­ren Ma­gis­ter nach­ho­len, und die letz­te ei­ne dun­kel­haa­ri­ge jun­ge Frau, ei­ne neue Do­zen­tin am Fach­be­reich, die für zwei Jah­re ei­nen Lehr­auf­trag über­nahm, um in die­ser Zeit ih­re Dis­ser­ta­ti­on zu be­en­den, mit der sie an­ge­fan­gen hat­te, als sie den Un­ter­richt an ei­ner der Ost­küs­ten-Uni­ver­si­tä­ten auf­gab. Sie hat­te Sto­ner ge­fragt, ob sie als Gast­hö­re­rin an sei­nem Se­mi­nar teil­neh­men dür­fe, und er hat­te ein­ge­wil­ligt. Charles Wal­ker war nicht an­we­send. Sto­ner war­te­te noch ei­ni­ge Au­gen­bli­cke, sor­tier­te sei­ne Pa­pie­re, räus­per­te sich dann und be­gann.

„Bei un­se­rem ers­ten Tref­fen ha­ben wir den in­halt­li­chen Rah­men die­ses Se­mi­nars ab­ge­steckt und be­schlos­sen, un­ser Stu­di­um des mit­tel­al­ter­li­chen Lateins auf die ers­ten drei der sie­ben frei­en Küns­te zu be­schrän­ken – al­so auf Gram­ma­tik, Rhe­to­rik und Dia­lek­tik.“Er leg­te ei­ne Pau­se ein und be­ob­ach­te­te die Stu­den­ten, die ihm ih­re auf­merk­sa­men, neu­gie­ri­gen, mas­ken­haf­ten Ge­sich­ter zu­wand­ten und auf je­des sei­ner Wor­te ach­te­ten.

„Ei­ne solch ri­gi­de Be­gren­zung mag ei­ni­gen von Ih­nen tö­richt er­schei­nen, doch zweif­le ich nicht dar­an, dass wir ge­nü­gend Stoff ha­ben, um uns selbst dann noch zu be­schäf­ti­gen, wenn wir auch nur ober­fläch­lich die Ent­wick­lung des Tri­vi­ums bis ins 16. Jahr­hun­dert hin­ein ver­fol­gen. Da­bei gilt es un­be­dingt zu be­grei­fen, dass die­se Küns­te, al­so Rhe­to­rik, Gram­ma­tik und Dia­lek­tik, für den Men­schen des spä­ten Mit­tel­al­ters und der frü­hen Re­nais­sance ei­ne Be­deu­tung hat­ten, die wir heu­te oh­ne je­de his­to­ri­sche Ima­gi­na­ti­on nur noch un­ge­fähr er­ah­nen kön­nen. (Fort­set­zung folgt)

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