Mac­beth – Ze­re­mo­ni­en­meis­ter des To­des

Das Tang Shu-Wing Thea­t­re Stu­dio aus Hong­kong lie­fer­te beim Sha­ke­speare-Fes­ti­val ei­ne „Mac­beth“-Ins­ze­nie­rung als Wan­de­rung zwi­schen den Zei­ten ab. Ein Paar von heu­te träumt sich ins al­te Chi­na.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - KULTUR IN NEUSS - VON HEL­GA BITT­NER

NEUSS Die Schluss­sze­ne ist es, die die vor­an­ge­gan­ge­nen zwei St­un­den er­klärt. Das jun­ge Paar er­wacht aus sei­nem Traum, schaut rat­los und er­schro­cken um sich. Ganz still ist es, kei­ner sagt was, aber bei­de er­ken­nen, dass sie im sel­ben Traum ge­steckt ha­ben, der ih­nen so viel über sich sel­ber er­zähl­te. Denn was ha­ben sie ge­macht – Men­schen ge­tö­tet, Ri­va­len, de­ren Frau­en und Kin­der. Die blo­ße Macht­gier hat sie zu ei­nem Mör­der­paar ge­macht. Wie Mac­beth und sei­ne La­dy, in de­ren Rol­len sie im Traum ge­schlüpft sind.

Der chi­ne­si­sche Re­gis­seur Tang Shu-Wing hat für sei­ne Ins­ze­nie­rung des Dra­mas mit sei­nem ei­ge­nen Thea­ter in Hong­kong und in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Lon­do­ner Glo­be Thea­t­re ei­nen zeit­ge­nös­si­chen Rah­men ge­schaf­fen, de­ren Fi­gu­ren auf die des asia­ti­schen Thea­ters tref­fen. Schott­land ist da ganz weit weg, auch wenn die eng­li­sche Über­ti­te­lung an­de­res sug­ge­riert.

Wer die Hand­lung von „Mac­beth“al­ler­dings nicht kennt, wur­de ein biss­chen al­lein­ge­las­sen, konn­te nur ra­ten, was den kan­to­ne­sisch spre­chen­de Mac­beth ge­ra­de um­trieb oder wel­che Pein sein Wi­der­sa­cher Macduff durch­macht, als er von Mac­beths Auf­trags­mord an sei­ner Frau und sei­nem Kind hört. Al­lein Mi­mik und Ges­tik blei­ben als Mit­tel des Thea­ters, um die Fein­hei­ten der Cha­rak­te­re, ih­re Wand­lun­gen und Hand­lun­gen nach­voll­zieh­bar zu ma­chen.

Dar­an aber ha­pert es. Mac­beth und sei­ne La­dy sind kos­tüm­tech­nisch und in ih­rem Spiel deut­lich im zeit­ge­nös­si­schen Rah­men ver­an­kert, aber Ng Wai Shek als Feld­herr agiert zu pup­pen­haft-steif, Lai Yuk Ching als La­dy hat da­ge­gen sehr viel mehr Mensch­li­ches. Das wird vor al­lem beim Rol­len­tausch sicht­bar, als er nach der Pau­se in das Kleid der La­dy schlüpft und sie in den An­zug des Man­nes. Der Spiel­an­teil der La­dy ist da deut­lich klei­ner, so dass Ching ihr dar­stel­le­ri­sches Ge­wicht als wü­ten­der, zwei­feln­der, über­heb­li­cher und schließ­lich re­si­gnie­ren­der Herr­scher zei­gen kann.

Ob Dun­can, Macduff, Ban­quo, die Söh­ne Mal­colm, Fle­an­ce und die Be­diens­te­ten – das an­de­re Per­so­nal des Dra­mas re­du­ziert der Re­gis­seur auf Fi­gu­ren aus ei­ner Zeit und ei­ner Tra­di­ti­on, in der das Thea­ter Ze­re­mo­nie war und das Mensch­li­che kei­ne Rol­le spiel­te. Das aber mit schlüs­si­gen und äs­the­ti­schen Cho­reo­gra­phi­en, wo­bei Shu-Wing die­se zu ei­nem Netz knüpft, das tra­di­tio­nel­les und zeit­ge­nös­si­sches Thea­ter ge­schickt ein­fängt. Ei­ne ähn­li­che Funk­ti­on hat auch die Li­ve-Mu­sik von Bil­ly Leong Wai Ngok, der mit Ge­räu­schen, Tö­nen (et­wa mit Klang­scha­len) und vor al­lem als Per­kus­sio­nist die Hand­lung mal trägt, mal vor­an­treibt.

Und den­noch bleibt der Ein­druck zwie­späl­tig: Ei­ne si­cher­lich kon­se­quen­te Ins­ze­nie­rung für ei­ne chi­ne­si­sche Thea­ter­trup­pe, aber für eu­ro­päi­sche Au­gen und Oh­ren schwer zu ei­nem Gan­zen zu ver­bin­den.

FO­TO: CHRIS­TOPH KREY

Das En­de ist nah, die Sol­da­ten des Fein­des rü­cken her­an: Die be­reits to­te La­dy Mac­beth er­scheint schon ih­rem Mann, noch be­vor der in ei­nem letz­ten Kampf von Mal­colm ge­tö­tet wird.

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