Heiß­be­gehr­ter Eis­mann

Seit 40 Jah­ren fährt Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne in sei­nem Eis­mo­bil durch die Re­gi­on rund um Düs­sel­dorf. Das selbst ge­mach­te Eis nach Fa­mi­li­en­re­zept kommt bei der Kund­schaft gut an. Vie­le ken­nen den herz­li­chen Eis­mann aus ih­rer Kind­heit.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON NA­TA­LIE URBIG

NEUSS Es ist ein hei­ßer Tag im Früh­som­mer, schon am Vor­mit­tag zeigt das Ther­mo­me­ter 26 Grad. Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne be­lädt sei­nen ro­ten Eis­wa­gen, ver­ab­schie­det sich von sei­ner Frau und setzt sich hin­ter das Steu­er: „Ich bin heu­te et­was spä­ter dran als sonst“, sagt er, wäh­rend er aus der Ein­fahrt sei­nes Eis­ca­fés rollt. Sie­ben Ta­ge die Wo­che ist er mit sei­nem Eis­mo­bil in Düs­sel­dorf, Kaarst und Neuss un­ter­wegs. Am Mor­gen hat ihn ein Un­ter­neh­men ge­fragt, ob er dort vor­bei­kom­men könn­te – bei dem hei­ßen Wet­ter wer­den die Mit­ar­bei­ter auf ein Eis ein­ge­la­den. Ein gu­tes Ge­schäft für den Eis­ver­käu­fer: In Win­des­ei­le reicht er ei­ne Eis­waf­fel nach der an­de­ren über die The­ke. Nach wie vor Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne ver­kau­fen sich die Klas­si­ker am bes­ten – „Strac­cia­tel­la, Nuss, Va­nil­le sind sehr ge­fragt“, sagt er. Im­mer mehr Men­schen rei­hen sich in die Schlan­ge ein. Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne ar­bei­tet im Ak­kord. Ob er das an­stren­gend fin­det? Der 74-Jäh­ri­ge winkt ab. „Dar­an bin ich ge­wöhnt. Eis ist auch ge­nug da, ich bin im­mer gut vor­be­rei­tet.“Tat­säch­lich gleicht sein Wa­gen ei­ner rie­si­gen Vor­rats­kam­mer: Über der Kühl­tru­he sind ver­schie­de­ne Si­ru­pe, So­ßen und Streu­sel auf­ge­reiht, ei­ne Sah­ne­ma­schi­ne und ein Mi­xer für MilchS­hakes er­gän­zen das An­ge­bot.

Um ei­nen Eis­wa­gen fah­ren zu dür­fen, braucht man ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung. Die Kon­kur­renz ist groß, vie­le Eis­ver­käu­fer sind bei schö­nem Wet­ter mit Wa­gen un­ter­wegs und su­chen nach den bes­ten Ver­kaufs­stel­len. Des­halb hält Fre­ga­pa­ne sei­ne ge­naue Rou­te ge­heim.

Mit 19 Jah­ren kam er aus Si­zi­li­en nach Deutsch­land: En­de der 70er Jah­re hat er sich selbst­stän­dig ge­macht und sein Eis­ca­fé an der Schle­si­en­stra­ße in Neuss er­öff­net. Das lei­tet er mit sei­ner Frau Ro­set­ta. Sie ist es auch, die das Eis nach ei­nem gut ge­hü­te­ten Fa­mi­li­en­re­zept zu­be­rei­tet – manch­mal sind es bis zu 100 Li­ter am Tag. „Was mei­ne Frau leis­tet, kann sich kein Mensch vor­stel­len“, sagt Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne. Wäh­rend sie in dem Eis­ca­fé ar­bei­tet, ist er mit dem Eis­mo­bil un­ter­wegs.

Schon jetzt ist es ein gu­ter Tag für den Eis­mann. Sein Ge­schäft ist wet­ter­ab­hän­gig: „Bei Re­gen kau­fen die Leu­te nichts“, sagt er, „zu heiß ist auch nicht im­mer gut, dann ge­hen vie­le nicht vor die Tür.“Fre­ga­pa­ne biegt in ei­ne Stra­ße in Meer­busch ein, kur­belt das Fens­ter her­un­ter und läu­tet mit ei­ner gro­ßen Glo­cke. „Wie im­mer, ein Bäll­chen Nuss?“, fragt er ei­nen her­an­na­hen­den Kun­den. Ein an­de­rer grüßt ihn mit ei­nem freu­di­gen „Buon­gior­no“. Fre­ga­pa­ne hat sich in all den Jah­ren mit sei­nem ro­ten Mo­bil ei­ne Stamm­kund­schaft auf­ge­baut: Da­zu ge­hört auch ei­ne jun­ge Frau mit kur­zen dunk­len Haa­ren. „Die ken­ne ich schon, seit sie ganz klein war“, sagt er und winkt ihr zu. „Vie­le ken­nen mich hier“, er­zählt er, „aber ich er- ken­ne nicht al­le.“Die Leu­te sind er­wach­sen ge­wor­den und ha­ben mitt­ler­wei­le sel­ber Kin­der. „Aber ich bin noch im­mer der Glei­che“, sagt der Eis­mann.

Sei­ne Sai­son dau­ert von März bis No­vem­ber, im Som­mer muss auch das Geld für den Win­ter ver­dient wer­den. Sal­va­to­re und Ro­set­ta Fre­ga­pa­ne ar­bei­ten von mor­gens bis abends, ge­ges­sen wird meist mit­ten in der Nacht. Und trotz al­lem möch­te der Si­zi­lia­ner sei­nen Job nicht mis­sen: „Ich ma­che wei­ter, so­lan­ge es geht“, sagt der 74-Jäh­ri­ge. „Mir macht es Spaß.“Er mag die Ab­wechs­lung, die ihm sein fah­ren­der Be­ruf bie­tet, be­son­ders Kin­der als Kund­schaft freu­en ihn sehr. „Es gibt ein Vier­tel, da lau­fen sie mir bis zum En­de der Stra­ßen hin­ter­her“, er­zählt er. So viel Be­geis­te­rung wird be­lohnt: Wenn zwei Kin­der et­was be­stel­len und ein drit­tes hat kein Geld da­bei, spen­diert Fre­ga­pa­ne ihm schon ein­mal ei­ne Ku­gel. „So­was mer­ken sie sich dann.“Kun­den­pfle­ge der coo­len Art.

Wäh­rend der Fahrt zum nächs­ten Ver­kaufs­punkt kommt der Eis­ver­käu­fer aber ins Grü­beln. „Frü­her war es an­ders“, sagt er. „da konn­te man bes­ser ver­die­nen. Die Leu­te ha­ben heu­te kein Geld mehr, vie­le neh­men nur noch ei­ne Ku­gel.“Er er­in­nert sich an Zei­ten, als ei­ne Ku­gel 20 Pfen­nig ge­kos­tet hat, doch all­ge­mein stei­gen die Prei­se: Die Hörn­chen, die Milch, das Ben­zin – al­les wer­de teu­rer. Und das schla­ge sich auch in den Ku­gel­prei­sen wie­der. Fre­ga­pa­ne ver­kauft sie mitt­ler­wei­le für 80 Cent das Stück.

Wie­der bringt er sei­nen Wa­gen zum Ste­hen, steigt nach hin­ten in den „Ver­kaufs­raum“, bin­det die Schür­ze um und schiebt die Tür auf. Ei­ni­ge er­wach­se­ne Män­ner kom­men ihm ent­ge­gen, für sie ist das Eis ein Nach­tisch in der Pau­se: Schnell kommt er mit ih­nen ins Ge­spräch. „Meis­tens geht es um Fuß­ball“, sagt der Eis­ver­käu­fer. Da­für sor­gen nicht zu­letzt die Auf­kle­ber der ita­lie­ni­schen und deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft, die an der Sei­te des Wa­gens kle­ben. „Ich mag bei­de Mann­schaf­ten, und bin ich ein Schal­ke-04-Fan.“

„Ich ma­che so­lan­ge wei­ter, wie es geht. Mir macht mein Be­ruf Spaß“ Eis­mann

FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

Sal­va­to­re Fre­ga­pa­ne macht mit sei­nem ro­ten Eis­mo­bil Halt an ei­nem Spiel­platz: Die klei­ne Emi­lia (2) freut sich nicht nur über ihr Va­nil­le-Eis, sie durf­te so­gar ein­mal mit der gro­ßen Klin­gel des Eis­ver­käu­fers läu­ten.

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