„,Tan­ker’ Schu­le braucht Ent­wick­lungs­zeit“

Er­hard Demmer ist Spre­cher der Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft Bil­dung der Grü­nen in NRW, KreisFrak­ti­ons­chef der Grü­nen und Ober­stu­fen­lei­ter an der Ja­nu­sz-Korcz­ak-Ge­samt­schu­le in Neuss.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - RHEIN-KREIS UND REGION -

War­um soll die Rück­kehr zu G9 den Gym­na­si­en nun wie­der ver­ord­net wer­den? Zu­nächst ein­mal: Die „Schwarz-Gel­ben“, die G8 aus wirt­schafts- und bil­dungs­po­li­ti­schen Grün­den in NRW ein­ge­führt ha­ben, müs­sen ihr Wahl­ver­spre­chen ein­lö­sen und ei­nen kon­ser­va­tiv gym­na­sia­len El­tern­ver­band be­frie­den, dem zu­lie­be sie aus dem Bil­dungs­kon­sens aus­ge­stie­gen und in die Glaub­wür­dig­keits­fal­le ge­lau­fen sind. Denn es wa­ren die „Gelb­Schwar­zen“, die sich da­mals von IHK und Un­ter­neh­mens­ver­bän­den G8 in die­ser Form ha­ben vor­schrei­ben las­sen.

Zwei­tens ist die Rück­kehr zu G9 ei­ne Re­ak­ti­on auf das re­ak­tio­nä­re Fa­mi­li­en- und Welt­bild des El­tern­ver­ban­des, das den Ganz­tag fürch­tet wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Um es po­le­misch aus­zu­drü­cken: Man kann dann nach­mit­tags eben nicht so oft mit Mut­ti shop­pen ge­hen. Schließ­lich soll die Rück­kehr zu G9 ei­nen Kar­di­nal­feh­ler des schwarz-gel­ben Kon­strukts über­tün­chen: Die Ver­kür­zung der Schul­zeit in der Se­kun­dar­stu­fe I (gym­na­si­al: Mit­tel­stu­fe). In der Pra­xis ist G8 oft mit „Lern­stress“ver­knüpft wor­den. Doch sub­jek­tiv emp­fun­de­ner „Stress“muss nicht im­mer ne­ga­tiv be­wer­tet wer­den, be­kannt­lich hat auch Ler­nen mit „Ar­beit“zu tun. Zu­dem ist mir kei­ne wis­sen­schaft­li- che Stu­die be­kannt, die ei­ne Zu­nah­me von Lern­stress in G8 be­legt.

Of­fen­sicht­lich aber gibt es un­ter­schied­li­che Ge­schwin­dig­kei­ten in der Um­set­zung der mit G8 ver­bun­de­nen An­pas­sungs­pro­zes­se an den Gym­na­si­en. Die tra­di­tio­nell „Stof­fori­en­tier­ten“tun sich oft schwer, ih­re Lehr­plä­ne zu ent­schla­cken und das iso­lier­te Fak­ten- und Ka­non­wis­sen (vor al­lem in den Fä­chern Ge­schich­te und Deutsch) auf­zu­ge­ben. Zu­dem wer­den dort im­mer noch „Haus­auf­ga­ben“ge­ge­ben, die un­ter (teil­wei­sen) Ganz­tags­be­din­gun­gen längst schon hät­ten „Schul­auf­ga­ben“sein müs­sen. An­de­re Gym­na­si­en kom­men mit G8 gut zu­recht, weil sie das ober­fläch­li­che Ler­nen zu­guns­ten der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung über­wun­den und aus Lehr­plä- nen „Lern­plä­ne“ge­macht ha­ben. Dort gibt es kei­ne Haus­auf­ga­ben, mehr För­der­an­ge­bo­te und ab 16 Uhr ha­ben die Schü­ler wirk­lich frei – al­so al­les, was Ge­samt­schu­len schon lan­ge prak­ti­zie­ren.

In Ver­ges­sen­heit ge­rät auch, dass G8 im Zu­ge des „Bo­lo­gna-Pro­zes­ses“eu­ro­pa­weit ein­ge­führt wur­de und dass es in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern und in den meis­ten ost­deut­schen Bun­des­län­dern „ge­lebt“wird.

Den­noch: G8 müss­te sinn­vol­ler­wei­se ge­än­dert wer­den. Die Ver­kür­zung der Schul­zeit in der Se­kun­dar­stu­fe I ist auf­zu­he­ben. Für al­le Schü­ler al­ler Schul­for­men soll­te das 10. Schul­jahr ver­pflich­tend sein. Da­nach müss­te es ei­ne lan­des­wei­te Ab­schluss­prü­fung ge­ben. Erst in der gym­na­sia­len Ober­stu­fe der Gym­na­si­en und Ge­samt­schu­len soll­ten El­tern mit ih­ren Kin­dern zu­sam­men ent­schei­den kön­nen, ob die­se die Ober­stu­fe in zwei, drei oder – wenn nö­tig – in vier Jah­ren durch­lau­fen sol­len. G8, G9 und G9+ ist näm­lich heu­te schon nach der gül­ti­gen „Aus­bil­dungs- und Prü­fungs­ord­nung“mög­lich. Ein sol­ches Mo­dell schafft Sta­bi­li­tät und Ver­gleich­bar­keit, er­öff­net aber auch fle­xi­ble Mög­lich­kei­ten. Da­ne­ben bleibt in Schu­le noch ge­nug zu tun: Aus­bau des in­di­vi­du­el­len Ler­nens, neue For­men des Ler­nens un­ter Ein­be­zie­hung di­gi­ta­ler Mög­lich­kei­ten (aber nicht nur als „Wisch­tech­nik“), Um­set­zung der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung, lern­för­dern­de Gestal­tung von Schul­räu­men und Lern­zei­ten so­wie die Wei­ter­ent­wick­lung von Prü­fungs­auf­ga­ben, um nur ei­ni­ge Er­for­der­nis­se zu nen­nen.

Er­go: G8-G9 ist ei­ne wich­ti­ge, aber nicht die wich­tigs­te Fra­ge für die künf­ti­ge Schul­po­li­tik. War­ten wir ab, mit wel­chen schul­po­li­ti­schen Kern­aus­sa­gen uns der Ko­ali­ti­ons­ver­trag „be­glückt“und se­hen wir mit Span­nung ent­ge­gen, was dann da­von auch wirk­lich um­ge­setzt wird. Wich­tig ist: Der „Tan­ker“Schu­le braucht Ent­wick­lungs­zeit, vor al­lem aber ei­ne zu­kunfts­fes­te und nach­hal­ti­ge Ori­en­tie­rung für ein Bil­dungs­land NRW.

FO­TO: LBER

Er­hard Demmer ist Grü­nen-Po­li­ti­ker und Ge­samt­schul­leh­rer.

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