Brust­zen­trum setzt auf in­di­vi­du­el­le Be­hand­lung

Pa­ti­en­tin­nen wie An­ge­la Gro­thus­mann füh­len sich in der seit zehn Jah­ren an­er­kann­ten Fach­ab­tei­lung des „Eti­en­ne“gut auf­ge­ho­ben.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - NEUSS - VON BÄR­BEL BRO­ER

NORD­STADT Ei­ne rich­tig gu­te Pe­rü­cke muss her – das war ei­ner der ers­ten Ge­dan­ken von An­ge­la Gro­thus­mann, als sie im Ja­nu­ar die­ses Jah­res im Jo­han­na-Eti­en­ne-Kran­ken­haus (JEK) die Dia­gno­se Brust­krebs er­hal­ten hat­te. Der Schock war groß. Denn bei Gro­thus­mann stand nach der Bi­op­sie fest: Der Tu­mor ent­spricht Grad 3 – al­so bös­ar­tig und schnell wach­send. Ne­ben der Sor­ge vor der be­vor­ste­hen­den Be­hand­lung mit Che­mo­the­ra­pie, Ope­ra­ti­on und Strah­len­the­ra­pie schreck­te sie auch der Ge­dan­ke des Haar­aus­falls. Denn das Stig­ma des kah­len Kop­fes macht die Krank­heit für je­den sicht­bar.

„Be­reits drei Wo­chen nach der Dia­gno­se ha­be ich mir ei­ne Echt­haarPe­rü­cke ge­kauft“, er­zählt die 49Jäh­ri­ge. Mitt­ler­wei­le ist sie im zwei­ten In­ter­vall ih­rer Che­mo­the­ra­pie, und die Wil­li­che­rin hat mehr­fach Grund zur Freu­de: Sie ver­trägt die Che­mo gut, die The­ra­pie ver­läuft er­folg­reich und: „Bis­her ha­be ich noch kei­ne Haa­re ver­lo­ren.“Die so­ge­nann­te Kopf­kühl­hau­be macht’s mög­lich.

„Seit drei Wo­chen gibt es die­ses Ge­rät, zu dem zwei Hau­ben ge­hö­ren, auch im JEK“, er­klärt Pro­fes­sor Mat­thi­as Ko­rell, Chef­arzt der Ab­tei­lung für Gy­nä­ko­lo­gie und Ge­burts­hil­fe so­wie Lei­ter des seit zehn Jah­ren an­er­kann­ten Brust­zen­trums. 30.000 Eu­ro wur­den da­für in­ves­tiert. Die Be­hand­lung über­nimmt die ge­setz­li­che Kran­ken­kas­se nicht. Da­bei re­du­zie­re die Hau­be zu­sätz­li­chen Stress bei den krebs­er­krank­ten Frau­en, wenn sie sich nicht auch noch um den Haar­aus­fall sor­gen müs­sen, so Ko­rell. „Den­noch müs­sen un­se­re Pa­ti­en­tin­nen nichts ex­tra be­zah­len“, er­klärt der Me­di­zi­ner. „Durch Spen­den­gel­der des JEK-För­der­ver­eins wer­den die­se Kos­ten fi­nan­ziert.“

An­ge­nehm sei die Kühl­hau­be nicht, gibt Gro­thus­mann zu. „Sie sitzt sehr eng am Kopf.“Mitt­ler­wei­le kom­me sie mit der Pro­ze­dur aber gut klar. Die Lei­te­rin der On­ko­lo­gi­schen Am­bu­lanz, Pe­tra Mül­ler, er­klärt den Ablauf. „Zu­nächst tra­gen wir den Frau­en ei­nen Con­di­tio­ner auf, dann ein Stirn­band, um even­tu­el­le Ge­heim­rats­ecken ab­zu­de­cken, und an­schlie­ßend set­zen wir die Kühl­hau­be auf.“Ei­ne hal­be St­un­de vor Be­ginn und nach En­de der Che­mo kühlt die Hau­be die Kopf­haut kon­stant auf 18 Grad Cel­si­us. So kön­nen die zell­schä­di­gen­den Me­di­ka­men­te nicht in die Haar­fol­li­kel ein­drin­gen.

Kein Haar­aus­fall trotz Che­mo­the­ra­pie ist ei­ner von zahl­rei­chen wei­te­ren Er­fol­gen bei der Be­kämp­fung von Brust­krebs. „Je­der Tu­mor ist an­ders, und für je­de Pa­ti­en­tin er­stel­len wir ei­ne sehr in­di­vi­du­el­le The­ra­pie“, er­klärt der Chef­arzt. Heut­zu­ta­ge kön­ne der Tu­mor meist in ei­ner brus­t­er­hal­ten­den Ope­ra­ti­on ent­fernt wer­den. „Beim Brust­krebs ge­hen aber ein­zel­ne Tu­mor­zel­len be­reits sehr früh auf Wan­der­schaft im wei­te­ren Ge­we­be“, so Ko­rell. Um die­se Me­ta­st­a­sie­rung zu ver­hin­dern, ist ei­ne Che­mo not­wen­dig.

Be­vor die­se star­tet, wird ope­ra­tiv im Vor­feld der Wäch­terlymph­kno­ten ent­fernt so­wie ein Port ge­setzt, über den spä­ter die Infu­sio­nen zu­ge­führt wer­den. Zu­dem wird der Pri­mär­tu­mor mit ei­nem Me­tall­clip ge­kenn­zeich­net. „Wenn der Tu­mor auf die Che­mo an­spricht, re­agie­ren auch die an­de­ren Tu­mor­zel­len“, er­klärt Ko­rell. „Im Ide­al­fall se­hen wir be­reits nach zwei Che­mo-Zy­klen im Ul­tra­schall nur noch den Me­tall­clip und kei­nen Tu­mor mehr.“

Ei­ne Ope­ra­ti­on muss den­noch er­fol­gen, um si­cher­zu­stel­len, dass al­le Tu­mor­zel­len ent­fernt wer­den. Für An­ge­la Gro­thus­mann steht die­se En­de Au­gust an, im An­schluss folgt die Strah­len­the­ra­pie. Auch sie sei not­wen­dig, so Ko­rell. „Denn die Re­zi­div-Ge­fahr sinkt nach ei­ner Strah­len­the­ra­pie auf zwei Pro­zent.“

Gro­thus­mann geht er­staun­lich un­auf­ge­regt mit ih­rer Krank­heit um. „Ich emp­fin­de das nicht als be­droh­lich“, sagt sie. Sie füh­le sich um­fas­send in­for­miert und gut auf­ge­ho­ben im Brust­zen­trum. Und dass die Pe­rü­cke un­ge­nutzt im Schrank liegt, freut sie zu­dem.

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