Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Wird zwar nicht das sein, was man ge­wöhn­lich“– er zö­ger­te, such­te be­dacht­sam nach dem Wort – „so­li­de nennt, doch wird sie zwei­fel­los höchst ein­falls­reich sein. War­um? Gibt es ei­nen be­stimm­ten Grund für Ih­re Fra­ge?“

„Ja“, sag­te Sto­ner. „Er hat sich heu­te im Se­mi­nar ziem­lich da­ne­ben­be­nom­men, und ich ha­be mich ge­fragt, ob ich dem ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung bei­mes­sen soll.“

Lo­max’ frü­he­re Freund­lich­keit war ver­schwun­den, und die ver­trau­te­re Mas­ke der Iro­nie hat­te sich er­neut über sein Ge­sicht ge­legt. „Ach ja“, sag­te er mit fros­ti­gem Lä­cheln. „Die Un­ver­nunft und Takt­lo­sig­keit der Ju­gend. Aus Grün­den, die Sie ge­wiss ver­ste­hen wer­den, ist Wal­ker auf ei­ne lin­ki­sche Wei­se eher schüch­tern und des­halb manch­mal zu de­fen­siv oder im Ton auch zu be­stim­mend. Wie wir al­le hat er so sei­ne Pro­ble­me, nur will ich nicht hof­fen, dass sei­ne wis­sen­schaft­li­chen und kri­ti­schen Fä­hig­kei­ten im Lich­te sei­ner doch recht ver­ständ­li­chen psy­chi­schen Stö­run­gen be­ur­teilt wer­den.“Er sah Sto­ner di­rekt an und füg­te noch mit bos­haf­tem Ver­gnü­gen hin­zu: „Er ist ein Krüp­pel, wie Ih­nen kaum ent­gan­gen sein dürf­te.“„Viel­leicht liegt es dar­an“, er­wi­der­te Sto­ner nach­denk­lich. Er seufz­te und er­hob sich von sei­nem Stuhl. „Ist wohl wirk­lich noch zu früh, um mir Sor­gen zu ma­chen. Ich woll­te bloß mal bei Ih­nen rück­fra­gen.“

Mit ei­nem Mal klang Lo­max an­ge­spannt, und sei­ne Stim­me zit­ter­te fast vor un­ter­drück­ter Wut. „Sie wer­den fest­stel­len, dass er ein her­vor­ra­gen­der Stu­dent ist. Ich kann Ih­nen so­gar ver­si­chern, dass Ih­nen bald auf­ge­hen wird, was für ein wirk­lich ex­zel­len­ter Stu­dent er ist.“Sto­ner mus­ter­te ihn kurz mit ver­blüff­tem Stirn­run­zeln, dann nick­te er und ver­ließ das Zim­mer.

Das Se­mi­nar fand wö­chent­lich statt. Die ers­ten Sit­zun­gen stör­te Wal­ker mit Fra­gen und Kom­men­ta­ren, die so weit ab vom The­ma la­gen, dass Sto­ner nicht wuss­te, wie er dar­auf re­agie­ren soll­te. Bald wur­den Wal­kers Fra­gen und Be­mer­kun­gen mit Ge­läch­ter oder deut­li­cher Miss­ach­tung sei­tens der Stu­den­ten selbst quit­tiert, so­dass er nach we­ni­gen Wo­chen gar nichts mehr sag­te und nur noch mit stei­ner­ner Mie­ne da­saß, wäh­rend um ihn her­um das Se­mi­nar ab­lief. Es wä­re, dach­te Sto­ner, ja amü­sant, zeig­te sich in Wal­kers Wut und Wi­der­wil­len nicht so et­was Nack­tes.

Trotz Wal­ker war es ein er­folg­rei­ches Se­mi­nar, ei­nes der bes­ten, die Sto­ner je ge­hal­ten hat­te. Fast von An­fang an wur­de die Auf­merk­sam­keit der Stu­den­ten von den the­ma­ti­schen Ver­wick­lun­gen ge­fes­selt, und sie emp­fan­den ei­ne Ent­de­cker­freu­de, wie sie wohl nur auf­kommt, wenn man spürt, dass die ge­stell­ten Fra­gen im Zen­trum ei­nes noch weit grö­ße­ren The­men­fel­des lie­gen und man, geht man dem The­ma nach, zu Neu­em ge­führt wird, auch wenn man nicht weiß, was dies sein mag.

Das Se­mi­nar or­ga­ni­sier­te sich selbst, und die Stu­den­ten wa­ren so sehr bei der Sa­che, dass Sto­ner zu ei­nem von ih­nen wur­de und sich eben­so eif­rig wie sie der Su­che hin­gab. Selbst die Gast­hö­re­rin – die jun­ge Do­zen­tin, die sich vor­über­ge­hend an der Co­lum­bia auf­hielt, um ih­re Dok­tor­ar­beit zu schrei­ben – frag­te, ob sie über ei­nes der Se­mi­narthe­men ei­ne Ar­beit schrei­ben dür­fe. Sie mein­te, auf et­was ge­sto­ßen zu sein, was auch für die üb­ri­gen Stu­den­ten von In­ter­es­se sein könn­te. Sie hieß Ka­the­ri­ne Dris­coll und war En­de zwan­zig. Sto­ner hat­te sie kaum wahr­ge­nom­men, bis sie sich nach dem Un­ter­richt we­gen der Ar­beit an ihn wand­te und frag­te, ob er nicht ih­re Dok­tor­ar­beit le­sen kön­ne, so­bald sie fer­tig sei. Er sag­te, er wür­de ih­re Se­mi­nar­ar­beit be­grü­ßen und sei gern be­reit, sich mit ih­rer Dok­tor­ar­beit zu be­fas­sen. Die Se­mi­nar­ar­bei­ten wa­ren für die zwei­te Hälf­te des Se­mes­ters an­ge­setzt, al­so für die Zeit nach den Weih­nachts­fe­ri­en. Wal­kers Auf­satz über ,Hel­le­nis­mus und die mit­tel­al­ter­li­che Latein­tra­di­ti­on’ war früh fäl­lig, doch schob er ihn im­mer wie­der auf und er­klär­te Sto­ner, wie schwie­rig es sei, be­nö­tig­te Bü­cher zu be­kom­men, da sie in der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek aus­ge­lie­hen sei­en. Es war aus­ge­macht, dass die Gast­hö­re­rin Miss Dris­coll ih­re Ar­beit erst prä­sen­tier­te, nach­dem die re­gu­lä­ren Stu­den­ten ih­re Vor­trä­ge ge­hal­ten hat­ten, doch an dem letz­ten von Sto­ner für Se­mi­nar­ar­bei­ten vor­ge­se­he­nen Tag, zwei Wo­chen vor En­de des Se­mes­ters, bat Wal­ker er­neut um ei­ne Wo­che Auf­schub; er sei krank ge­we­sen, die Au­gen hät­ten ihm weh­ge­tan, und ein wich­ti­ges Buch sei über die Fern­lei­he nicht recht­zei­tig ein­ge­trof­fen. Al­so hielt Miss Dris­coll ih­ren Vor­trag an dem Tag, der durch Wal­kers Ab­sa­ge frei ge­wor­den war. Ihr The­ma lau­te­te ,Do­na­tus und die Tra­gö­die der Re­nais­sance’. Sie kon­zen­trier­te sich auf Sha­ke­speares Ge­brauch der do­na­ti­schen Tra­di­ti­on, die bis in Gram­ma­ti­ken und Hand­bü­cher des Mit­tel­al­ters Be­stand ge­habt hat­te. Schon nach we­ni­gen Au­gen­bli­cken wuss­te Sto­ner, dass ihr Vor­trag gut sein wür­de, und er hör­te mit ei­ner Be­geis­te­rung zu, wie er sie schon lan­ge nicht mehr emp­fun­den hat­te. Nach­dem sie ge­en­det und das Se­mi­nar über ih­re Ar­beit dis­ku­tiert hat­te, hielt er sie noch ei­nen Mo­ment zu­rück, wäh­rend die Stu­den­ten den Raum ver­lie­ßen. „Ich woll­te Ih­nen nur sa­gen, Miss Dris­coll . . .“Er ver­stumm­te, und ei­nen Mo­ment lang pack­te ihn ein Ge­fühl der Ver­le­gen­heit und Be­tre­ten­heit. Mit ih­ren gro­ßen dunk­len Au­gen schau­te sie ihn fra­gend an, das schnee­wei­ße Ge­sicht ein deut­li­cher Ge­gen­satz zu dem stren­gen schwar­zen Rah­men ih­rer Haa­re, die straff nach hin­ten ge­kämmt und zu ei­nem klei­nen Kno­ten zu­sam­men­ge­bun­den wa­ren. Er fuhr fort: „Ich woll­te Ih­nen nur sa­gen, dass Ih­re Ar­beit der bes­te mir be­kann­te Bei­trag zu die­sem The­ma ist, wes­halb es mich sehr freut, dass Sie sich frei­wil­lig be­reit er­klärt ha­ben, die­sen Vor­trag zu hal­ten.“Sie gab kei­ne Ant­wort und än­der­te auch ih­re Mie­ne nicht, doch fürch­te­te Sto­ner ei­nen Mo­ment lang, sie sei ver­är­gert, da er et­was Wil­des in ih­ren Au­gen auf­blit­zen sah. Dann lief sie dun­kel­rot an und senk­te den Kopf, ob aber aus Un­mut oder Freu­de, konn­te Sto­ner nicht sa­gen; gleich dar­auf eil­te sie da­von. Be­un­ru­higt und ver­wirrt ging Sto­ner lang­sam aus dem Zim­mer, wäh­rend er sich zugleich be­sorgt frag­te, ob er sie in sei­nem Un­ge­schick ir­gend­wie ver­letzt ha­ben könn­te. So be­hut­sam wie nur mög­lich hat­te er Wal­ker ge­warnt, dass sei­ne Ar­beit am nächs­ten Mitt­woch ab­zu­lie­fern sei, falls er denn ei­nen Schein für das Se­mi­nar er­hal­ten wol­le, doch wie bei­na­he er­war­tet, re­agier­te Wal­ker bei al­lem Re­spekt kühl und ver­stimmt auf sei­ne War­nung.

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