Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Vor kur­zem ha­ben wir ei­nen Vor­trag ge­hört, der im aka­de­mi­schen Sin­ne ge­wiss als höchst be­mer­kens­wert gel­ten darf. Die nun fol­gen­den An­mer­kun­gen sind nicht per­sön­lich ge­meint. Dies möch­te ich be­to­nen. Im Ver­lauf des er­wähn­ten Vor­trags ha­ben wir ei­nen Be­richt ver­nom­men, in dem be­haup­tet wird, ei­ne Er­klä­rung für das Mys­te­ri­um und die er­he­ben­de Ly­rik der shake­speare­schen Kunst ge­fun­den zu ha­ben. Nun, ich kann Ih­nen sa­gen“– er streck­te dem Pu­bli­kum den Zei­ge­fin­ger hin, als woll­te er es auf­spie­ßen –, „ich kann Ih­nen sa­gen, das ist falsch.“Er lehn­te sich auf dem Stuhl zu­rück und warf ei­nen Blick in die Pa­pie­re. „Man bat uns zu glau­ben, ein ge­wis­ser Do­na­tus – ein ob­sku­rer rö­mi­scher des 4. Jahr­hun­derts vor Chris­tus –, man bat uns al­so zu glau­ben, dass die­ser Mann ge­nü­gend Ein­fluss be­ses­sen ha­be, die Ar­beit ei­nes der größ­ten Ge­nies in der ge­sam­ten Li­te­ra­tur­ge­schich­te prä­gen zu kön­nen. Soll­ten wir die­ser Theo­rie nicht gleich auf An­hieb miss­trau­en? wir ihr nicht so­gar miss­trau­en?“

Är­ger stieg in Sto­ner auf, sch­lich­ter, dump­fer Är­ger, der die Kom­ple­xi­tät der Ge­füh­le ver­dräng­te, die er noch zu Be­ginn des Vor­trags ge­hegt hat­te. Am liebs­ten wä­re er so­fort auf­ge­stan­den, um der sich ent­wi­ckeln­den Far­ce Ein­halt zu ge­bie­ten; er wuss­te, wenn er Wal­ker nicht gleich das Wort ver­bot, wür­de er ihn re­den las­sen müs­sen, so­lan­ge es ihm be­lieb­te. Er wand­te ein we­nig den Kopf, um Ka­the­ri­ne Dris­colls Ge­sicht se­hen zu kön­nen, doch wirk­te sie ernst und un­ge­rührt, und nur ein höf­li­ches, dis­tan­zier­tes In­ter­es­se war ihr an­zu­mer­ken; ih­re dunk­len Au­gen be­trach­te­ten Wal­ker

Gram­ma­ti­ker Müs­sen

mit ei­ner Un­ge­rührt­heit, die schon fast an Lan­ge­wei­le grenz­te. Ver­stoh­len be­ob­ach­te­te Sto­ner sie noch ei­ni­ge Au­gen­bli­cke und er­tapp­te sich da­bei, dass er sich frag­te, was sie wohl emp­fand und ob es et­was gab, dass er ih­rer Mei­nung nach tun soll­te. Als er dann end­lich den Blick von ihr ab­wand­te, muss­te er ein­se­hen, dass ihm sei­ne Ent­schei­dung ab­ge­nom­men wor­den war. Er hat­te zu lan­ge ge­war­tet, um Wal­ker noch un­ter­bre­chen zu kön­nen, so­dass der nun un­ge­stört vor­brach­te, was er zu sa­gen hat­te.

„. . . das mo­nu­men­ta­le Bau­werk, wel­ches die Li­te­ra­tur der Re­nais­sance dar­stellt, ein Bau­werk, das den Eck­stein der gro­ßen Dicht­kunst des 19. Jahr­hun­derts bil­det. An Be­wei­sen, der ein­tö­ni­gen Ge­lehr­sam­keit so wohl­ver­traut wie der Kri­tik fremd, herrscht gleich­falls trau­ri­ger Man­gel. Denn wel­cher wur­de er­bracht, dass Sha­ke­speare tat­säch­lich die­sen ob­sku­ren rö­mi­schen Gram­ma­ti­ker ge­le­sen hat? Wir soll­ten uns in Er­in­ne­rung ru­fen, dass es Ben Jon­son war –“, er zö­ger­te kurz, „– dass es Ben Jon­son selbst war, Sha­ke­speares Freund und Zeit­ge­nos­se, der über ihn sag­te, er kön­ne kaum Latein und noch we­ni­ger Grie­chisch. Und Jon­son, der Sha­ke­speare auf ei­ne an Ver­göt­te­rung gren­zen­de Wei­se ver­ehr­te, woll­te sei­nem Freund ge­wiss kei­nen Man­gel un­ter­stel­len. Im Ge­gen­teil, er deu­te­te da­mit an – und dem möch­te ich mich an­schlie­ßen –, dass die er­ha­be­ne Ly­rik Sha­ke­speares sich nicht dem mit­ter­nächt­li­chen Schein ei­ner Pe­tro­le­um­lam­pe, son­dern sei­nem an­ge­bo­re­nen Ge­nie ver­dank­te, das hoch über al­len Re­geln und dem pro­fa­nen Ge­setz stand. An­ders als min­de­re Poe­ten wur­de Sha­ke­speare nicht ge­bo­ren, um un­ge­se­hen zu er­rö­ten und sei-

Be­weis

nen Lieb­reiz in der Wüs­ten­luft zu ver­geu­den; denn was brauch­te der un­sterb­li­che Bar­de solch läh­men­de Re­geln, wie sie in ei­ner schnö­den Gram­ma­tik ste­hen, da er doch An­teil an je­ner ge­heim­nis­vol­len Qu­el­le hat­te, der al­le Dich­ter sich Stär­kung hei­schend zu­wen­den? Was hät­te ihm Do­na­tus denn be­deu­ten kön­nen, selbst wenn er ihn ge­le­sen hät­te? Das Ge­nie, ein­zig­ar­tig und nur sich selbst Ge­setz, be­darf kei­ner Un­ter­stüt­zung durch ei­ne sol­che ,Tra­di­ti­on’, wie sie uns be­schrie­ben wur­de, lei­te sie sich nun aus dem La­tei­ni­schen her, von Do­na­tus oder sonst­wo. Das er­ha­be­ne, freie Ge­nie muss . . .“

Nach­dem er sich mit sei­nem Är­ger ab­ge­fun­den hat­te, spür­te Sto­ner, wie ihn ei­ne wi­der­wil­li­ge, ge­ra­de­zu ab­we­gi­ge Be­wun­de­rung über­kam. Moch­te der Mann noch so blu­mig und wag­hal­sig ar­gu­men­tie­ren, wa­ren sei­ne rhe­to­ri­schen und in­no­va­ti­ven Fä­hig­kei­ten doch auf be­stür­zen­de Wei­se be­acht­lich, und sei­ne An­we­sen­heit war re­al, auch wenn sie ihm ge­ra­de­zu gro­tesk er­schien. In sei­nem Blick lag et­was Kal­tes, Be­rech­nen­des und Wach­sa­mes, et­was un­nö­tig Rück­sichts­lo­ses und doch ver­zwei­felt Vor­sich­ti­ges. Sto­ner be­griff, dass er ei­nen so ko­los­sa­len wie küh­nen Bluff er­leb­te und un­mit­tel­bar nicht wuss­te, wie er da­mit um­ge­hen soll­te.

Denn selbst für den un­auf­merk­sams­ten Stu­den­ten war es of­fen­kun­dig, dass Wal­ker sei­nen Vor­trag gänz­lich aus dem Ste­g­reif hielt. Sto­ner be­zwei­fel­te, dass er auch nur an­nä­hernd wuss­te, was er sa­gen woll­te, als er sich vor dem Se­mi­nar an den Tisch setz­te und die Stu­den­ten auf sei­ne kal­te, her­ri­sche Wei­se mus­ter­te. Gleich­falls war nicht zu über­se­hen, dass der Sta­pel Pa­pie­re vor ihm auf dem Tisch nichts mehr als eben nur ein Sta­pel Pa­pie­re war; so­bald Wal­ker sich in Fahrt ge­re­det hat­te, gab er nicht ein­mal mehr vor, hin und wie­der ei­nen Blick dar­auf wer­fen zu müs­sen, und ge­gen En­de sei­ner Re­de schob er die Pa­pie­re in sei­ner Auf­re­gung und In­brunst voll­ends bei­sei­te.

Er re­de­te fast ei­ne St­un­de lang. Zum En­de hin war­fen die Stu­den­ten ein­an­der be­sorg­te Bli­cke zu, bei­na­he, als schweb­ten sie in Ge­fahr oder sän­nen über Flucht­mög­lich­kei­ten nach; und sie mie­den es sorg­sam, zu Sto­ner oder der jun­gen Frau hin­über­zu­se­hen, die so reg­los an sei­ner Sei­te saß. Als spür­te Wal­ker die­se Un­ru­he, brach­te er sei­nen Vor­trag bei­na­he ab­rupt zu En­de, lehn­te sich auf sei­nem Stuhl zu­rück und lä­chel­te tri­um­phie­rend.

Im sel­ben Mo­ment, in dem Wal­ker auf­hör­te zu re­den, er­hob sich Sto­ner und ent­ließ das Se­mi­nar; und auch wenn er es da­mals nicht wuss­te, trieb ihn da­zu ein va­ges Ge­fühl der Rück­sicht auf Wal­ker, da er nicht woll­te, dass je­mand Ge­le­gen­heit be­kam, über das so­eben Ge­hör­te öf­fent­lich zu dis­ku­tie­ren. An­schlie­ßend trat Sto­ner an den Tisch, an dem Wal­ker saß, und bat den Stu­den­ten, noch ei­nen Mo­ment zu blei­ben, wor­auf­hin Wal­ker so re­ser­viert nick­te, als wä­re er in Ge­dan­ken wo­an­ders. Sto­ner dreh­te sich um, um ei­ni­gen Nach­züg­lern hin­aus auf den Flur zu fol­gen. Als er sah, wie Ka­the­ri­ne Dris­coll al­lein auf­bre­chen woll­te, rief er ihr nach. Sie blieb ste­hen, und er ging zu ihr, doch kaum be­gann er zu spre­chen, fühl­te er sich er­neut so ver­le­gen wie letz­te Wo­che, als er sie zu ih­rer Ar­beit be­glück­wünscht hat­te.

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