Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Rich­tig“, er­wi­der­te Sto­ner. „Wenn Sie mir al­ler­dings das Ma­nu­skript ge­ben, von dem Sie an die­sem Nach­mit­tag so . . . deut­lich ab­ge­wi­chen sind, wer­de ich se­hen, was sich noch ret­ten lässt.“

„Sir!“, rief Wal­ker. „Da es sich noch um ei­ne Roh­fas­sung han­delt, wür­de ich mei­ne Auf­zeich­nun­gen wirk­lich nur sehr un­gern her­ge­ben.“

Mit grim­mi­gem, rast­lo­sem Scham­ge­fühl fuhr Sto­ner fort: „Das ist nicht wei­ter schlimm. Ich wer­de da­rin ge­wiss fin­den, was ich wissen muss.“

Wal­ker warf ihm ei­nen ver­schla­ge­nen Blick zu. „Ha­ben Sie denn sonst je­man­den ge­be­ten, Ih­nen das Ma­nu­skript zu ge­ben?“

„Das ha­be ich nicht“, er­wi­der­te Sto­ner.

„Dann“, ent­fuhr es Wal­ker tri­um­phie­rend, bei­na­he freu­de­strah­lend, „muss ich mich schon aus Prin­zip wei­gern, Ih­nen mei­ne Auf­zeich­nun­gen zu über­las­sen, es sei denn, Sie ver­lan­gen auch von al­len an­de­ren Stu­den­ten, dass sie ih­re Ma­nu­skrip­te aus­hän­di­gen.“

Sto­ner blick­te ihn ei­nen Mo­ment lang un­ver­wandt an. „Al­so schön, Mr Wal­ker. Sie ha­ben Ih­re Ent­schei­dung ge­trof­fen. Das wä­re dann vor­läu­fig al­les.“

„Wie ha­be ich das zu ver­ste­hen, Sir?“, frag­te Wal­ker. „Mit wel­cher Zen­sur darf ich für die­sen Kurs rech­nen?“

Sto­ner lach­te kurz auf. „Sie er­stau­nen mich, Mr Wal­ker. Sie er­hal­ten na­tür­lich ein Un­ge­nü­gend.“

Wal­ker ver­such­te, sein run­des Ge­sicht in die Län­ge zu zie­hen, und sag­te mit der ge­dul­di­gen Ver­bit­te­rung ei­nes Mär­ty­rers: „Ich ver­ste­he. Nun gut, Sir. Man muss auch be­reit sein, für sei­ne Über­zeu­gun­gen zu lei­den.“

„Und für sei­ne Faul­heit, Un­ehr­lich­keit und Igno­ranz“, er­wi­der­te Sto­ner. „Es scheint mir höchst über­flüs­sig, dies noch zu er­wäh­nen, Mr Wal­ker, aber ich kann Ih­nen nur drin­gend ra­ten, Ih­re Ein­stel­lun­gen zu über­den­ken, da ich ernst­haft be­zweif­le, dass es für Sie ei­nen Platz in ei­nem Dok­to­ran­den­stu­di­um gibt.“

Zum ers­ten Mal wirk­ten Wal­kers Ge­füh­le echt; sei­ne Wut ver­lieh ihm fast so et­was wie Wür­de. „Sie ge­hen zu weit, Mr Sto­ner! Das kön­nen Sie nicht ernst mei­nen.“

„Das mei­ne ich ganz be­stimmt ernst“, er­wi­der­te Sto­ner.

Ei­nen Mo­ment blieb Wal­ker still und sah Sto­ner nach­denk­lich an. Dann sag­te er: „Ich war be­reit, mich mit der Zen­sur ab­zu­fin­den, die Sie mir ge­ben woll­ten, aber Sie müs­sen ein­se­hen, dass mir dies nun un­mög­lich ist, da Sie mei­ne Kom­pe­tenz grund­sätz­lich in­fra­ge stel­len.“

„Ja, Mr Wal­ker“, sag­te Sto­ner mü­de und er­hob sich von sei­nem Stuhl. „Wenn Sie mich jetzt bit­te ent­schul­di­gen wol­len . . . “Er ging Rich­tung Tür.

Der Klang sei­nes laut ge­ru­fe­nen Na­mens ließ ihn in­ne­hal­ten. Er wand­te sich um; Wal­kers Ge­sicht war dun­kel­rot an­ge­lau­fen, die Haut auf­ge­quol­len, so­dass die Au­gen hin­ter den di­cken Bril­len­glä­sern wie win­zi­ge Punk­te aus­sa­hen. „Mr Sto­ner!“, schrie er er­neut. „In die­ser Sa­che wur­de noch nicht das letz­te Wort ge­spro­chen. Glau­ben Sie mir, Sie hö­ren noch von mir.“

Sto­ner mus­ter­te ihn ge­las­sen und oh­ne je­des In­ter­es­se, nick­te zer­streut, dreh­te sich um und trat schwe­ren Schrit­tes hin­aus auf den nack­ten Be­ton­bo­den des Flurs. Er fühl­te sich aus­ge­laugt, mü­de und schreck­lich alt.

Und er hat­te in die­ser Sa­che tat- säch­lich noch nicht das letz­te Wort ge­hört.

An dem Mon­tag, der auf den letz­ten Frei­tag des Se­mes­ters folg­te, reich­te er die ver­ge­be­nen Zen­su­ren ein, denn da er am Do­zen­ten­da­sein nichts so sehr wie das Be­no­ten ver­ab­scheu­te, er­le­dig­te er dies stets so rasch wie mög­lich. Er gab Wal­ker ein Un­ge­nü­gend, dach­te nicht wei­ter dar­an und ver­brach­te ei­nen Groß­teil der Wo­che zwi­schen den Se­mes­tern da­mit, die ers­ten Ent­wür­fe zwei­er Dis­ser­ta­tio­nen zu le­sen, die im Früh­jahr vor­ge­legt wer­den muss­ten. Sie wa­ren um­ständ­lich for­mu­liert und be­nö­tig­ten sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit. Der Wal­kerVor­fall wur­de da­durch in den Hin­ter­grund ge­drängt.

Doch zwei Wo­chen nach Be­ginn des Se­mes­ters wur­de er er­neut dar­an er­in­nert. Ei­nes Mor­gens fand er in sei­nem Brief­fach ei­ne Nach­richt von Gor­don Finch, der ihn bat, bei nächs­ter Ge­le­gen­heit in sei­nem Büro vor­bei­zu­schau­en.

Die Freund­schaft zwi­schen Gor­don Finch und Wil­li­am Sto­ner hat­te je­nen Punkt er­reicht, den al­le der­ar­ti­gen Be­zie­hun­gen ir­gend­wann er­rei­chen, wenn sie nur lan­ge ge­nug dau­ern: Sie war zwang­los, tief und bei al­ler Ver­traut­heit so zu­rück­hal­tend, dass sie bei­na­he un­per­sön­lich wirk­te. Auch wenn Ca­ro­li­ne ge­le­gent­lich bei Edith zu Be­such weil­te, tra­fen sich Gor­don Finch und Wil­li­am Sto­ner ge­sell­schaft­lich nur sel­ten. Und wenn sie sich un­ter­hiel­ten, er­in­ner­ten sie sich an die Jah­re ih­rer Ju­gend, so­dass je­der sein Ge­gen­über sah, wie es zu ei­ner an­de­ren Zeit ge­we­sen war.

Mit be­gin­nen­dem mitt­le­rem Al­ter be­saß Finch die auf­rech­te, ge­schmei­di­ge Hal­tung ei­nes Man­nes, der en­er­gisch ver­sucht, sein Ge­wicht un­ter Kon­trol­le zu hal­ten; das Ge­sicht war fül­lig und noch oh­ne Fal­ten, doch zeig­ten sich ers­te An­deu­tun­gen von Hän­ge­ba­cken, und am Hals roll­te sich die Haut zu­sam­men. Das Haar war schüt­ter, und Finch hat­te be­gon­nen, es so zu käm­men, dass man die ein­set­zen­de Kahl­köp­fig­keit nicht gleich auf den ers­ten Blick se­hen konn­te.

An je­nem Nach­mit­tag, an dem Sto­ner bei ihm im Büro vor­bei­schau­te, plau­der­ten sie ei­ne Wei­le un­be­fan­gen über ih­re Fa­mi­li­en; Finch hielt den leich­ten Ton, in­dem er vor­gab, Sto­ner füh­re ei­ne nor­ma­le Ehe, und ganz wie es sich ge­ziem­te, be­kann­te Sto­ner, er kön­ne kaum glau­ben, dass Gor­don und Ca­ro­li­ne schon El­tern zwei­er Kin­der sei­en, von de­nen auch das jüngs­te be­reits in den Kin­der­gar­ten ge­he.

Nach­dem sie sich mit die­sen au­to­ma­tisch vor­ge­brach­ten Äu­ße­run­gen ih­rer Ver­traut­heit ver­si­chert hat­ten, schau­te Finch nach­denk­lich aus dem Fens­ter und sag­te: „Wor­über woll­te ich noch mal mit dir re­den? Ach ja, der De­kan des Gra­du­ier­ten­kol­legs – er fand, weil wir be­freun­det sind, sol­le ich dir Be­scheid sa­gen. Nichts, was wirk­lich wich­tig wä­re.“Er warf ei­nen Blick auf sei­nen No­tiz­block. „Nur ein auf­ge­brach­ter Stu­dent, der glaubt, letz­tes Se­mes­ter in ei­nem dei­ner Se­mi­na­re un­ge­recht be­han­delt wor­den zu sein.“

„Wal­ker“, sag­te Sto­ner. „Charles Wal­ker.“

Finch nick­te. „Ge­nau der. Was ist mit ihm?“

Sto­ner zuck­te mit den Ach­seln. „Mei­nes Erach­tens hat er sich die Lek­tü­re­lis­te nicht ein­mal an­ge­se­hen – es geht um mein Se­mi­nar über die la­tei­ni­sche Tra­di­ti­on. Und er hat ver­sucht, sich durch den Se­mi­nar­vor­trag zu mo­geln.

(Fort­set­zung folgt)

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