Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Ru­ther­ford zähl­te die Be­din­gun­gen die­ser Even­tua­li­tä­ten auf und schloss, oh­ne hoch­zu­bli­cken, mit der ri­tu­el­len Vor­stel­lung der Prü­fer und des Kan­di­da­ten. Dann schob er die Pa­pie­re von sich fort und schau­te hoff­nungs­los in die Run­de.

„Es ist Brauch“, sag­te er lei­se, „dass der Dok­tor­va­ter des Kan­di­da­ten mit der Prü­fung be­ginnt. Wenn ich mich nicht täu­sche, ist Mr –?“, er warf er­neut ei­nen Blick in die Pa­pie­re, „Mr Lo­max Mr Wal­kers Dok­tor­va­ter. Wenn Sie al­so . . . “

Lo­max’ Kopf zuck­te zu­rück, als wä­re er aus ei­nem Schlum­mer auf­ge­schreckt. Blin­zelnd schau­te er sich um, auf den Lip­pen die An­deu­tung ei­nes Lä­chelns, doch die Au­gen blick­ten hell­wach und mun­ter.

„Mr Wal­ker, Sie ar­bei­ten an ei­ner Dok­tor­ar­beit über Shel­ley und das hel­le­nis­ti­sche Ide­al. Dass Sie Ih­re Ar­beit be­reits gänz­lich durch­kon­zi­piert ha­ben, wä­re ge­wiss zu viel er­war­tet, doch könn­ten Sie viel­leicht da­mit be­gin­nen, uns et­was über die Hin­ter­grün­de auf­zu­klä­ren, die Sie ver­an­lasst ha­ben, sich für die­ses The­ma zu ent­schei­den.“

Wal­ker nick­te und be­gann rasch zu re­den. „Ich be­ab­sich­ti­ge, Shel­leys ers­te Ab­leh­nung des god­wi­nia­ni­schen De­ter­mi­nis­mus zu­guns­ten ei­nes mehr oder min­der pla­to­ni­schen Ide­als in dem Ge­dicht ,Hymn to In­tel­lec­tu­al Be­au­ty’ durch den rei­fe­ren Ge­brauch die­ses Ide­als in

als um­fas­sen­de Syn­the­se sei­nes frü­hen At­he­is­mus, Ra­di­ka­lis­mus, Chris­ten­tums und wis­sen­schaft­li­chen De­ter­mi­nis­mus auf­zu­zei­gen und da­mit letzt­lich den Ver­fall die­ses Ide­als in solch spä­te­ren Wer­ken wieHel­las zu be­grün­den. Mei­ner An­sicht nach ist dies in drei­er­lei Hin­sicht ein be-

Pro­me­theus Un­bound

deut­sa­mes The­ma: Ers­tens wird da­durch Shel­leys Denk­wei­se auf­ge­zeigt, was uns ein bes­se­res Ver­ständ­nis sei­ner Ly­rik er­mög­licht. Zwei­tens of­fen­bart es die wich­ti­gen phi­lo­so­phi­schen und li­te­ra­ri­schen Kon­flik­te des frü­hen 19. Jahr­hun­derts und för­dert so­mit un­ser Ver­ständ­nis und auch un­se­re Wert­schät­zung der ro­man­ti­schen Dicht­kunst. Und drit­tens ist es ein The­ma, das auf ge­wis­se Wei­se ei­nen Be­zug zu un­se­rer ei­ge­nen Zeit ha­ben könn­te, in der wir uns mit vie­len Kon­flik­ten kon­fron­tiert se­hen, wie sie be­reits Shel­ley und sei­ne Zeit­ge­nos­sen be­schäf­tigt ha­ben.“

Wäh­rend Sto­ner zu­hör­te, wuchs sein Er­stau­nen. Er konn­te kaum glau­ben, dass dies der­sel­be Mann sein soll­te, der an sei­nem Se­mi­nar teil­ge­nom­men hat­te und den er zu ken­nen mein­te. Wal­ker prä­sen­tier­te sein The­ma oh­ne Um­schwei­fe, ver­ständ­lich und klug, manch­mal na­he­zu bril­lant. Lo­max hat­te recht; falls die Dis­ser­ta­ti­on ih­re Ver­spre­chen er­füll­te, wür­de es ei­ne ein­drucks­vol­le Ar­beit wer­den. Mit ei­nem Mal über­kam ihn war­me, fro­he Hoff­nung, und er beug­te sich auf­merk­sam vor.

Wal­ker sprach et­wa zehn Mi­nu­ten über sein Pro­mo­ti­ons­the­ma, dann kam er ab­rupt zum En­de. So­fort stell­te Lo­max ei­ne wei­te­re Fra­ge, und Wal­ker gab zü­gig Ant­wort. Gor­don Finch warf Sto­ner ei­nen vor­sich­tig fra­gen­den Blick zu, auf den Sto­ner mit ei­nem selbst­iro­ni­schen Lä­cheln ant­wor­te­te, wäh­rend er leicht mit den Schul­tern zuck­te.

Dann ver­stumm­te Wal­ker er­neut, und Jim Hol­land er­griff so­gleich das Wort. Er war ein schlan­ker jun­ger Mann mit leicht vor­quel­len­den Au­gen, blass und stets an­ge­spannt, der ab­sicht­lich lang­sam und mit ei­ner Stim­me re­de­te, die vor er­zwun­ge­ner Zu­rück­hal­tung zu zit­tern schien. „Sie ha­ben eben God­wins De­ter­mi­nis­mus er­wähnt, Mr Wal­ker. Wä­re es Ih­nen wohl mög­lich, ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen ihm und dem Phä­no­me­na­lis­mus von John Lo­cke zu zie­hen?“Sto­ner er­in­ner­te sich, dass Hol­land ein Spe­zia­list fürs 18. Jahr­hun­dert war.

Nach ei­nem Au­gen­blick des Schwei­gens dreh­te Wal­ker sich zu Hol­land um, nahm die run­de Bril­le ab, putz­te sie, blin­zel­te und blick­te ziel­los um­her. Dann setz­te er die Bril­le wie­der auf, blin­zel­te er­neut und sag­te: „Könn­ten Sie die Fra­ge bit­te wie­der­ho­len?“

Hol­land hob zu re­den an, doch kam ihm Lo­max zu­vor. „Es macht Ih­nen doch ge­wiss nichts aus, Jim“, sag­te er lie­bens­wür­dig, „wenn ich die Fra­ge ein we­nig er­wei­te­re?“Und ehe Hol­land ant­wor­ten konn­te, wand­te er sich an Wal­ker. „Aus­ge­hend von den Im­pli­ka­tio­nen der Fra­ge, die Ih­nen Pro­fes­sor Hol­land ge­stellt hat – näm­lich dass God­win Lo­ckes Theo­rie der em­pi­ri­schen Na­tur des Wis­sens ak­zep­tier­te – die

und all das – und dass God­win mit Lo­cke der An­sicht war, durch die Ak­zi­den­zi­en der Lei­den­schaft und un­ver­meid­li­cher Igno­ranz ge­schmä­ler­tes Wis­sen und Ur­teils­ver­mö­gen lie­ße sich durch Bil­dung kom­pen­sie­ren –, könn­ten Sie da bit­te Shel­leys Wis­sen­s­prin­zip kom­men­tie­ren – ins­be­son­de­re das Prin­zip der Schön­heit –, wie es in den letz­ten Ver­sen sei­nes Ge­dichts ,Ado­nais’ zum Aus­druck kommt?“

ta­bu­la ra­sa

Ver­wirrt die Stirn run­zelnd, lehn­te sich Hol­land auf sei­nem Stuhl zu­rück. Wal­ker nick­te und sag­te rasch: „Zwar sind die An­fangs­ver­se von ,Ado­nais’, Shel­leys Tri­but an sei­nen Freund und Kol­le­gen John Keats, mit ih­ren An­spie­lun­gen auf die Mut­ter, die St­un­den, Ura­nia und so wei­ter wie auch mit ih­ren wie­der­hol­ten An­ru­fun­gen im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne klas­sisch, doch er­scheint das ei­gent­lich klas­si­sche Mo­ment nicht vor der letz­ten Stro­phe, die im We­sent­li­chen ei­ne er­ha­be­ne Hym­ne an das ewi­ge Prin­zip der Schön­heit ist. Rich­ten wir et­wa un­se­re Auf­merk­sam­keit ei­nen Mo­ment auf fol­gen­de be­rühm­ten Ver­se:

Wie ei­ne Kup­pel aus viel­far­bi­gem Glas färbt das Le­ben, den wei­ßen Glanz der Ewig­keit, bis es der Tod in Stü­cke tritt. „Der die­sen Zei­len im­ma­nen­te Sym­bo­lis­mus wird erst klar, wenn wir die Zei­len in ih­rem Zu­sam­men­hang se­hen. ,Das Ei­ne bleibt’, schreibt Shel­ley ei­ni­ge Ver­se zu­vor, ,die Vie­len ver­än­dern sich und ver­ge­hen.’ Was an die glei­cher­ma­ßen be­rühm­ten Zei­len von Keats er­in­nert:

Das Schö­ne ist wahr, wahr das Schö­ne – das ist al­les,

Was ihr auf Er­den wisst, al­les, was ihr zu wis­sen braucht.

Das Prin­zip al­so ist die Schön­heit, Schön­heit ist aber auch Wis­sen. Und es ist die­ses Kon­zept, das sei­ne Wur­zeln . . .“

Flie­ßend und sich sei­ner selbst si­cher fuhr Wal­ker fort zu re­den, und die Wor­te spru­del­ten aus dem sich rasch be­we­gen­den Mund, als ob . . . Sto­ner schreck­te auf, und die Hoff­nung, die sich ge­ra­de noch in ihm ge­regt hat­te, starb so ab­rupt, wie sie ge­bo­ren wor­den war. Ei­nen Mo­ment lang wur­de ihm fast kör­per­lich schlecht. Er blick­te auf den Tisch und ent­deck­te zwi­schen den Ar­men sein Ge­sicht, ge­spie­gelt im po­lier­ten Wal­nuss­holz.

(Fort­set­zung folgt)

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