„Kö­nig Le­ar“als Spek­ta­kel auf der Nar­ren­büh­ne

Neu­es Glo­be Thea­ter aus Pots­dam nimmt das Pu­bli­kum beim Neus­ser Sha­ke­speare-Fes­ti­val mit auf ei­ne Ka­rus­sell­fahrt.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - KULTUR IN NEUSS - VON NA­TA­SCHA PLANKERMANN

NEUSS Was liegt nä­her, als den „Kö­nig Le­ar“mit dem The­ma De­menz in Ver­bin­dung zu brin­gen? Ahn­te er, dass er bald nicht mehr klar bei Ver­stand sein wür­de, und gab des­halb sein Reich an sei­ne Töch­ter wei­ter? Die Trup­pe des „Neu­en Glo­be Thea­ter“aus Pots­dam legt die In­ter­pre­ta­ti­on na­he und zi­tiert in ei­nem ve­he­ment an­ge­prie­se­nen Pro­gramm­heft den Au­tor Arno Gei­ger, der die Be­geg­nun­gen mit sei­nem de­men­ten Va­ter auf­schrieb. Un­ter an­de­rem so: „Das Al­ter gibt nichts zu­rück, es ist ei­ne Rutsch­bahn, und ei­ne der grö­ße­ren Sor­gen, die ei­nem das Al­ter ma­chen kann, ist die, dass es gar zu lan­ge dau­ert.“

Der Fes­ti­val­gast im Neus­ser Glo­be hat­te eher das Ge­fühl, auf ei­ne lan­ge nicht en­den wol­len­de Ka­rus­sell­fahrt mit­ge­nom­men zu wer­den. Denn auf der Büh­ne ging es rund - ent­we­der man ließ sich mit­rei­ßen oder saß zu­neh­mend re­ser­viert da­bei. Die Schau­spie­ler lie­fer­ten sich ei­ne wil­de Jagd über und un­ter ei­ner Em­po­re oder drum­her­um. Da­hin­ter reih­ten sich Klei­der­stän­der auf, die ei­nen schnel­len Ko­s­tüm­wech­sel mög­lich mach­ten. Denn al­le, bis auf Kö­nig Le­ar (Andre­as Er­furth) wa­ren in zwei Rol­len zu se­hen. Die Män­ner lie­ßen nichts aus: Kö­nig Le­ar kra­kel­te wild fuch­telnd, bö­se in­tri­gier­ten die Töch­ter Go­ne­ril (Paul Ma­resch) und Re­gan (Se­bas­ti­an Bi­sch­off) im Gla­mour­dress, hin­ter­häl­tig ver­folg­te Ed­mund (Till Ar­tur Prie­be), Graf von Glos­ters un­ehe­li­cher Sohn, den Plan, statt des recht­mä­ßi­gen Soh­nes Ed­gar (Ro­bert Sei­ler) an die Macht zu kom­men. Um schließ­lich in ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Show­down, bei dem bis auf ihn al­le mas­sa­kriert da­la­gen, als ein­zi­ger üb­rig zu blei­ben.

Bis zu die­sem bit­te­ren En­de kom­men­tier­te der Narr (Ki­li­an Lött­ker) die Ak­tio­nen mit vul­gä­ren Ver­glei­chen. Kein Zu­fall, dass er, der auf teils dras­ti­sche Wei­se mit der Wahr­heit nicht hin­ter dem Berg hielt, in zwei­ter Rol­le als Le­ars red­li­che und doch ver­sto­ße­ne Toch­ter Cor­de­lia be­setzt war.

So weit, so shake­spearesk. Ein toll­dreis­tes Trei­ben auf der Nar­ren­büh­ne, sprach­lich an die Neu­zeit an­ge­passt, mit be­wun­derns­wert fi­xem Wan­del der Cha­rak­te­re in den Dop­pel­rol­len. Ei­ne Fa­cet­te mehr in­ner­halb der Viel­falt der Stü­cke im Fes­ti­val­pro­gramm.

Und doch ent­wi­ckel­te sich das Gan­ze nicht über ein Spek­ta­kel hin­aus. Es bleibt die Fra­ge: Was ha­ben wir ge­se­hen, ei­ne Tra­gö­die oder ei­ne Ko­mö­die? Le­ars Schei­tern be­rühr­te nicht wirk­lich - man nahm dem vi­ta­len, An­fang 50jäh­ri­gen den ver­wirr­ten Al­ten nicht ab. Auch wirk­te es, als ha­be sich die Schau­spiel­trup­pe vor­ge­nom­men, al­les nur Mög­li­che in ih­re Ins­ze­nie­rung hin­ein zu pa­cken: von halb ka­ba­ret­tis­ti­schen Ein­la­gen mit po­li­ti­schen Sei­ten­hie­ben über Dis­co­num­mern („It’s rai­ning men“, ge­sun­gen von Re­gan-Darstel­ler Se­bas­ti­an Bi­sch­off) bis hin zu Nackt­sze­nen und ei­ner ge­spiel­ten Ver­ge­wal­ti­gung. We­ni­ger wä­re mehr ge­we­sen und hät­te gut ge­tan, vi­el­leicht auch die Idee, sich mit­hil­fe von Sha­ke­speare mit De­menz und ih­ren Fol­gen aus­ein­an­der zu set­zen, ver­deut­licht.

FO­TO: G. WITTENBERG

Kö­nig Le­ar: Dem gut 50-jäh­ri­gen Darstel­ler nahm das Pu­bli­kum den ver­wirr­ten Al­ten nicht ab

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