Gän­se­haut-At­mo­sphä­re im Rad­sport­dorf

Rund 10.000 rest­los be­geis­ter­te Zu­schau­er be­rei­ten der Tour de Fran­ce in Bütt­gen ei­nen un­ver­gess­li­chen Emp­fang.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - GREVENBROICH & DORMAGEN - VON DIRK SITTERLE

BÜTT­GEN Hans-Pe­ter Durst be­nö­tig­te nur zwei Wor­te, um die Stim­mung im Rad­sport­dorf Bütt­gen auf den Punkt zu brin­gen: „ein­fach geil!“Dem Pa­ra­cy­cler, zwei­ma­li­ger Gold­me­dail­len­ge­win­ner bei den Pa­ralym­pics in Rio, war die Grö­ße des Au­gen­blicks eben­so be­wusst wie Kaarsts Bür­ger­meis­te­rin Ul­ri­ke Nie­haus: „Das ist ein denk­wür­di­ger und ein­zig­ar­ti­ger Tag. Denn, auch wenn es schmerzt, kei­ner von uns wird es er­le­ben, dass die Tour de Fran­ce noch mal durch Bütt­gen fährt.“

Al­so ga­ben die Sport­stadt Kaarst und das Rad­sport­dorf Bütt­gen Voll­gas – und zwar in je­der Be­zie­hung. Trotz al­len­falls se­mi­op­ti­ma­ler Wet­ter­be­din­gun­gen brach­te die nur rund 6200 Ein­woh­ner zäh­len­de Ort- schaft am Nie­der­rhein mit Un­ter­stüt­zung der Nach­barn Kaarst, Driesch, Holz­bütt­gen und Vorst gut 10.000 Men­schen auf die Bei­ne. Ei­ne be­ein­dru­cken­de Ku­lis­se, die Fried­helm Kirch­hartz, ge­mein­sam mit Franz-Jo­sef Kal­len, Udo Hem­pel Frank Ah­lert, Mar­kus Fo­then und Gün­ther Schu­ma­cher Mo­tor der Initia­ti­ve Tour-haut­nah in Bütt­gen, als Be­stä­ti­gung wer­te­te: „Die Leu­te dan­ken uns mit den Fü­ßen, das ist gran­di­os.“

Trotz Con­fed-Cup in Russ­land und U21-EM in Po­len – selbst Kö­nig Fuß­ball spiel­te ges­tern nur die zwei­te Gei­ge. Ber­ti Vogts, Welt­meis­ter 1974 und als Trai­ner 1996 Eu­ro­pa­meis­ter, be­gnüg­te sich in sei­nem Hei­mat­dorf mit der Rol­le des stil­len Be­ob­ach­ters. Die Büh­ne über­ließ er an­de­ren, et­wa Jo­op Zoe­te­melk. Der er­folg­reichs­te nie­der­län­di­sche Rad­renn­fah­rer ist ei­ne Tour-Le­gen­de: 1980 ge­wann der in­zwi­schen 70Jäh­ri­ge die Frank­reich-Rund­fahrt, sechs­mal be­leg­te er Platz zwei. Bei 16 Teil­nah­men er­reich­te er im­mer Fried­helm Kirch­hartz das Ziel in Pa­ris, trug an 22 Ta­gen das Gel­be Tri­kot des in der Ge­samt­wer­tung Füh­ren­den und ge­wann zehn Etap­pen. Da­bei hielt sich der Olym­pia­sie­ger von 1968, der 1985 mit 38 noch mal Stra­ßen­rad-Welt- meis­ter wur­de, stets an ei­ne ein­fa­che Re­gel: „ein gu­tes Früh­stück und viel trin­ken.“In Bütt­gen be­fand sich der ehe­ma­li­ge Welt­klas­se-Pe­dal­eur in bes­ter Ge­sell­schaft. Wohl sel­ten zu­vor dürf­ten an ei­nem Ort so vie­le Olym­pia­sie­ger so­wie ehe­ma­li­ge Welt- und Deut­sche Meis­ter zu­sam­men­ge­trof­fen sein.

Am Mi­kro­fon von Udo Hem­pel („Wow! Die Tour de Fran­ce fährt an mei­nem Haus vor­bei.“) tauch­ten Grö­ßen wie Jür­gen Co­lom­bo, Gün­ter Ha­ritz und Gün­ther Schu­ma­cher (hol­ten 1972 mit Hem­pel Olym­pia­Gold im Bahn­vie­rer), Jens Leh­mann (Olym­pia­sie­ger 1992 in Bar­ce­lo­na), Rolf Gölz (WM-Sieg 1983 mit dem Bahn­vie­rer) oder auch Edith Schö­nen­ber­ger (war in den 1980er Jah­ren die er­folg­reichs­te Rad­renn­fah­re­rin der Schweiz) auf. Dann je­doch über­nah­men Vor­jah­res­sie­ger Chris Froo­me & Co. Schon als die vier Aus­rei­ßer um 14.03 Uhr den bro­deln­den Rat­haus­platz er­reich­ten, herrsch­te Gän­se­haut-At­mo­sphä­re, end­gül­tig in Ver­zü­ckung ge­riet das Pu­bli­kum, als rund zwei Mi­nu­ten spä­ter das Haupt­feld mit dem spä­te­ren Etap­pen­sie­ger Mar­cel Kit­tel vor­bei­rausch­te. Dass der Re­gen kurz dar­auf an In­ten­si­tät zu­nahm, tat der Be­geis­te­rung kei­nen Ab­bruch. Ein Rad­sport­dorf fei­er­te sich und die Tour der Fran­ce.

Und wäh­rend die Fah­rer noch mehr als 400.000 Pe­dal­um­dre­hun­gen von Pa­ris tren­nen, blick­te Kal­len be­reits vor­aus. La­chend kün­dig­te er an: „Als nächs­te Groß­ver­an­stal­tung ho­len wir die Fuß­ball-WM nach Bütt­gen. Ka­tar 2022 steht ja auf der Kip­pe ..!“

„Die Leu­te in Bütt­gen dan­ken uns mit den Fü­ßen. Das ist ein­fach nur gran­di­os.“ Haupt­or­ga­ni­sa­tor

NGZ-FO­TOS (4): A. TINTER

Der Mo­ment, dem in Bütt­gen rund 10.000 Zu­schau­er ent­ge­gen­ge­fie­bert ha­ben: Die 197 Fah­rer der Tour de Fran­ce rol­len durch das Rad­sport­dorf.

Udo Hem­pel, Gün­ter Ha­ritz, Jür­gen Co­lom­bo, Gün­ther Schu­ma­cher (v.l.).

Jo­op Zoe­te­melk (70), Tour-de-Fran­ceSie­ger 1980, aus den Nie­der­lan­den.

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