Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Es war, be­griff Sto­ner, ein St­un­den­plan wie für ei­nen Jung­do­zen­ten, ei­gent­lich so­gar noch schlim­mer, da man die Se­mi­na­re so ge­legt hat­te, dass er sechs Ta­ge die Wo­che zu weit aus­ein­an­der­lie­gen­den Uhr­zei­ten un­ter­rich­ten muss­te. Trotz­dem pro­tes­tier­te er nicht, und er be­schloss, im fol­gen­den Jahr zu un­ter­rich­ten, als ob al­les in Ord­nung wä­re.

Zum ers­ten Mal, seit er Do­zent ge­wor­den war, schien es ihm mög­lich, die Uni­ver­si­tät zu ver­las­sen und wo­an­ders zu leh­ren. Er sprach mit Edith über die­se Mög­lich­keit, doch sie sah ihn an, als hät­te er sie ge­schla­gen.

„Das könn­te ich nicht“, sag­te sie, „nein, das könn­te ich nicht.“Und dann, als ihr be­wusst wur­de, dass sie Angst ge­zeigt und sich so­mit ver­ra­ten hat­te, wur­de sie är­ger­lich. „Was denkst du dir nur?“, frag­te sie. „Un­ser Haus – un­ser hüb­sches Heim. Un­se­re Freun­de. Und Gra­ce’ Schu­le. Für ein Kind ist es gar nicht gut, wenn es von ei­ner Schu­le zur nächs­ten ge­schleppt wird.“

„Es wird sich viel­leicht nicht ver­mei­den las­sen“, sag­te er. Von dem Vor­fall mit Charles Wal­ker hat­te er ihr nichts er­zählt, auch nichts da­von, wie Lo­max in die Sa­che ver­wi­ckelt war, doch wur­de ihm rasch klar, dass sie al­les dar­über wuss­te.

„Rück­sichts­los“, sag­te sie. „Voll­kom­men rück­sichts­los.“Doch wirk­te ihr Är­ger selt­sam dis­tan­ziert, bei­na­he schal, und trä­ge wan­der­te der Blick ih­rer blass­blau­en Au­gen von ihm zu ir­gend­wel­chen Ge­gen­stän­den im Wohn­zim­mer, als woll­te sie sich ih­rer fort­wäh­ren­den An­we­sen­heit ver­si­chern, wäh­rend sich die schlan­ken, leicht som­mer­spros­si­gen Fin­ger ru­he­los reg­ten. „Ach, ich weiß über dei­nen Är­ger Be­scheid. Bis­her ha­be ich mich ja nie in dei­ne An­ge­le­gen­hei­ten ein­ge­mischt, aber – al­so wirk­lich, du bist ganz schön stur­köp­fig. Ich mei­ne, Gra­ce und ich sind doch auch noch in die­se Sa- che ver­wi­ckelt. Du kannst schließ­lich nicht er­war­ten, dass wir un­se­re Sie­ben­sa­chen pa­cken und um­zie­hen, bloß weil du dich in ei­ne un­an­ge­neh­me La­ge ge­bracht hast.“

„Aber ich den­ke da­bei doch ge­ra­de an dich und Gra­ce, teil­wei­se zu­min­dest. Es könn­te näm­lich durch­aus sein, dass ich . . . dass ich es in die­sem Fach­be­reich nicht viel wei­ter brin­ge, wenn ich blei­be.“

„Ach“, er­wi­der­te Edith kühl und leg­te Ver­bit­te­rung in ih­re Stim­me. „Das ist nicht wich­tig. Wir wa­ren bis­lang arm, al­so be­steht kein Grund, dass wir nicht wei­ter so le­ben könn­ten. Du hät­test vor­her dran den­ken sol­len, wo­hin so et­was füh­ren kann. Ein Krüp­pel!“Plötz­lich än­der­te sich der Ton ih­rer Stim­me, und sie lach­te nach­sich­tig, bei­na­he lie­be­voll. „Al­so ehr­lich, das ist für dich al­les so schreck­lich wich­tig. Was soll das denn?“

Co­lum­bia zu ver­las­sen kam für sie nicht in Be­tracht. Soll­te es so weit kom­men, sag­te sie, könn­te sie mit Gra­ce im­mer noch zu Tan­te Em­ma zie­hen, die in letz­ter Zeit sehr schwach ge­wor­den war und ih­re Ge­sell­schaft si­cher be­grü­ßen wür­de.

Al­so ließ er die Mög­lich­keit bei­na­he im sel­ben Mo­ment wie­der fal­len, in dem er sie auf­ge­bracht hat­te. Er wür­de den Som­mer über un­ter­rich­ten, au­ßer­dem in­ter­es­sier­ten ihn zwei sei­ner Se­mi­na­re ganz be­son­ders; sie wa­ren an­be­raumt wor­den, ehe Lo­max Fach­be­reichs­lei­ter ge­wor­den war. Sto­ner be­schloss, ih­nen sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit zu wid­men, zu­mal er wuss­te, dass es be­stimmt ei­ne Wei­le dau­ern wer­de, ehe er sie wie­der un­ter­rich­ten konn­te.

Ei­ni­ge Wo­chen nach Be­ginn des Herbst­se­mes­ters 1932 wur­de Wil­li­am Sto­ner klar, dass es ihm nicht ge­lun­gen war, Charles Wal­ker vom Dok­to­ran­den­stu­di­um ab­zu­hal­ten. (Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.