Hei­ter bis wol­kig

Das Köl­ner Wall­raf-Rich­artz-Mu­se­um prä­sen­tiert 20 Wet­ter­bil­der aus dem Gol­de­nen Zeit­al­ter des hol­län­di­schen Ba­rock.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - BLICKPUNKT KULTUR - VON ALEX­AN­DRA WACH

KÖLN Hol­län­di­sche Ma­ler hat­ten ein Fai­b­le für den Him­mel. Da­bei er­wie­sen sie sich als so ge­naue Be­ob­ach­ter, dass man von ih­ren Wer­ken noch heu­te das da­ma­li­ge Wet­ter ab­le­sen kann. Manch­mal al­ler­dings ha­ben sie ganz be­wusst ein we­nig ge­schum­melt.

Ein Sturm sieht an­ders aus. Hoch am dunk­len Him­mel braut sich zwar et­was zu­sam­men. Aber der Mond igno­riert das Ge­sche­hen und hält, tief über dem Was­ser hän­gend, Stel­lung. Sein Licht durch­dringt die Wol­ken, trifft auf die ru­hi­ge Was­ser­ober­flä­che. Der Schaum der sanf­ten

„Ge­wit­ter über Dor­drecht“ist das ein­zi­ge Bild, das nicht aus der haus­ei­ge­nen Samm­lung stammt

Wel­len glänzt ma­gisch und hält die Män­ner am Steg da­von ab, nach Hau­se zu ge­hen. Gleich ne­ben der wie ein Leucht­turm in die Fer­ne wei­sen­den Müh­le tau­schen zwei von ih­nen sich aus. Sind sie ge­ra­de im Dor­drech­ter Ha­fen an­ge­kom­men? Oder geht ih­re Rei­se gleich wei­ter? Auf ei­nem der im Mond­licht er­strah­len­den Se­gel­schif­fe harrt ein Ma­tro­se aus und starrt auf das Na­tur­schau­spiel vor ihm. Ähn­lich wie der drit­te Hut­trä­ger am Steg, der sehn­süch­tig zum Ho­ri­zont schaut.

Ent­stan­den ist die at­mo­sphä­ri­sche Sze­ne­rie nicht et­wa in der Ro­man­tik ei­nes Cas­par Da­vid Fried­rich, son­dern mit­ten im nie­der­län­di­schen Ba­rock um 1645. Das Ge­mäl­de geht auf das Kon­to von Ael­bert Cuyp, ei­nem der un­zäh­li­gen Ma­ler, die den Him­mel nicht mehr zur rei­nen Ku­lis­se de­gra­die­ren woll­ten. Was sie mit ih­rer Neu­ori­en­tie­rung be­zweck­ten, zeigt jetzt das Wall­raf-Rich­artz-Mu­se­um in der Aus­stel­lung „Hei­ter bis wol­kig – Na­tur­schau­spie­le in der nie­der­län­di­schen Ma­le­rei“.

Ael­bert Cuyp ist un­ter den 20 Bei­spie­len gleich mehr­fach ver­tre­ten. Be­tör­te sei­ne Ha­fen­idyl­le noch mit der un­wirk­li­chen Stim­mung ei­ner Abend­däm­me­rung, wid­met sich das zwei­te von drei Ge­mäl­den ei­nem hand­fes­ten Ge­wit­ter. Wie­der kämpft das Licht in der dro­hen­den Fins­ter­nis ums Über­le­ben. Der Him­mel füllt zwei Drit­tel des Bil­des mit ei­nem gol­den schim­mern­den Blitz­schlag aus, der hin­ter zwei Müh­len run­ter­geht. Die Kü­he im ef­fekt­voll aus­ge­leuch­te­ten Vor­der­grund lässt das Spek­ta­kel lei­den­schafts­los. Mü­de von den hei­ßen Som­mer­ta­gen blei­ben sie lie­gen und schau­en zu, wie das Ge­tö­se an ih­nen vor­über­zieht. Die Be­woh­ner der Stadt mit der im­po­san­ten Kir­che hin­ter ih­nen neh­men den un­ge­bän­dig­ten Ein­bruch der Na­tur­kräf­te wahr­schein­lich we­ni­ger ge­las­sen hin. Sie wis­sen aus Er­fah­rung, wie schnell die elek­tri­schen Ent­la­dun­gen ein Feu­er ver­ur­sa­chen kön­nen. Viel­leicht holt des­halb nie­mand das Vieh von der Wei­de heim.

„Ge­wit­ter über Dor­drecht“ist das ein­zi­ge Bild, das nicht aus der haus­ei­ge­nen Samm­lung stammt. Nein, im be­schei­de­nen Hin­ter­grund blei­ben me­teo­ro­lo­gi­sche Phä­no­me­ne hier nicht mehr. Das Wet­ter ist kein schmü­cken­des Bei­werk, son­dern Ak­teur und zu­gleich auch das ent­schei­den­de Tor zu ei­nem nar­ra­tiv auf­ge­la­de­nen Büh­nen­dra­ma, wie et­wa auch auf Jan Theu­nisz Blanck­er­hoffs Bei­trag „Be­weg­te See vor der Küs­te“, der sich dann doch an ei­nem Sturm er­götzt. Der Wind zwingt die Se­gel ei­nes Schiffs bei­na­he in die Knie. Be­vor es so weit ist, su­chen die See­leu­te mit ih­rer La­dung hek­tisch das Wei­te. Ei­gent­lich ei­ne All­tags­sze­ne, die mit­ten hin­ein führt in ei­ne film­rei­fe Es­ka­la­ti­on.

Der „Strand mit Fisch­händ­lern“, den Si­mon de Vlie­ger ins Vi­sier nimmt, lässt die Ge­mü­ter wie­der zur Ru­he kom­men. Er ent­führt in ei­ne ty­pisch nie­der­län­di­sche Land­schaft mit reich­lich Sand und wei­ten Dü­nen­hü­geln. Ist ein Ort wie die­ser heu­te vor al­lem von Son­nen­an­be­tern im Ur­laubs­mo­dus be­la­gert, dient er de Vlie­ger noch als Treff­punkt für pro­fa­nen Tausch­han­del. Die Nach­fra­ge nach fri­schem Fisch ist groß, trotz der be­droh­li­chen Wol­ken­for­ma­tio­nen, die sich über der Men­ge mit den Kör­ben und Pfer­de­kar­ren aus­brei­ten.

Nicht we­ni­ger groß war da­mals auch die Nach­fra­ge des auf­blü­hen­den Bür­ger­tums nach Land­schafts­bil­dern. Es herrsch­te ein re­gel­rech­ter Boom, der un­ter den kon­kur­rie- ren­den Ma­lern des Gol­de­nen Zeit­al­ters den Ehr­geiz an­sta­chel­te. Men­schen­lee­re Stadt­pan­ora­men in­mit­ten von Fel­dern und Wäl­dern stie­gen im 17. Jahr­hun­dert zum bild­wür­di­gen Su­jet für Hei­mat­lie­ben­de auf. Und weil es ir­gend­wann so vie­le von ih­nen gab, konn­te et­was Wet­ter­wir­bel nicht scha­den.

Bei dem noch im 16. Jahr­hun­dert ge­bo­re­nen Mar­ten Ri­jcka­ert aus Ant­wer­pen ist es ei­ne my­tho­lo­gi­sche Fähr­te, die für Ner­ven­kit­zel sor­gen soll. Der vom Son­nen­rad ins Meer stür­zen­de Ika­rus rast in den Tod, wäh­rend sich un­ter ihm ei­ne Land­schaft auf­tut und Bau­ern sei­nen Nie­der­gang mit of­fe­nen Mün­dern be­stau­nen. Solch un­rea­lis­ti­sche Dra­ma­tur­gie wur­de ein Jahr­hun­dert spä­ter be­lä­chelt, bo­ten doch Ma­ler wie Dirck Sto­op längst fo­to­gra­fisch ge­naue Aus­flü­ge in den Sü­den an. Die „klei­ne Eis­zeit“geiz­te nicht mit klir­ren­den Tem­pe­ra­tu­ren. Der Sü­den war Ver­hei­ßung auf ein biss­chen Wär­me. Sto­ops „Mit­tel­meer­ha­fen“ver­setzt den Be­trach­ter ins quir­li­ge Ge­sche­hen. Ein Hund springt aus dem rech­ten Bild­rand, ein Rei­ter­paar be­gut­ach­tet ne­ben ihm die Ar­chi­tek­tur der Ha­fen­fes­tung. Auf den Schif­fen we­hen Flag­gen aus al­ler Her­ren Län­der, wes­we­gen dun­kel­häu­ti­ge Ge­stal­ten mit Tur­ban nicht wei­ter auf­fal­len. No­ble Kut­schen war­ten auf die An­kunft von neu­en Wa­ren. Oder bre­chen die fei­nen Leu­te viel­leicht zu ei­nem Trip in die Fer­ne auf?

Oh­ne Wol­ken kommt auch die­ses Büh­nen­stück nicht aus. Sie sind wohl­ge­nährt, be­we­gungs­freu­dig und be­reit zum stil­len Rück­zug. Je­den Mo­ment kann die Son­ne die Ober­hand ge­win­nen und die Him­mels­kon­tras­te hin­ter sich las­sen. Der Weg ist dann frei in ei­ne nüch­tern be­trach­te­te, auf­re­gend frem­de Welt.

FO­TO: WALL­RAF-RICHARTZMUSEUM UND FONDATION CORBOUD

An die­sen ba­ro­cken Bil­dern lesen Me­teo­ro­lo­gen Groß­wet­ter­la­gen von da­mals ab: Hier ei­ne nicht nä­her be­nann­te „Küs­ten­land­schaft“von Paul Bril aus dem Jahr 1596.

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