Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Edith hat­te den Ta­ges­ab­lauf ih­rer Toch­ter ge­nau ein­ge­teilt; ,Frei­zeit’ gab es höchs­tens am Abend, doch muss­te Sto­ner vier­mal in der Wo­che abends un­ter­rich­ten. Wenn die Se­mi­na­re vor­bei wa­ren, lag Gra­ce meist schon im Bett.

Al­so sah er sie wei­ter­hin nur kurz am Mor­gen zum Früh­stück, und mit ihr al­lein war er bloß in je­nen we­ni­gen Mi­nu­ten, die Edith brauch­te, um das Ge­schirr ab­zu­räu­men und zum Ein­wei­chen ins Spül­be­cken zu stel­len. Er sah, wie sie her­an­wuchs, wie ih­re Glie­der sich mit un­be­hol­fe­ner An­mut zu be­we­gen lern­ten und Ver­nunft sich in ih­rem ru­hi­gen Blick und auf­merk­sa­men Ge­sicht zu zei­gen be­gann. Manch­mal spür­te er auch, dass es zwi­schen ih­nen noch ei­ne Nä­he gab, ei­ne Nä­he, die sie bei­de nicht zu­zu­ge­ben wag­ten. Schließ­lich ver­fiel er wie­der sei­ner Ge­wohn­heit, die meis­te Zeit in sei­nem Bü­ro in Jes­se Hall zu ver­brin­gen. Er re­de­te sich ein, er soll­te dank­bar für die Ge­le­gen­heit sein, end­lich nach ei­ge­nem Gut­dün­ken le­sen zu kön­nen, frei von dem Druck, Se­mi­na­re vor­zu­be­rei­ten, frei von al­len Vor­schrif­ten, die sei­ne Lek­tü­re be­stimm­ten. Er ver­such­te, un­ge­zielt zu le­sen, nach Lust und Lau­ne, ver­such­te, sich in Bü­cher zu ver­tie­fen, die er sich schon seit Jah­ren vor­neh­men woll­te, doch ließ sich sein Ver­stand nicht dort­hin len­ken, wo­hin er ihn füh­ren woll­te. Die Ge­dan­ken schweif­ten von den Buch­sei­ten ab, und im­mer häu­fi­ger er­tapp­te er sich da­bei, wie er dumpf vor sich hin ins Nichts stier­te; es war, als wür­de sein Kopf nach und nach von al­lem Wis­sen ge­leert und sein Wil­le al­ler Kraft be­raubt. Manch­mal fürch­te­te er, nur noch vor sich hin zu ve­ge­tie­ren, und er sehn­te sich nach et­was, das ihn durch­bohr­te, sei es auch Schmerz, da­mit er sich end­lich wie­der le­ben­dig fühl­te. Er hat­te je­ne Pha­se in sei­nem Le­ben er­reicht, in der sich ihm mit wach­sen­der Dring­lich­keit ei­ne Fra­ge von solch über­wäl­ti­gen­der Ein­fach­heit stell­te, dass er nicht wuss­te, wie er dar­auf re­agie­ren soll­te. Er be­gann sich näm­lich zu fra­gen, ob sein Le­ben le­bens­wert sei, ob es das je ge­we­sen war. Al­le Men­schen, ver­mu­te­te er, stell­ten sich zu dem ein oder an­de­ren Zeit­punkt ge­wiss die­se Fra­ge, doch hät­te er gern ge­wusst, ob sie sich ih­nen mit solch un­per­sön­li­cher Wucht auf­dräng­te wie ihm. Die Fra­ge ging mit ei­ner Trau­er ein­her, ei­ner un­be­stimm­ten Trau­er, die (so nahm er an) nur we­nig mit ihm selbst oder sei­nem be­son­de­ren Los zu tun hat­te; ja, er war sich nicht ein­mal si­cher, ob sie sich ihm aus dem un­mit­tel­bar ge­ge­be­nen, of­fen­sicht­li­chen An­lass stell­te, al­so den kürz­li­chen Ve­rän­de­run­gen in sei­nem ei­ge­nen Le­ben. Sie rühr­te, glaub­te er, eher aus der An­häu­fung sei­ner Jah­re her, aus der Ver­dich­tung von Zu­fall und Um­stand so­wie aus dem, was er dar­un­ter zu ver­ste­hen ge­lernt hat­te. Er fand ein eben­so grim­mi­ges wie iro­ni­sches Ver­gnü­gen an der Mög­lich­keit, ihn ha­be je­nes biss­chen Bil­dung, das er sich er­wor­ben ha­ben moch­te, zu fol­gen­der Ein­sicht ge­führt: Letz­ten En­des war al­les, selbst das Stu­di­um, das ihm die­ses Wis­sen er­mög­lich­te, sinn­los und ver­geb­lich und ge­rann zu ei­nem un­ab­än­der­li­chen Nichts. Ein­mal kehr­te er nach ei­nem sei­ner Abend­se­mi­na­re ins Bü­ro zu­rück und setz­te sich an den Tisch, um zu le­sen. Es war Win­ter, und tags­über hat­te es ge­schneit; wei­ches Weiß deck­te die Welt dort drau­ßen zu. Das Bü­ro war über­heizt; er öff­ne­te das Fens­ter, da­mit küh­le Luft in den ge­schlos­se­nen Raum drin­gen konn­te. Tief at­me­te er ein und ließ den Blick über den wei­ßen Cam­pus schwei­fen, dann knips­te er spon­tan die Schreib­tisch­lam­pe aus und saß im war­men Dun­kel sei­nes Bü­ros; kal­te Luft füll­te sei­ne Lun­gen. Er beug­te sich zum of­fe­nen Fens­ter vor, hör­te die Stil­le der Win­ter­nacht, und ihm war, als könn­te er ir­gend­wie die Ge­räu­sche spü­ren, die von der zar­ten, kom­ple­xen Zell­struk­tur des Schnees auf­ge­so­gen wur­den. Nichts reg­te sich auf dem Weiß; ihm bot sich der An­blick ei­ner leb­lo­sen Sze­ne­rie, die an ihm zu zer­ren, an sei­nem Be­wusst­sein zu sau­gen schien, so wie sie die Ge­räu­sche aus der Luft sog und im kal­ten, wei­chen Weiß ver­grub. Er fühl­te sich nach drau­ßen in die­ses Weiß ge­zo­gen, das sich aus­dehn­te, so­weit er se­hen konn­te, und das Teil der Dun­kel­heit war, aus der her­aus es schim­mer­te, Teil ei­nes kla­ren, wol­ken­lo­sen Him­mels oh­ne Hö­he oder Tie­fe. Ei­nen Mo­ment lang spür­te er, wie er den ei­ge­nen, reg­los vor dem Fens­ter sit­zen­den Kör­per ver­ließ; und als er sich da­von­glei­ten fühl­te, kam ihm al­les – das fla­che Weiß, die Bäu­me, die ho­hen Säu­len, die Nacht, die fer­nen Ster­ne – un­fass­bar win­zig vor und weit fort, so als schrumpf­ten sie zu nichts zu­sam­men. Dann schep­per­te hin­ter ihm ein Heiz­kör­per. Sto­ner be­weg­te sich; die Welt fand wie­der zu sich selbst. Mit selt­sam wi­der­stre­ben­der Er­leich­te­rung knips­te er die Schreib­tisch­lam­pe er­neut an, griff sich ein Buch und ei­ni­ge Pa­pie­re, ver­ließ das Bü­ro, ging über die dunk­len Flu­re und ver­ließ Jes­se Hall durch die brei­te Dop­pel­tür auf der Rück­sei­te. Lang­sam mach­te er sich auf den Heim­weg und spür­te bei je­dem Schritt, wie sei­ne Fü­ße mit ge­dämpf­tem Laut über tro­cke­nen Schnee knirsch­ten. Vor al­lem wäh­rend der Win­ter­mo­na­te über­rasch­te er sich in je­nem Jahr im­mer häu­fi­ger da­bei, wie er in solch un­wirk­li­che Zu­stän­de ver­fiel und da­bei den ei­ge­nen Kör­per wil­lent­lich ver­las­sen zu kön­nen schien. Er sah sich zu, als wä­re er ein selt­sam ver­trau­ter Frem­der, der je­ne ei­gen­ar­tig ver­trau­ten Din­ge tat, die er zu tun hat­te. Ei­ne sol­che Auf­spal­tung hat­te er nie zu­vor ge­spürt; und er wuss­te, er soll­te sich Sor­gen ma­chen, doch war er wie be­täubt und konn­te sich nicht da­zu durch­rin­gen, es be­deut­sam zu fin­den. Er war zwei­und­vier­zig Jah­re alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freu­en wünsch­te, und hin­ter sich nur we­nig, woran er sich gern er­in­ner­te. In sei­nem drei­und­vier­zigs­ten Le­bens­jahr war Wil­li­am Sto­ner so ha­ger wie in sei­ner Ju­gend, als er zum ers­ten Mal wie ge­blen­det vor Ehr­furcht über ei­nen Cam­pus ge­gan­gen war, der die­se Wir­kung auf ihn nie ganz ver­lie­ren soll­te. Jahr um Jahr ging er stär­ker vorn­über­ge­beugt, und er hat­te ge­lernt, sich so lang­sam zu be­we­gen, dass die bäu­er­li­che Schwer­fäl­lig­keit von Hand und Fuß ab­sichts­voll und nicht wie an­ge­bo­re­ne Un­be­hol­fen­heit wirk­te. Sein lan­ges Ge­sicht war mit der Zeit sanf­ter ge­wor­den, und auch wenn die Haut noch wie ge­gerb­tes Le­der aus­sah, spann­te sie sich doch nicht mehr straff über scharf vor­sprin­gen­de Wan­gen­kno­chen, son­dern wur­de von dün­nen Fal­ten um Au­gen und Mund auf­ge­lo­ckert. Die grau­en Au­gen, klar und scharf wie eh und je, wa­ren tie­fer ein­ge­sun­ken, ih­re miss­traui­sche Wach­sam­keit halb ver­bor­gen, und das Haar, einst hell­braun, war dunk­ler ge­wor­den, auch wenn sich an den Schlä­fen ers­te graue Spu­ren zeig­ten.

(Fort­set­zung folgt)

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