Mil­li­ar­den­streit um Kraft­werks-Ka­ta­stro­phe

Ge­richt soll klä­ren: Was war die Ur­sa­che und wer trägt die Ver­ant­wor­tung für das BoA-Un­glück 2007?

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - GREVENBROICH - VON KURT LEHM­KUHL

GRE­VEN­BROICH Die Ka­ta­stro­phe vom 25. Ok­to­ber 2007, bei der drei Men­schen ums Le­ben ka­men, als ein Ge­rüst am Neu­bau des BoAKraft­werks Neu­rath von RWE in die Tie­fe stürz­te, be­schäf­tigt knapp zehn Jah­re spä­ter noch die Jus­tiz. Was war die Ur­sa­che? Wer trägt die Ver­ant­wor­tung? Wer kommt für Schä­den und Ver­lus­te auf?

Es gibt vie­le Fra­gen, aber kei­ne end­gül­ti­gen Ant­wor­ten. Auf der Su­che da­nach ist das Land­ge­richt Mön­chen­glad­bach, bei dem vor der 112. Zi­vil­kam­mer ein Zi­vil­pro­zess ver­han­delt wird, in dem sich die ehe­ma­li­gen Ver­trags­part­ner RWE als Bau­herr und ein Kon­sor­ti­um aus Hit­a­chi Power Eu­ro­pe Gm­bH, Hit­a­chi Ltm. Ja­pan und Al­st­om Power Sys­tems Gm­bH als Er­rich­ter des Baus als strei­ten­de Par­tei­en ge­gen­über­ste­hen. RWE ver­langt et­wa 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro, größ­ten­teils Scha­dens­er­satz für ver­meint­lich be­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zun­gen beim Bau der An­la­ge. Das Kon­sor­ti­um hin­ge­gen for­dert rund 290 Mil­lio­nen Eu­ro, die ihm als Ver­gü­tungs­an­sprü­che zu­ste­hen wür­den.

Straf­recht­lich ist das töd­li­che Er­eig­nis längst ab­ge­hakt. Die Staats­an­walt­schaft hat­te das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung be­reits im De­zem­ber 2008 ein­ge­stellt, da kei­nem der am Bau Be­tei­lig­ten ei­ne in­di­vi­du­el­le Schuld zu­zu­wei­sen war. Ba­sis für die­se straf­recht­li­che Wür­di­gung war ein Gut­ach­ten ge­we­sen, das der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor für Stahl­bau an der Uni­ver­si­tät Es­sen, Her­bert Schuldt, im Auf­trag der Staats­an­walt­schaft er­stellt hat­te.

Ge­nau die­ses Gut­ach­ten be­kommt nun ei­ne wei­te­re Be­deu­tung. Bei ei­nem Be­weis­ter­min wur­de es ges­tern in das zi­vil­recht­li­che Ver­fah­ren ein­ge­bracht. Ob es tat­säch­lich zur Auf­klä­rung des strei­ti­gen Sach­ver­hal­tes bei­trägt oder ob es da­zu bei­trägt, die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu ei­ner Ei­ni­gung zu ver­an­las­sen, wird sich im wei­te­ren Ver­lauf des Pro­zes­ses zei­gen. Der in­zwi­schen 80 Jah­re al­te Gut­ach­ter er­läu­ter­te ges­tern aus­führ­lich sei­ne da­ma­li­ge Un­ter­su­chungs­ar­beit, wo­bei er be­ton­te, dass zwei an­de­re Gut­ach­ter der RWTH Aa­chen und der Uni Darm­stadt par­al­lel da­zu Gut­ach­ten er­stel­len soll­ten, schluss­end­lich aber zu sei­nem Er­geb­nis ge­kom­men sei­en.

Und die­ses Er­geb­nis, das die Staats­an­walt­schaft über­zeug­te, lau­te­te, dass das Un­fall­ge­sche­hen bei der üb­li­chen Sorg­falt und Vor­her­seh­bar­keit bei ei­nem ge­wis­sen­haf­ten Men­schen nicht er­kenn­bar ge­we­sen sei.

In­wie­weit die­ses Er­geb­nis auf den Zi­vil­pro­zess über­trag­bar ist, muss das Ge­richt un­ter dem Vor­sitz von Al­mut Ou­di­jk klä­ren. „Es geht hier nicht um die Beur­tei­lung ei­nes straf­ba­ren Ver­hal­tens“, be­ton­te JanPhil­ipp Schrei­ber, Pres­se­spre­cher des Land­ge­richts, am Ran­de der Sit­zung. Viel­mehr ge­he es um Ur­sa­chen und Fol­gen für ein Ge­sche­hen, das der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung für den Bau zu­wi­der­läuft.

Die Ur­sa­che für den Zu­sam­men­sturz hat­te Her­bert Schuldt, da­mals noch im Zu­sam­men­wir­ken mit sei­nem in­zwi­schen ver­stor­be­nen Kol­le­gen, nach müh­sa­men Re­cher­chen her­aus­fin­den kön­nen. Es gab an ei­nem Teil des Ge­rüsts vier Kno­ten- ver­bin­dun­gen, die sich ver­formt hat­ten und das ton­nen­schwe­re Ge­rüst nicht hal­ten konn­ten.

Ei­ne phy­si­ka­li­sche Ur­sa­che ste­he zwei­fels­frei fest. Doch auf wel­cher tech­ni­schen Ur­sa­che sie be­ruht, ist die nächs­te Fra­ge: Liegt ein Pla­nungs-, ein Aus­füh­rungs- oder ein Kon­struk­ti­ons­feh­ler vor? Schluss­end­lich hät­ten bei den „kom­pak­ten Kno­ten“, die ein an­er­kann­tes, klas­si­sches Kon­struk­ti­ons­prin­zip dar­stel­len, zwei De­fi­zi­te be­stan­den, die zum Feh­ler führ­ten. Doch sei­en die­se Feh­ler zum Zeit­punkt des Baus nicht er­kenn­bar ge­we­sen.

Mit dem tech­ni­schen Wis­sen von heu­te mag die Ka­ta­stro­phe viel­leicht zu ver­mei­den ge­we­sen sein, ob man mit dem Wis­sen­stand von 2007 die Feh­ler hät­te er­ken­nen kön­nen, ist die Fra­ge, die das Ge­richt un­ter an­de­rem zu be­ur­tei­len hat.

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