Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Das tau­be Ge­fühl ließ nach; und er spür­te ei­nen hef­ti­gen Schmerz in der Brust, wäh­rend zu­gleich al­le Ent­schlos­sen­heit und Wil­lens­kraft schwand. Mit ruck­ar­ti­gen Be­we­gun­gen trat er an sein Re­gal, wähl­te ein Buch aus und ging nach drau­ßen. Als er vor Ka­the­ri­ne Dris­colls Woh­nung stand, war er so au­ßer Atem, dass er meh­re­re Au­gen­bli­cke vor ih­rer Tür in­ne­hal­ten muss­te. Schließ­lich setz­te er ein Lä­cheln auf, von dem er hoff­te, es wir­ke un­be­sorgt, und klopf­te an die Tür.

Sie sah noch blas­ser als ge­wöhn­lich aus, und um ih­re Au­gen zeig­ten sich dunk­le Schat­ten; sie trug ei­nen schlich­ten dun­kel­blau­en Mor­gen­man­tel und hat­te das Haar aus dem Ge­sicht und straff nach hin­ten ge­kämmt.

Sto­ner wuss­te, wie ner­vös und dumm er klin­gen muss­te, konn­te die Wor­te aber nicht zu­rück­hal­ten, die ihm über die Lip­pen spru­del­ten. „Hal­lo“, grüß­te er auf­ge­kratzt, „ich ha­be ge­hört, dass Sie krank sind, und da dach­te ich, ich schaue vor­bei und er­kun­di­ge mich, wie es Ih­nen geht. Au­ßer­dem ha­be ich ein Buch mit­ge­bracht, das Ih­nen nütz­lich sein könn­te. Aber wie füh­len Sie sich? Ich möch­te kei­ne . . .“Er hör­te die Wor­te aus sei­nem stei­fen Lä­cheln pur­zeln und konn­te sei­ne Bli­cke nicht dar­an hin­dern, su­chend über ihr Ge­sicht zu wan­dern.

Als er schließ­lich ver­stumm­te, trat sie von der Tür zu­rück und sag­te lei­se: „Kom­men Sie her­ein.“

Kaum wa­ren sie in ih­rem Wohn­schlaf­zim­mer, leg­te sich sei­ne ner­vö­se Al­bern­heit, und er setz­te sich in den Ses­sel vor ih­rem Bett, wäh­rend er spür­te, wie ihn ei­ne ver­trau­te Ent­spannt­heit über­kam, so­bald Ka­the­ri­ne Dris­coll ihm ge­gen­über Platz nahm. Meh­re­re Au­gen­bli­cke lang sag­ten sie bei­de kein Wort.

Schließ­lich frag­te sie: „Möch­ten Sie ei­nen Kaf­fee?“

„Bit­te ma­chen Sie sich kei­ne Um- stän­de“, sag­te Sto­ner.

„Nein, ist schon in Ord­nung.“Ih­re Stim­me klang brüsk, und es schwang da­rin ein Un­ter­ton von Är­ger mit, wie er ihn schon vor­her ge­hört hat­te. „Ich wär­me ihn nur auf.“

Sie ging in die Kü­che. Wäh­rend Sto­ner al­lein in dem klei­nen Zim­mer saß, starr­te er be­drückt auf den Couch­tisch und sag­te sich, er hät­te nicht kom­men sol­len, um sich dann über die Dumm­heit der Men­schen zu wun­dern, die sie ver­an­lass­te, die merk­wür­digs­ten Din­ge zu tun.

Ka­the­ri­ne Dris­coll kam mit der Kaf­fee­kan­ne und zwei Tas­sen zu­rück, schenk­te ein, und ge­mein­sam sa­ßen sie da, um dem von der schwar­zen Flüs­sig­keit auf­stei­gen­den Dampf zu­zu­se­hen. Sie nahm sich ei­ne Zi­ga­ret­te aus ei­ner zer­knit­ter­ten Pa­ckung, zün­de­te sie an und paff­te ei­nen Mo­ment lang ner­vös. Sto­ner er­in­ner­te sich an das Buch, das er mit­ge­nom­men hat­te und im­mer noch in der Hand hielt. Er leg­te es auf den Couch­tisch.

„Viel­leicht ist Ih­nen jetzt nicht da­nach“, sag­te er, „aber ich ha­be da et­was ent­deckt, was Sie mög­li­cher­wei­se hilf­reich fin­den, und da dach­te ich . . .“

„Fast zwei Wo­chen ha­be ich Sie nicht ge­se­hen“, sag­te sie und drück­te ih­re Zi­ga­ret­te aus, ramm­te sie re­gel­recht in den Aschen­be­cher.

Er war be­stürzt und er­wi­der­te zer­streut: „Ich hat­te zu tun – so viel zu tun . . .“

„Ist ja auch egal“, sag­te sie, „wirk­lich, ich hät­te nicht . . .“Sie rieb sich mit der Hand über die Stirn.

Be­sorgt sah er sie an und fürch­te­te, sie kön­ne Fie­ber ha­ben. „Es tut mir leid, dass Sie krank sind. Und falls ich ir­gend­et­was . . .“

„Ich bin nicht krank“, sag­te sie, um dann in ei­nem ru­hi­gen, nach­denk­li­chen, fast des­in­ter­es­sier­ten Ton hin­zu­zu­set­zen: „Ich bin nur zu­tiefst un­glück­lich.“ (Fort­set­zung folgt)

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