Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Er ver­stand noch im­mer nicht. Die nack­te, har­sche Äu­ße­rung durch­fuhr ihn wie ei­ne Mes­ser­klin­ge, wes­halb er sich ein we­nig von ihr ab­wand­te, ehe er ver­wirrt her­vor­brach­te: „Das tut mir leid. Wol­len Sie mir da­von er­zäh­len? Falls ich ir­gend­et­was für Sie tun kann . . .“

Sie hob den Kopf. Ih­re Mie­ne war un­be­weg­lich, ih­re Au­gen aber fun­kel­ten in Trä­nen. „Ich hat­te nicht vor, Sie in Ver­le­gen­heit zu brin­gen. Ent­schul­di­gen Sie. Si­cher hal­ten Sie mich für ziem­lich dumm.“

„Nein“, sag­te er und schau­te sie noch ei­nen Mo­ment län­ger an, ihr blas­ses Ge­sicht, das sie durch rei­ne Wil­lens­an­stren­gung aus­drucks­los zu hal­ten schien. Dann senk­te er den Blick auf sei­ne gro­ßen, kno­chi­gen Hän­de mit den rau­en, mas­si­gen Fin­gern und den Knö­cheln, die wie wei­ße Knäu­fe aus brau­ner Haut rag­ten.

Schließ­lich sag­te er mit lang­sa­mer, schwe­rer Stim­me: „In vie­ler­lei Hin­sicht bin ich ein ziem­lich igno­ran­ter Mensch, und ei­gent­lich bin ich der­je­ni­ge, der dumm ist, nicht Sie. Ich ha­be Sie nicht mehr be­sucht, weil ich dach­te . . . ich hat­te den Ein­druck, ich wür­de Ih­nen zur Last fal­len. Was viel­leicht falsch war.“„Ja“, sag­te sie, „das war es.“Im­mer noch oh­ne sie an­zu­schau­en, fuhr er fort: „Und ich woll­te Ih­nen nicht zu­mu­ten, mit . . . mit mei­nen Ge­füh­len für Sie um­ge­hen zu müs­sen, die, wie ich si­cher wuss­te, frü­her oder spä­ter nicht län­ger zu ver­ber­gen sein wür­den, falls ich Sie wei­ter­hin be­such­te.“

Sie reg­te sich nicht, nur zwei Trä­nen ran­nen über ih­re Wim­pern und ih­re Wan­gen; sie wisch­te sie nicht ab.

„Viel­leicht war das ego­is­tisch. Ich dach­te, es kön­ne zu nichts füh­ren, höchs­tens zu Pein­lich­kei­ten für Sie und zu Un­glück für mich. Sie ken­nen mei­ne . . . Um­stän­de. Es schien mir nicht mög­lich, dass Sie . . . dass Sie et­was an­de­res für mich emp­fin­den könn­ten als . . .“

„Sei still“, sag­te sie lei­se, nach­drück­lich. „Ach, mein Lie­ber, sei still und komm her.“

Er spür­te, wie er zit­ter­te, als er ver­le­gen wie ein Schul­jun­ge um den Couch­tisch ging und sich ne­ben sie setz­te. Zö­ger­lich, tap­sig such­ten sich ih­re Hän­de, dann um­schlan­gen sie sich in ei­ner lin­ki­schen, un­be­que­men Umar­mung, um schließ­lich lan­ge Zeit ein­fach nur da­zu­sit­zen, oh­ne sich zu re­gen, als könn­te die kleins­te Be­we­gung je­nes selt­sa­me, schreck­li­che Et­was ent­kom­men las­sen, das sie in ei­nem ein­zi­gen Griff um­fan­gen hiel­ten.

Ih­re Au­gen, die er für dun­kel­braun oder schwarz ge­hal­ten hat­te, wa­ren von tie­fem Blau. Manch­mal fin­gen sie das schumm­ri­ge Licht ei­ner Zim­mer­lam­pe ein und schim­mer­ten feucht; er konn­te den Kopf in die ei­ne oder an­de­re Rich­tung dre­hen, und die Au­gen in sei­nem Blick än­der­ten die Far­be mit der Be­we­gung, wes­halb sie selbst dann, wenn sie be­we­gungs­los blie­ben, aus­sa­hen, als stün­den sie nie­mals still. Ih­re von Wei­tem so kühl und blass wir­ken­de Haut be­saß ei­nen röt­lich war­men Un­ter­ton wie Licht, das un­ter mil­chi­ger Trans­pa­renz da­hin­strömt. Und wie die trans­pa­ren­te Haut ver­bar­gen Ru­he, Be­son­nen­heit und Zu­rück­hal­tung, die er für ih­re ei­gent­li­chen Cha­rak­ter­zü­ge ge­hal­ten hat­te, ei­ne Wär­me, Ver­spielt­heit und ei­nen Hu­mor, de­ren In­ten­si­tät erst durch den An­schein mög­lich wur­de, der sie ver­barg. – In sei­nem drei­und­vier­zigs­ten Jahr er- fuhr Wil­li­am Sto­ner, was an­de­re, oft weit jün­ge­re Men­schen vor ihm er­fah­ren hat­ten: dass näm­lich je­ne Per­son, die man zu Be­ginn liebt, nicht je­ne Per­son ist, die man am En­de liebt, und dass Lie­be kein Ziel, son­dern der Be­ginn ei­nes Pro­zes­ses ist, durch den ein Mensch ver­sucht, ei­nen an­de­ren ken­nen­zu­ler­nen.

Sie wa­ren bei­de sehr scheu und lern­ten ein­an­der nur lang­sam ken­nen, be­hut­sam; sie ka­men sich nah und trenn­ten sich, be­rühr­ten sich und wi­chen zu­rück, woll­ten bei­de dem an­de­ren nicht mehr zu­mu­ten, als er ver­kraf­ten konn­te. Tag für Tag fie­len Schutz­hül­len, bis sie schließ­lich wie so vie­le, die au­ßer­ge­wöhn­lich schüch­tern sind, für­ein­an­der of­fen wa­ren, un­ge­schützt, voll­kom­men und gänz­lich un­be­fan­gen sie selbst.

Fast je­den Nach­mit­tag kam er nach dem Un­ter­richt zu ihr. Sie lieb­ten sich und re­de­ten und lieb­ten sich er­neut wie Kin­der, die in ih­rem Spiel nicht mü­de wur­den. Die Ta­ge wur­den län­ger, und sie freu­ten sich auf den Som­mer.

Als Wil­li­am Sto­ner sehr jung war, hat­te er die Lie­be für ei­nen voll­kom­me­nen Seins­zu­stand ge­hal­ten, zu dem Zu­gang fand, wer Glück hat­te. Als er er­wach­sen wur­de, sag­te er sich, die Lie­be sei der Him­mel ei­ner fal­schen Re­li­gi­on, dem man mit be­lus­tig­ter Un­gläu­big­keit, va­ge ver­trau­ter Ver­ach­tung und ver­le­ge­ner Sehn­sucht ent­ge­gen­se­hen soll­te. Nun be­gann er zu be­grei­fen, dass die Lie­be we­der Gna­de noch Il­lu­si­on war; viel­mehr hielt er sie für ei­nen Akt der Men­sch­wer­dung, ei­nen Zu­stand, den wir er­schaf­fen und dem wir uns an­pas­sen von Tag zu Tag, von Au­gen­blick zu Au­gen­blick durch Wil­lens­kraft, Klug­heit und Her­zens­gü­te. – Die St­un­den, die er frü­her da­mit ver­bracht hat­te, mit lee­rem Blick aus dem Bü­ro­fens­ter auf ei­ne flir­ren­de, sich in nichts auf­lö­sen­de Land­schaft zu star­ren, ver­brach­te er nun mit Ka­the­ri­ne. Je­den Mor­gen ging er früh ins Bü­ro, blieb rast­lo­se zehn, fünf­zehn Mi­nu­ten, um dann, da er kei­ne Ru­he fand, Jes­se Hall den Rü­cken zu keh­ren und über den Cam­pus zur Bi­b­lio­thek zu ge­hen, wo er wei­te­re zehn, fünf­zehn Mi­nu­ten in Bü­chern blät­ter­te, ehe er, von der selbst auf­er­leg­ten An­span­nung er­löst und als wä­re es ein Spiel, das er mit sich spiel­te, die Bi­b­lio­thek durch den Sei­ten­aus­gang ver­ließ und den Weg zu dem Haus ein­schlug, in dem Ka­the­ri­ne wohn­te.

Sie ar­bei­te­te oft bis spät in der Nacht, und wenn er zu ihr in die Woh­nung kam, war sie an so man­chem Vor­mit­tag ge­ra­de erst auf­ge­wacht, noch warm und sinn­lich vom Schlaf, nackt un­term dun­kel­blau­en Mor­gen­man­tel, den sie sich über­ge­wor­fen hat­te, um die Tür zu öff­nen. An sol­chen Vor­mit­ta­gen lieb­ten sie sich meist, ehe sie mit­ein­an­der re­de­ten, und leg­ten sich ins schma­le Bett, das noch warm und zer­wühlt war von Ka­the­ri­nes Nacht.

Sie hat­te ei­nen schlan­ken, zar­ten und auf sanf­te Wei­se lei­den­schaft­li­chen Kör­per; und wenn er ihn be­rühr­te, schien sei­ne un­be­hol­fe­ne Hand durch ihr Fleisch le­ben­dig zu wer­den. Manch­mal be­staun­te er ih­ren Kör­per, als wä­re er ein ihm zur Auf­be­wah­rung an­ver­trau­ter un­ver­wüst­li­cher Schatz; er ließ sei­ne rau­en Fin­ger über die feuch­te, blass­ro­sa­far­be­ne Haut von Schen­kel und Bauch spie­len und be­wun­der­te die ihm frem­de, schlich­te Zart­heit ih­rer klei­nen, fes­ten Brüs­te. (Fort­set­zung folgt)

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