Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Je nä­her die Au­ßen­welt rück­te, des­to we­ni­ger nah­men sie da­von wahr; und ihr Glück war sol­cher­art, dass sie mit­ein­an­der nicht dar­über zu re­den oder auch nur dar­an zu den­ken brauch­ten. In Ka­the­ri­nes klei­ner, dämm­ri­ger, wie ei­ne Höh­le un­ter dem wuch­ti­gen al­ten Haus ver­bor­ge­ner Woh­nung mein­ten sie, sich au­ßer­halb der Zeit in ei­nem, al­lein von ih­nen ent­deck­ten Uni­ver­sum zu be­we­gen.

En­de April rief Gor­don Finch dann Sto­ner ei­nes Ta­ges er­neut zu sich ins Bü­ro, und Sto­ner ging mit ei­nem dump­fen Ge­fühl, das von ei­nem Wis­sen rühr­te, wel­ches er sich nicht ein­ge­ste­hen woll­te.

Was ge­sche­hen war, war klas­sisch und sim­pel. Sto­ner hät­te es vor­her­se­hen müs­sen, doch das hat­te er nicht.

„Es ist Lo­max“, sag­te Finch. „Ir­gend­wie hat der Hun­de­s­ohn da­von er­fah­ren, und er lässt nicht lo­cker.“

Sto­ner nick­te. „Ich hät­te dar­an den­ken sol­len, hät­te da­mit rech­nen müs­sen. Glaubst du, es hilft, wenn ich mit ihm re­de?“

Finch schüt­tel­te den Kopf, durch­quer­te sein Bü­ro und stell­te sich ans Fens­ter. Das frü­he Nach­mit­tags­licht fiel auf sein vor Schweiß glän­zen­des Ge­sicht, als er mü­de sag­te: „Du ver­stehst nicht, Bill, wie Lo­max vor­geht. Dein Na­me wur­de gar nicht er­wähnt. Er macht es über die­se Dris­coll.“

„Er macht was?“, frag­te Sto­ner ver­dutzt.

„Man könn­te ihn fast da­für be­wun­dern“, ant­wor­te­te Finch. „Ir­gend­wie war ihm ver­dammt klar, dass ich Be­scheid wuss­te. Je­den­falls kam er ges­tern vor­bei, ganz läs­sig, ver­stehst du, sagt mir, er müs­se die Dris­coll feu­ern, und warnt mich auch noch, dass es Är­ger ge­ben kön­ne.“

„Nein“, sag­te Sto­ner, der die Hän­de so fest in die le­der­nen Arm­leh­nen sei­nes Ses­sels ver­grub, dass sie ihm wehta­ten.

„Laut Lo­max“, fuhr Finch fort, „hat es Be­schwer­den ge­ge­ben, haupt­säch­lich von stu­den­ti­scher Sei­te, aber auch von ei­ni­gen Stadt­be­woh­nern. Of­fen­bar hat man zu al­len Zei­ten Män­ner bei ihr ein und aus ge­hen se­hen – of­fen­kun­di­ges Fehl­ver­hal­ten –, ir­gend­et­was die­ser Art. Oh, er hat es ganz wun­der­bar ein­ge­fä­delt; per­sön­lich ha­be er nichts ge­gen sie, be­wun­de­re die jun­ge Frau so­gar, nur müs­se er an den Ruf der Fa­kul­tät und der Uni­ver­si­tät den­ken. Al­so ha­ben wir es be­dau­ert, uns den Vor­schrif­ten ei­ner Mit­tel­klas­se­mo­ral beu­gen zu müs­sen, wa­ren uns ei­nig, dass die Ge­mein­schaft der Ge­lehr­ten ei­gent­lich al­len Re­bel­len ge­gen die pro­tes­tan­ti­sche Ethik ei­ne Zuflucht bie­ten müs­se, und schlos­sen da­mit, dass uns prak­tisch gar kei­ne an­de­re Wahl blei­be. Er sag­te, er hof­fe es noch bis zum Se­mes­ter­en­de lau­fen las­sen zu kön­nen, be­zwei­fel­te dies aber. Und die gan­ze Zeit wuss­te die­ser Hun­de­s­ohn, dass wir ein­an­der nur zu ge­nau ver­stan­den.“

Ein Kloß in der Keh­le sorg­te da­für, dass Sto­ner nicht ant­wor­ten konn­te. Er schluck­te zwei­mal und pro­bier­te es dann er­neut, sei­ne Stim­me klang flach und ton­los. „Was er will, ist na­tür­lich voll­kom­men klar.“

„Ich fürch­te, das ist es“, er­wi­der­te Finch.

„Ich weiß ja, dass er mich hasst“, sag­te Sto­ner wie in Ge­dan­ken, „aber ich hät­te nie ge­glaubt . . . hät­te mir nie träu­men las­sen, er wür­de . . .“

„Ich auch nicht“, sag­te Finch, ging wie­der zum Schreib­tisch und setz­te sich schwer­fäl­lig. „Und ich kann gar nichts da­ge­gen tun, Bill. Mir sind die Hän­de ge­bun­den. Will Lo­max Leu­te, die sich be­schwe­ren, wer­den sie sich mel­den, will er Zeu­gen, wer­den sie kom­men. Er hat vie­le An­hän­ger, weißt du. Und wenn der Prä­si­dent da­von Wind be­kommt . . .“Er schüt­tel­te den Kopf.

„Was, glaubst du, pas­siert, wenn ich mich wei­ge­re, mei­ne Stel­le zu kün­di­gen? Wenn wir uns wei­gern, uns vor ihm zu fürch­ten?“

„Er wird die Dris­coll kreu­zi­gen“, sag­te Finch ton­los. „Und dich wie zu­fäl­lig in die­se Sa­che ver­wi­ckeln. Sehr sau­ber, das Gan­ze.“

„Da kann man dann wohl nichts ma­chen“, sag­te Sto­ner.

„Bill“, setz­te Finch an und ver­stumm­te. Er senk­te den Kopf auf die ge­ball­ten Fäus­te und sag­te dann dumpf: „Es gibt noch ei­ne Chan­ce. Nur die ei­ne. Ich den­ke, ich kann ihn hin­hal­ten, wenn du . . . wenn die Dris­coll ein­fach . . .“

„Nein“, sag­te Sto­ner. „Ich den­ke nicht, dass ich das kann. Ehr­lich, ich glau­be, das kann ich nicht.“

„Gott­ver­flucht!“Finch klang ge­quält. „Ge­nau da­mit rech­net er ja. Denk doch mal ei­nen Au­gen­blick nach. Was willst du ma­chen? Es ist April, fast Mai; was für ei­ne Stel­le wür­dest du um die­se Jah­res­zeit be­kom­men – falls du denn über­haupt ei­ne be­kommst.“

„Ich weiß nicht“, sag­te Sto­ner, „ir­gend­was . . .“

„Und was ist mit Edith? Glaubst du, sie wird sich ein­fach da­mit ab­fin­den und kampf­los in die Schei­dung ein­wil­li­gen? Und Gra­ce? Was tust du ihr da­mit an, in die­ser Stadt, wenn du ein­fach ver­schwin­dest? Und Ka­the­ri­ne? Was für ein Le­ben hät­tet ihr? Wie wür­de es für euch bei­de wer­den?“

Sto­ner sag­te nichts. Ir­gend­wo tief in ihm tat sich ei­ne Lee­re auf; er spür­te, wie et­was ver­dorr­te, un­ter­ging. Schließ­lich sag­te er: „Kannst du mir ei­ne Wo­che Auf­schub ver­schaf­fen? – Ich muss nach­den­ken. Ei­ne Wo­che?“

Finch nick­te. „So lan­ge kann ich ihn be­stimmt hin­hal­ten, al­ler­dings nicht viel län­ger. Tut mir leid, Bill. Aber das weißt du ja.“

„Ja.“Er er­hob sich aus sei­nem Ses­sel und blieb ei­nen Mo­ment ste­hen, prüf­te die Taub­heit in sei­nen Bei­nen. „Ich ge­be dir Be­scheid. Ich ge­be dir Be­scheid, so­bald ich et­was weiß.“

Er trat aus dem Bü­ro ins Dun­kel des lan­gen Flurs und ging mit schwe­rem Schritt ins Son­nen­licht, in die of­fe­ne Welt, die für ihn ein Ge­fäng­nis war, wo­hin er sich auch wand­te.

Wenn er Jah­re spä­ter in sel­te­nen Au­gen­bli­cken an je­ne Ta­ge zu­rück­dach­te, die auf sei­ne Un­ter­hal­tung mit Gor­don Finch folg­ten, wür­de er sich nicht be­son­ders deut­lich dar­an er­in­nern kön­nen. Er hat­te sich wie ein To­ter ge­fühlt, der nur noch von ei­ner ver­trau­ten, ent­schlos­se­nen Stur­köp­fig­keit an­ge­trie­ben wur­de. Und doch war er sich sei­ner selbst so­wie der Or­te, Per­so­nen und Er­eig­nis­se, die in je­nen we­ni­gen Ta­gen an ihm vor­über­zo­gen, nur all­zu be­wusst ge­we­sen, hat­te ge­spürt, dass er der Öf­fent­lich­keit ei­nen An­blick bot, der sei­nen Zu­stand Lü­gen straf­te. Er hielt Vor­le­sun­gen, grüß­te Kol­le­gen, kam zu den Sit­zun­gen, an de­nen er teil­neh­men muss­te – und kei­ner der Leu­te, die er tag­täg­lich traf, ahn­te, dass ir­gend­et­was nicht stimm­te.

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