Sto­ner

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - UNTERHALTUNG -

Er nahm stark ab, und zu den Nach­wir­kun­gen des Fie­bers zähl­te auch, dass er teil­wei­se sein Ge­hör ver­lor. Den gan­zen Som­mer über war er so schwach und lust­los, dass er nur we­ni­ge Schrit­te ge­hen konn­te, ehe er er­schöpft in­ne­hal­ten muss­te; und er ver­brach­te na­he­zu die gan­ze Zeit in dem klei­nen Win­ter­gar­ten hin­ten im Haus, lag auf dem Schlaf­sofa oder saß in dem al­ten Ses­sel, den er aus dem Kel­ler hat­te her­auf­brin­gen las­sen. Er starr­te aus den Fens­tern oder an die Holz­de­cke, und hin und wie­der raff­te er sich auf, um in die Kü­che zu ge­hen und ei­nen Hap­pen zu es­sen.

Er be­saß kaum ge­nü­gend Ener­gie, sich mit Edith oder Gra­ce zu un­ter­hal­ten – auch wenn Edith manch­mal in sein Zim­mer kam, ei­ni­ge Mi­nu­ten über Be­lang­lo­ses plau­der­te und dann eben­so ab­rupt wie­der ver­schwand, wie sie bei ihm ein­ge­drun­gen war.

Ein­mal, mit­ten im Som­mer, er­wähn­te sie Ka­the­ri­ne.

„Ich ha­be es erst vor ein, zwei Ta­gen ge­hört“, sag­te sie. „Dei­ne klei­ne Stu­den­tin ist al­so wie­der ver­schwun­den?“

Nur mit Mü­he konn­te er sei­ne Auf­merk­sam­keit vom Fens­ter ab­wen­den und sich zu Edith um­dre­hen. „Ja“, ant­wor­te­te er ge­dul­dig.

„Wie heißt sie noch?“, frag­te Edith. „Ich kann mir ih­ren Na­men ein­fach nicht mer­ken.“

„Ka­the­ri­ne“, sag­te er. „Ka­the­ri­ne Dris­coll.“

„Rich­tig“, sag­te Edith. „Ka­the­ri­ne Dris­coll. Nun, hat­te ich nicht recht? Ich ha­be es doch ge­sagt, nicht? So et­was ist ein­fach nicht wich­tig.“

Er nick­te zer­streut. Drau­ßen, in der al­ten Ul­me, die sich an den hin­te­ren Zaun lehn­te, hat­te ein gro­ßer schwarz-wei­ßer Vo­gel – ei­ne Els­ter – zu tschir­pen be­gon­nen. Er hör­te ih­ren Ruf und be­ob­ach­te­te mit ent­rück­ter Fas­zi­na­ti­on, wie sie mit weit of­fe­nem Schna­bel ih­ren ein­sa­men Schrei aus­stieß.

Er war in je­nem Som­mer ra­pi­de ge­al­tert, so­dass es im Herbst, als er an die Uni­ver­si­tät zu­rück­kehr­te, nur we­ni­ge gab, die nicht über­rascht zu­sam­men­zuck­ten, als sie ihn wie­der­sa­hen. Tie­fe Fur­chen durch­zo­gen das ha­ger und kno­chig ge­wor­de­ne Ge­sicht; im Haar zeig­ten sich brei­te graue Strei­fen, und er ging so stark ge­beugt, als trü­ge er ei­ne un­sicht­ba­re Last. Die Stim­me war rau­er ge­wor­den und klang et­was brüsk. Zu­dem be­saß er die An­ge­wohn­heit, sein Ge­gen­über mit ge­senk­tem Kopf an­zu­star­ren, der Blick aus den kla­ren grau­en Au­gen un­ter zer­zaus­ten Brau­en übel­lau­nig und scharf. Er sprach nur sel­ten mit je­mand an­de­rem als sei­nen Stu­den­ten, und auf ei­ne Fra­ge oder ei­nen Gruß re­agier­te er oft un­ge­dul­dig und manch­mal recht barsch.

Er er­le­dig­te sei­ne Ar­beit so hart­nä­ckig und ver­bis­sen, dass es sei­ne äl­te­ren Kol­le­gen amü­sier­te und die jün­ge­ren ver­är­ger­te, die, wie er selbst, nur Ein­füh­rungs­kur­se ga­ben. Stun­den­lang kor­ri­gier­te und be­no­te­te er Erst­se­mes­ter­ar­bei­ten, hielt je­den Tag Sprech­stun­den ab und ging zu­ver­läs­sig zu al­len Fach­be­reichs­tref­fen. Auf die­sen Sit­zun­gen öff­ne­te er nur sel­ten den Mund, doch wenn er es tat, dann re­de­te er oh­ne Takt und Rück­sicht, wes­halb er sich un­ter Kol­le­gen den Ruf er­warb, gries­grä­mig und un­leid­lich zu sein. Zu den jün­ge­ren Stu­den­ten war er stets sanft und nach­sich­tig, auch wenn er ih­nen mit ei­nem un­per­sön­li­chen Nach­druck, den vie­le nicht ver­stan­den, mehr Ar­beit ab­ver­lang­te, als sie zu leis­ten be­reit wa­ren.

Un­ter sei­nen Kol­le­gen – vor al­lem den jün­ge­ren – galt es als aus­ge­macht, dass er ein ,en­ga­gier­ter’ Do­zent war, ein Aus­druck, den sie halb nei­disch, halb ver­ächt­lich be­nutz­ten, da ihn sein En­ga­ge­ment in ih­ren Au­gen blind für al­les mach­te, was au­ßer­halb des Se­mi­nar­raums oder gar au­ßer­halb der Uni­ver­si­tät ab­lief. Ers­te Wit­ze ka­men auf. Nach ei­nem Fa­kul­täts­tref­fen, auf dem sich Sto­ner un­ver­blümt über ei­ni­ge neue­re Ex­pe­ri­men­te im Gram­ma­tik­un­ter­richt ge­äu­ßert hat­te, mein­te ein jün­ge­rer Do­zent: „Für Sto­ner sind Kon­ju­ga­ti­on und Ko­pu­la­ti­on das­sel­be“, um sich dann über das Ge­läch­ter und die be­deu­tungs­vol­len Bli­cke zu wun­dern, die ei­ni­ge der äl­te­ren Män­ner un­ter­ein­an­der aus­tausch­ten. Je­mand an­de­res sag­te: „Der al­te Sto­ner glaubt, die Ab­kür­zung für die Ar­beits­be­schaf­fungs­be­hör­de WPA ste­he für Wi­der­sprüch­lich Par­ti­zi­pia­le Ad­jek­ti­ve“, und durf­te zu sei­ner Ge­nug­tu­ung fest­stel­len, dass sein Witz­chen gern wei­ter­erzählt wur­de. Wil­li­am Sto­ner kann­te die Welt je­doch, wie sie nur we­ni­ge sei­ner jün­ge­ren Kol­le­gen kann­ten. Tief drin­nen, tie­fer als sein Ge­dächt­nis reich­te, war das Wis­sen um Hun­ger und Not, Aus­dau­er und Schmerz ver­bor­gen. Und ob­wohl er nur sel­ten an sei­ne frü­hen Jah­re auf der Farm in Boo­ne­vil­le dach­te, war sei­nem Be­wusst­sein je­nes Wis­sen doch nie fern, das ihm von Vor­fah­ren ver­erbt wor­den war, die ihr un­be­ach­te­tes, har­tes Le­ben sto­isch er­tra­gen und es sich zur De­vi­se ge­macht hat­ten, ei­ner er­drü­cken­den Welt ein aus­drucks­lo­ses, har­tes, düs­te­res Ge­sicht zu zei­gen. Auch wenn er die Zei­ten, in de­nen er leb­te, mit schein­ba­rem Gleich­mut er­trug, war er sich ih­rer doch sehr be­wusst. Im Lau­fe je­nes Jahr­zehnts, in de­nen die Ge­sich­ter vie­ler Men­schen end­gül­tig so kalt und hart wur­den, als schau­ten sie in ei­nen Ab­grund, sah Wil­li­am Sto­ner, für den die­ser Blick ver­traut war wie die ei­ge­ne Atem­luft, An­zei­chen je­ner all­ge­mei­nen Ver­zweif­lung, die er seit sei­ner Kn­a­ben­zeit kann­te. Er sah gu­te Men­schen lang­sam der Hoff­nungs­lo­sig­keit an­heim­fal­len, in­ner­lich so zer­bro­chen wie ih­re Vor­stel­lun­gen von ei­nem an­stän­di­gen Le­ben; er sah sie ziel­los durch die Stra­ßen ir­ren, die Au­gen blank wie Glas­split­ter; er sah sie mit dem bit­te­ren Stolz von Men­schen, die zu ih­rer Hin­rich­tung ge­hen, an Hin­ter­tü­ren klop­fen und um Brot bet­teln, das es ih­nen er­laub­te, am nächs­ten Tag er­neut zu bet­teln; und er sah, wie ihn Men­schen mit ehe­mals auf­rech­tem und selbst­be­wuss­tem Schritt vol­ler Neid und Hass an­sa­hen, weil er die er­bärm­li­che Si­cher­heit des Festan­ge­stell­ten ei­ner In­sti­tu­ti­on ge­noss, die ir­gend­wie nicht schei­tern konn­te. Er re­de­te kaum über das, was er sah, doch das Wis­sen um die all­ge­mei­ne Mi­se­re rühr­te ihn und ver­än­der­te ihn auf ei­ne Wei­se, die den Bli­cken an­de­rer Men­schen ver­bor­gen blieb; ein stil­ler Kum­mer um die all­ge­mei­ne Not­la­ge ver­ließ ihn in kei­nem Mo­ment sei­nes Da­seins. Wie um ei­nen fer­nen Alb­traum wuss­te er auch um die Ve­rän­de­run­gen in Eu­ro­pa, und als sich Fran­co im Ju­li 1936 ge­gen die spa­ni­sche Re­gie­rung er­hob und Hit­ler die­se Re­vol­te zu ei­nem rich­ti­gen Krieg an­fach­te, wur­de es Sto­ner wie so vie­len an­de­ren übel bei dem Ge­dan­ken an die­sen Alb, der aus dem Traum in die Welt ein­fiel.

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